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15.06.2016

Warum Streaming das nächste große Ding für Digital-DJs wird

Spotify, Pulselocker, Pioneer, Algoriddim ...

Dass kompatible Standards die Marktsituation aller beteiligten Unternehmen dramatisch verbessern, lernt man im BWL-Grundkurs. Egal ob nun Midi, USB, VST, CD, Europalette oder ISO-Hochsee-Container – immer wenn es einen verlässlichen, gemeinsamen und am besten quelloffenen Standard gibt, gehen die Verkaufszahlen durch die Decke. Das Wissen darum dürfte auch den Herstellern von DJ-Hard- und Software nicht unbekannt sein – allein, es scheint sie nicht besonders zu kümmern.

Denn fast alle kochen in Hinblick auf Playlisten-Formate, Controller-Unterstützung und Adressierung, Metadaten und Analysefiles ihr eigenes Süppchen. Controller A wird auf Anhieb von Software A erkannt, nicht aber von Software B. Software B arbeitet erst nach Installation – oder noch mühsamer: dem händischen Erstellen – einer komplexen Mapping-Datei mit Controller A zusammen. Alles nix, was man mal eben beiläufig beim abendlichen DJ-Wechsel in der schummerigen DJ-Booth macht. Am Ende resultiert das in den bekannten, großflächigen, ziemlich unsexy aussehenden Aneinanderreihungen von DJ-Controllern und Laptops auf dem DJ-Tisch – nicht selten noch ergänzt um Turntables und CD-Player für die Fraktion der Traditionalisten.

Anstatt sich nun aber zusammen an einen Tisch zu setzen und die Sache zu vereinheitlichen, versuchen viele Hersteller entweder den Weg der Marktmacht einzuschlagen – sei es durch Superhammerfeatures, die sonst kein anderer hat, durch intensives Marketing oder schlicht über einen günstigen Preis. Das ist für sich genommen gut und schön, bringt das Thema insgesamt aber keinen Schritt voran. Vor allen Dingen nicht dahin, wo der bezaubernde Charme eines klassischen Zwei-Turntables-plus-Mixer-Setups liegt. Dass man als DJ nämlich nur eine einzige Sache dabei haben muss, um einsatzbereit zu sein: Seine Platten – mehr nicht.

Den frischen Wind, der da aus dem Bereich Streaming weht, haben Algoriddim natürlich nicht für sich alleine gebucht. Auch Pioneer bringen ihre Rekordbox-Software in Kooperation mit Pulselocker bereits in Position für das große Streaming-Rennen. Pulselocker haben sich klugerweise bereits in Offline-Feature ausgedacht, das für einen etwas höheren Abo-Preis (19,99 Euro) auch den lokalen Download der Audiodateien ermöglicht.

Es ist das Feature der Spotify-Unterstützung in der beliebten Multi-Plattform-DJ-Software "Djay" von Algoriddim, das bei mir unlängst für ein Aha-Erlebnis sorgte. Für Leser, die sich mit der Thematik noch gar nicht beschäftigt haben, empfehle ich an dieser Stelle die Lektüre des Features meines Kollegen Westermeier. Kurz gesagt geht es darum, dass sich – ein entsprechendes Online-Musik-Streaming-Abo vorausgesetzt – Stücke temporär direkt in die DJ-Software laden und DJ-tauglich manipulieren lassen.

Da ich sowohl Djay gerne zum Auflegen nutze, wie auch Premium-Nutzer bei Spotify bin, konnte ich von dieser Methode bereits umfangreich Gebrauch machen und möchte vor diesem Hintergrund eine Vision vom "Digitalen Auflegen 3.0" skizzieren und warum ich bereit wäre, für einen optimierten Streaming-Service auch 25 Euro im Monat zu bezahlen.

Die Vorteile

Zunächst einmal will ich aus DJ-Sicht einige der dramatischen Vorteile beschreiben, die sich jetzt schon jetzt durch das Auflegen mit einem Online-Streaming-Dienst ergeben: Da ist zunächst einmal die Musikvorbereitung. Ich höre (und entdecke) über Spotify gerne Musik. Das liegt in der Natur eines Online-Dienstes, den man immer dabei haben kann - zu Hause, im Auto und am Baggersee.

