Keyboards
Test
3
12.04.2019

Praxis

Inbetriebnahme & Bedienung

Das V3 Sound Grand Piano XXL nimmt MIDI-Informationen wahlweise über DIN- oder USB-MIDI entgegen. Liegt der Strombedarf eines via USB-angeschlossenen Keyboards unterhalb von 500 Milliampere, versorgt das V3-Modul dieses freundlicherweise mit. Ab diesem Punkt ist die Arbeit mit dem Expander allerdings ein bisschen wie mit einer „Black Box“, denn außer einer Power- und einer Activity-Led, die Auskunft über eingehende MIDI-Daten liefert, gibt das geheimnisvolle schwarze Dreieck keine weiteren Informationen über sich preis. Um also zu wissen, welche Programm-Nummer welchen Sound auswählt, ist der Blick in die Dokumentation unerlässlich. Hier erfährt man dann auch, dass der gesamte Soundvorrat in fünf Bänke aufgeteilt ist, zwischen denen man via MSB-Kommando umschaltet.

Mein Plan, mein geliebtes „Zarenbourg“ mit anständigen Piano-Klängen aufzumotzen schlägt also zunächst einmal fehl, weil sich mit den Bedienelementen des Waldorf-Keyboards zum einen nur die Programmplätze 1 - 28 anwählen lassen, zum anderen der Volume-Regler fest auf den MIDI-Controller „Decay (75)“ adressiert ist und somit die kleinste Veränderung an der Lautstärke direkt in einem veränderten Decay des angeschlossenen Grand Piano XXL resultiert.

Zur vollen Kontrolle über das enigmatische Dreieck muss also entweder ein vollwertiges MIDI-Controller-Keyboard her, oder aber doch ein zwischengeschalteter Computer die Aufgabe des MIDI-Kommandanten übernehmen. Gerne sähe ich vom Hersteller hier ein Editor Plug-In, das man einfach in den entsprechenden MIDI-Kanal der DAW zieht, um die direkte Kontrolle über die Parameter und die Klangauswahl des Grand Piano XXL zu haben.

Wie so etwas perfekt zu machen ist, zeigen beispielsweise „IK Multimedia“ mit ihrem kostenlosen „Uno Synth Editor“, dessen MIDI-Befehle sich aus der DAW heraus hervorragend steuern lassen. Hinzu kommt, dass nicht alle DAWs in der Lage sind MSB-Kommandos von MIDI-Spuren aus zu senden. Der Umstand, dass zwischenzeitlich ein cleverer Programmierer mit der Windows-App „MIDIToolEx“ (Rapsoft) aus der Not heraus und in Eigenregie ein Programm entwickelt hat, das im Wesentlichen dafür sorgt, diese „unzugänglichen“ Parameter (der V3 Serie und des Keytron SD1000) im Griff zu halten, zeigt jedenfalls deutlich, dass der Bedarf für so eine Software (ein Test folgt) seitens der Anwenderschaft besteht.

Ist der Rechner erst einmal mit im Spiel, lässt sich auch die Multi-Timbralität des Expanders nutzen. Damit kann die kleine Box auf allen sechzehn MIDI-Kanälen angesprochen werden, wobei Kanalnummer ‚zehn‘ für Drums reserviert ist. Und auch, wenn die gesamte Klangerzeugung in der Lage ist stattliche 256 Mono-Stimmen auszugeben, sollte man es mit der Opulenz des Arrangements nicht übertreiben, denn viele Sounds sind mehrfach gelayert und benötigen so bis zu sechs Stimmen pro Note. Bringt man dann noch das Legato-Pedal zum Einsatz, sind schnell 60 und mehr Stimmen in einer Spur okkupiert.