Möchte ich einen Titel in eine meine Playlisten verschieben, ist das ein Fingerstreich, egal wo ich bin. Kein Vergleich zu meinen realen Plattenkauf-Sessions im Laden (was natürlich auch seine sozialen Vorteile hat) und auch nicht zu den (recht kostspieligen) Nachmittagen, die ich bei Beatport und Konsorten verbracht habe, gefesselt an meinen Arbeitsplatz, weil ich nur dort auch den Zugang zu den Online-Bezahlmöglichkeiten hatte.

Die musikalische Qualität meiner Sets hat dadurch in vielerlei Hinsicht eine hörbare Verbesserung erfahren, denn sie sind vielfältiger und mutiger, manchmal (falls erforderlich) auch stringenter und – falls die Party das verlangt - kohärenter geworden. Warum?

Nun, zum einen habe ich mehr Stücke innerhalb einer bestimmten Stilistik zur Hand (kostet ja nix extra), andererseits ziehe ich mir auch den einen oder anderen Track in eine meiner Playlisten, den ich früher vielleicht nicht gekauft hätte, weil ich mein kostbares Geld nur in – ich nenne sie mal - "100%-Nummern" investiert hätte. Tracks also, von denen ich weiß, dass sie auf der Tanzfläche funktionieren. Heute probiere ich viel eher auch mal eine Nummer aus, von der ich mir nicht sicher bin, ob die Crowd auch mitgeht – wenn nicht, hat mich das maximal fünf Minuten Sympathie von der Tanzfläche gekostet, mehr nicht.

In der Praxis

Nachdem ich dank Online-Streaming also von überall meine Playlisten reichhaltig und abwechslungsreich befüllen kann, nehme ich später am Abend lediglich noch mein iPad und einen kleinen Controller in den Club und bin startklar. Meinen virtuellen "Plattenkoffer" habe ich ja dabei, da bislang fast alle Clubs, in denen ich in jüngerer Zeit spielte, über ein performantes W-Lan verfügten. Und zur Not muss ich eben die Mobilfunkverbindung meines iPad aktivieren. Das ist übrigens einer der Gründe, warum ich gerne bereit wäre, für einen Service, der auch die Offline-Nutzung des Materials erlaubt, einen weitaus höheres Nutzungsentgelt zu bezahlen, als die – mir ohnehin suspekt niedrig erscheinenden – 10 Euro.

Wenn ich dann, das Publikum aufmerksam lesend, die musikalische Marschrichtung gefunden habe (natürlich mit der Option, sie jederzeit auch wieder verlassen zu können), kann ich aus dem Vollen schöpfen, denn ich habe ja meine gesamte Sammlung dabei. Das ist gut für die Crowd, vor allem aber für mich, denn ich spiele jetzt viel öfter neue und andere Tracks, was dem DJ natürlich weitaus mehr Spaß macht, als immer seine persönliche Best-of-Playlist runter zu nudeln. Und: ich kann zum einen jetzt tatsächlich gelegentlich Musikwünsche von mir qualifiziert erscheinenden Zuhörern entgegen nehmen, zum anderen spinkse ich mir viel häufiger und lieber den einen oder anderen Track ab, den eine Kollegin in ihrer Playlist hat, denn er landet ja - ohne mühsames Abfotografieren oder Aufschreiben – direkt in meiner Online-Musikbibliothek.

Hier wäre übrigens die zweite Wegmarke zu setzen, an der ich bereit wäre, mehr für Spotify zu bezahlen, denn die Content-Infrastruktur erscheint mir in Bezug auf extra rare oder extrem neue Tracks noch etwas verbesserungswürdig (hier hat Beatport immer noch die Nase vorn).

Mach Du mal

Zusammenfassend stelle ich fest, dass Online-Streaming in Bezug auf die Qualität, Variabilität und Flexibilität eines DJ-Sets einen höchst positiven Einfluss hat oder haben kann. Hinzu kommt der Umstand, dass der Zugriff auf die Plattensammlung von jedem Ort der Welt aus erfolgen kann – ein Login genügt. Und hier finde ich den Schwenk zu meiner Vision eines "Auflegen 3.0 Szenarios":

Tatsächlich passierte es mir unlängst, dass ich – um pünktlich anzufangen hatte ich auf das Abendessen verzichtet - mit knurrendem Magen an einem schlecht besuchten Abend im Club stand. Ein befreundeter DJ – auch Spotify-Nutzer - war zugegen und ich fragte ihn, ob er nicht mal eben übernehmen will, während ich meinem Körper Nährstoffe zuführe. Gesagt, getan: Er kannte zwar Algoriddim Djay nicht, das war aber für ihn, als erfahrenem DJ in fünf Minuten abgehakt.

Ich überbrückte den Handover mit einer CD, er loggte sich bei Spotify ein und konnte von da an das Publikum mit allem, was er zu bieten hat, unterhalten. Ich hörte ihm später dann noch mehr als eine Stunde selber tanzend zu, bevor wir dann wieder wechselten.

Und da war sie plötzlich wieder, diese unvergleichliche Einfachheit, die auch das Auflegen mit Vinyl auszeichnet – nur eben mit den ganzen Annehmlichkeiten digitaler DJ-Systeme, wie Loops, Filter, Effekte und natürlich auch der Sync-Option. Jetzt stellen wir uns einfach noch mal vor, dass das in dieser Form auch im Zusammenspiel mit der gesamten Premium-DJ-Hardware funktionieren würde: Ein iPad oder Notebook plus DJ-Software mit der Möglichkeit, sich auch mit mehreren Streaming-Accounts anzumelden, dazu noch ein guter Controller oder ein Verbund aus Multimedia-Playern und Mixer und jeder, der an diesem Abend auflegt, sollte sich eigentlich wie zu Hause fühlen und bestens arbeiten können. Dazu noch ein aufgebohrtes Spotify mit allen brandaktuellen Tracks (und einer entsprechend attraktiven Vergütung für die Künstler) und der Möglichkeit, eigene Stücke "Soundcloud-mäßig" in einem geschützten Bereich des User-Accounts hochzuladen (wenn man mal ein Bootleg von sich spielen will) und fertig ist der neue, globale DJ-Standard.

Positive Seiteneffekte, wie die Option, dass man sich die Playlisten von DJs am nächsten Tag noch mal anhört oder sogar selber "nachspielt", man dabei neue Künstler für sich entdeckt und feststellen kann, dass auch Top-DJs nur mit Wasser kochen, muss man gar nicht groß erwähnen.

Noch interessanter ist tatsächlich die dadurch gegebene Möglichkeit, wirklich alle im Lauf eines DJ-Sets gespielten Tracks fair zu vergüten, was über die Mechanismen der GEMA bislang nur sehr granular erfolgt. Gerade während ich diese Zeilen schreibe, lese ich die Ankündigung seitens Spotify, künftig auch DJ-Mixe über ihr Portal zu hosten. Und das mit einer genauen Abrechnung pro Track. Fehlt eben nur noch, dass auch die Vergütung in angemessene Bereiche rückt.

Resümee

Natürlich habe auch ich keine Glaskugel, die die Zukunft im Breitbildformat vor uns ausbreitet. Wenn man aber einmal Bekanntschaft mit den Möglichkeiten des Verbunds aus DJ-Software mit Musik-Streaming gemacht hat, bekommt man ein ziemlich deutliches 'Ja, das ist es – das wird kommen'-Gefühl. Derzeit kann man allerdings den Eindruck gewinnen, dass viele Hersteller von DJ-Software das noch nicht in voller Breite realisiert haben. Vielfach wird sich dort noch an die Weiterentwicklung des eigenen Systems geklammert, anstatt die Software für die Möglichkeiten von Streaming-Angeboten zu öffnen. Unter Umständen rächt sich das schneller als man denkt. Spätestens dann, wenn Streaming das klassische Download-System vom Markt gedrängt hat. Die sichtbaren Probleme von Beatport und die Gerüchte um eine mögliche Schließung des Apple Download-Store, sind meiner Meinung nach jedenfalls deutliche Indizien dafür.

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