Klang

Der Soundvorrat des Grand Piano XXL ist gigantisch und deckt so ziemlich alles ab, was in populärer und traditioneller westlicher Musik zu hören ist. Neben den beiden Flügelsamples findet sich hier ein ganzer LKW an E-Pianos, Orgeln in allen erdenklichen Registrierungen, Akkordeons bis die Lederhose kracht, und jede Menge anderer akustischer und semi-akustischer Klänge. Daneben steht ein umfangreiches Arsenal an synthetischen Sounds bereit, das von Flächen über Leads bis zu Bässen reicht. Da es so gut wie unmöglich ist, alle Soundgruppen vorzustellen, werde ich mich im Folgenden exemplarisch durch einige der gängigen Sounds arbeiten.

Der erste Griff geht natürlich in Richtung der beiden Flügelklänge, von denen der eine (Hamburg) offenkundig einem „Steinway & Sohn Model D“, der andere (Vienna) einem „Bösendorfer Imperial“ entliehen ist. Dabei wird schnell klar, dass das Piano XXL nicht an den Obertonreichtum und die Plastizität meiner aktuellen Referenz (Spitfire Audio, Hans Zimmer Piano) herankommt. Zugegeben: Ein halbes Terabyte gegen 4 Gigabyte ist ein unfaires Gefecht. Ziehen wir also als Beispiel das GEWA UP360G heran, das mit einer ähnlichen Speicherausstattung bestückt ist. Hierbei wird deutlich, dass der Klang des Piano XXL besonders in den Mittenlagen deutlich dünner und aufgeräumter wirkt – was insbesondere daran liegt, dass der Gehäuse- und der Saitenresonanz keine Beachtung geschenkt wird.

Es sei denn, man dreht den Reverb-Regler hoch. Dann allerdings, kommt zur Resonanz eben noch der Raumanteil dazu, was nicht immer gewünscht ist. Wobei jede Medaille ihre zwei Seiten hat, möchte man die Pianos nämlich im Ensemble-Kontext einsetzen, kann die etwas unscheinbarere Klanglichkeit der Hochmitten unter Umständen sogar besser funktionieren, als ein höhenreicher und brillanter Klang. Beide Pianos funktionieren entsprechend im Ensemble-Kontext sehr gut, als Solo-Piano – aufgrund der Resonanz/Hall-Mischung – nur bedingt.

Alle Pianos liegen auch in verschiedenen gelayerten Varianten vor, die eine sehr gute Spieltauglichkeit besitzen: Nicht zu aufdringlich, nicht zu unscheinbar – genau richtig, um sie ohne Vorhören während einer Abendveranstaltung zum Einsatz zu bringen.

Auch dem Thema E-Piano widmet der Samplespeicher ein gehöriges Stück seiner Kapazitäten: Geboten wird eine reichhaltige Auswahl von „MK1“ bis „Wurlitzer A200“, jeweils in Variationen mit Vibrato und unterschiedlichsten Layern (Pad, FM, MKS).

Den nächsten großen Block an Sounds bilden Orgeln. V3 Sound gehen das Thema professionell an, indem sie in jedem Soundnamen die zugehörige, neunstellige Zugriegel-Einstellung verklausulieren. Einige der Sounds orientieren sich sogar an den Trademark-Settings legendärer Organisten wie Jimmy Smith, Brian Auger oder Joey DeFrancesco.

Eine ganze Reihe an Sounds sind durch Oktavierung und/oder einem verzögerten zweiten Layer ausgestattet und ermöglichen so ausgesprochen interessante Klangepisoden.

Weder Positives noch Negatives gibt es von den Solo-Instrumenten zu berichten. Sie rangieren alle in brauchbarer Qualität, die in einem Band- oder MIDI-Arrangement nicht unangenehm auffällt. Tendenziell gefielen mir hier Zupf- und Tasteninstrumente etwas besser als die Bläser. Hier eine kleine (subjektiv-exemplarische) Gegenüberstellung von Solo Brass mit Akkordeon.

Hören wir auch noch mal in einige der gebräuchlichen Zupf- und Schlaginstrumente hinein.

Gut gefiel mir besonders die elektronische Fraktion und dort die Pads. Sie sind durch die Bank schön texturiert und bieten einen hohen praktischen Nutzwert – sprich: Sie fügen sich problemlos in jedes Arrangement ein.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare