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24.06.2016

Technics SL-1200 GAE Test Preview

DJ- und Hi-Fi-Plattenspieler

Neuauflage des legendären Turntables

In der Woche vom 13. bis zum 18. Juni wurde im Berliner Art & Records Pop-Up Shop Kisuna der neue Technics SL-1200 GAE Turntable vorgeführt und auch von Berliner Szene-DJs bespielt. Er ist auf 1200 Exemplare limitiert, er ist edel und er ist teuer, es ist der wahrscheinlich beste „Zwölfzehner“, den es jemals gab. Aber warum kostet er so viel? Wie fühlt er sich an? Und wer braucht den? Bonedo-Autor Mijk van Dijk hatte ebenfalls Gelegenheit, mit dem Technics SL-1200 GAE aufzulegen. Hier sein Eindruck in unserer Test Preview.

Details

Ein Band, das nicht zerreißt

Die Firma Technics hatte den Kisuna Store sehr bewusst für die Präsentation des SL-1200 GAE gewählt. Mitten in Berlin-Mitte werden neben traditionellen japanischen Kimonos und Töpferwaren auch Schallplatten verkauft, die Ladenbesitzerin trägt zufälligerweise sogar den gleichen Nachnamen wie Michiko Ugawa, die Direktorin von Technics und Kisuna selbst bedeutet: „eine tiefe Beziehung, ein Band, das nicht zerreißt“. Besser könnte man das Verhältnis der Firma Technics zur Wiederauflage ihres bekanntesten Produkts zum 50-jährigen Firmenjubiläum nicht beschreiben.

1970 stellte Technics den SP-10-Plattenspieler vor. Es war der erste Plattenspieler der Welt mit einem Direct Drive Motor. Der 1972 vorgestellte SL-1200 sah dem Technics SL-1200 MkII schon sehr ähnlich, der dann ab 1979 nahezu unverändert bis zum SL-1200 Mk.6 gebaut und zum Geburtshelfer von Hip-Hop, House und DJ-Kultur wurde. Der starke Direktantrieb, die robuste Verarbeitung, der lange Pitchfader, die Quarzsteuerung für verbesserte Laufruhe und die ergonomische Anordnung aller Bedienelemente machten moderne Scratch- und Mixtechniken überhaupt erst möglich.

Deshalb wurde das ikonische Design auch von quasi allen Club-Turntable-Herstellern übernommen: Die Anordnung von Pitchfader, Start/Stopp-Taster und das Feeling des Plattentellers sind jedem echten Vinyl-DJ in Fleisch und Blut übergegangen. Das, was der Gitarrenhals für einen Gitarristen ist, ist der Plattenteller für den DJ – der direkte Zugang zum Ton seines Instruments.

Und obwohl auch andere Firmen schöne Plattenspieler haben, mit noch stärkeren Motoren und innovativen Features, wurde nur der 1210er zum Kultobjekt. Andere Turntables fühlen sich einfach anders an. Selbst als die DJ-Booth ab Ende der 00er Jahre immer mehr von Pioneer CDJs und Laptop/Controller-Setups dominiert wurde,  schien der „Zwölfzehner“, obwohl immer seltener genutzt, wie eine beruhigende konstante Verbindung zur guten alten Zeit des Vinyldrehens. Die Modellbezeichnung 1200 meint übrigens stets silberfarbene Modelle, 1210 steht für die schwarze Variante.

Got till it’s gone

Als Technics’ Mutterfirma Panasonic den Klassiker dann Ende Oktober 2010 einstellte, ging ein Aufschrei durch die DJ-Community. Man weiß halt oft erst zu schätzen, was man hat, wenn es plötzlich nicht mehr da ist. Ende 2015 kündigte Technics dann einen neuen Turntable an. Allerdings keine einfache Fortführung der Serie.

Reiner Pohl, Markenbotschafter von Technics in Deutschland erklärt: „Technics hat 2010 den 1210er eingestellt, um die Marktsituation neu zu analysieren. Im Zuge der digitalen Revolution wurden die Abspielgeräte immer günstiger, aber die Klangqualität und die technische Ausführung auch immer schlechter. Das war für Technics nicht akzeptabel und so betrieb die Firma Grundlagenforschung.“

Spezielle Schaltkreise und neue Fertigungsmethoden wurden entwickelt, um eine möglichst perfekte Klangübertragung zu gewährleisten. Die einzelnen Bauteile haben einen hohen Selektionsgrad und bestehen aus ausgesuchten Materialien.  So besteht der Tonarm beispielsweise nicht aus Aluminium, sondern er ist aus Magnesium „kalt gezogen“.

Magnesium ist ein sehr leichtes Material, reflektionsarm, vibrationsarm und praktisch ohne Eigenklang. Leider verändert es sich aufgrund seiner molekularen Eigenschaften, wenn es erhitzt wird, so dass Technics eine Methode entwickelte, den Tonarm im kalten Zustand zu formen.

Auch der Plattenteller ist speziell. Beim klassischen 1210er ist er bekanntlich aus Druckguss-Aluminium geformt. Klopft man auf den äußeren Rand des nackten Plattentellers, so erklingt ein Ton, ähnlich einer dumpfen Stimmgabel oder eines kleinen Gongs. Das ist übrigens auch der Grund für die Turntable-Rückkopplungen auf einer lauten Bühne: Der Schalldruck der Monitore bringt den Plattenteller in Schwingung, diese gibt er über den Tonabnehmer wieder zu den Boxen weiter, diese wiederum regen die Schwingungen des Plattentellers an und so weiter.

Der Plattenteller des SL-1200 GAE besteht aus drei Schichten. Ganz oben befindet sich die fette Messingplatte. Da klingt nichts beim Draufklopfen. Darunter befindet sich der eigentliche Plattenteller aus Druckguss-Aluminium, darunter ist dann noch eine Bitumenschicht gegengedampft. Dadurch ist der Plattenteller nicht nur komplett vibrationsbefreit, er ist auch entmagnetisiert, da es keine magnetischen Flüsse mehr auf dem Plattenteller gibt. Das ist wichtig, um z.B. auch sehr hochwertige MC-Tonabnehmersysteme (Moving Coil) mit bewegter Spule benutzen zu können. Wenn sich der MC-Pickup der Mitte des Plattentellers nähert, könnte ansonsten eine elektromagnetische Induktion erfolgen, die durch diese spezielle Fertigungsweise vermieden wird. Störeinflüsse zwischen Tonabnehmer und Motor sind dadurch praktisch ausgeschlossen.

Der Plattenteller des 1200 GAE ist also dick und schwer und braucht deshalb einen besonders starken Motor, um ihn flott auf Touren zu bringen. Dabei läuft er in nur 0,7 Sekunden auf Sollgeschwindigkeit. Alles in allem ist er sehr laufruhig und solide. Damit bringt er auch einige Kilo mehr auf die Waage und ist mit 18,7 kg um ein sattes Drittel schwerer.

Under The Hood

Auch unter der Haube des 1200 GAE geht es speziell zu. Einfach abheben, indem man mit zwei Fingern in die beiden großen Löcher greift, kann man ihn nicht mehr, er ist fest verschraubt. Die beiden Löcher sind aber geblieben. Dadurch kommt man an zwei Einstellschrauben und einen USB-Anschluss heran. USB? Nein, man kann den 1200 GAE nicht als Soundkarte oder Traktor-Controller verwenden. Der USB-Anschluss dient lediglich im Servicefall zum Auslesen von Daten. Aber auch Firmware-Updates sollen möglich sein.

Die beiden Einstellschrauben sind mit „Torque“ und „Brake“ beschriftet, hier kann man einstellen, wie Pitch Control und Bremse reagieren. Die Pitchrange kann übrigens mit einem Schalter über dem Fader verdoppelt werden. Das sogenannte „Nachpitchen“ über eine Verstellschraube unter dem Plattenteller wie beim alten 1200er ist also nicht mehr nötig.

Und obwohl mit 33, 45 und 78 RPM drei Geschwindigkeiten einstellbar sind, hat Technics das klassische Design mit nur zwei Geschwindigkeitsschaltern eingehalten: 78 RPM werden mittels Druck auf beide Schalter aktiviert.

Auch auf der Unterseite hat sich einiges getan: Die Stromzufuhr geschieht jetzt über einen Kaltgerätestecker und der Sound wird über sehr stabile, außen liegende Cinch-Buchsen ausgespielt. Endlich können gute kapazitätsarme Cinch-Kabel und hochwertige Cinch-Stecker genutzt werden. Das Erdungskabel wird ebenfalls mit einer soliden Schraube angeschlossen.

Leider hat Technics keinen Digitalausgang vorgesehen. Da der SL-1200 SAE eine rein analoge Architektur aufweist, wäre dazu ein weiterer Wandler notwendig gewesen. Und wie üblich wird auch der neue 1200er nach wie vor ohne Tonabnehmer geliefert. Dafür kommt er mit einem vergoldeten Plättchen, auf dem die Seriennummer der auf 1200 Exemplare limitierten Serie verzeichnet ist. 

Anwendungsbereich

Bei all den technischen Neuerungen und Finessen dürfte mittlerweile klar sein, dass der SL-1200 GAE mehr ist als ein überteuerter 1200 Mk7. Hier noch ein Hinweis, für all diejenigen Leser, die den MK5 als letztes Modell im Hinterkopf haben: Der letzten Baureihe des 1200ers entsprangen der auf 1.000 Exemplare limitierte SL-1200 Mk6 K1 zum 35. SL-1200-Geburtstag im Dezember 2007 und die schwarzen und silbernen SL-1200 Mk6 K und SL-1200 MK6 S im Februar 2008. Die Mk6-Turnies waren nur in Japan erhältlich.

Nun hat Technics einen völlig neuen klanglich optimierten Plattenspieler in das Gewand des einstigen Disco-Arbeitspferds eingebaut und peilt damit den gehobenen Hi-Fi-Markt an, denn der GAE kann in jeder hochwertigen Hi-Fi-Kette mitspielen.   Selbstverständlich kann man nach wie vor auch mit ihm mixen. Mögliche Kunden dürften daher auch gut verdienende DJs sein, die sich das absolute Topmodell aller Zwölfzehner schon aus Liebhaberei gern ins Wohnzimmer stellen wollen. Zu den prominenten deutschen DJs, die sich jeweils ein Pärchen gesichert haben, gehören die Techno-Altmeister Westbam und Sven Väth.

Technics Markenbotschafter Reiner Pohl meint: „Der neue SL-1200 GAE ist mehr als nur ein Plattenspieler. Musik gewinnt wieder an Wert, die Verkaufszahlen von Vinylschallplatten sind so hoch wie lange nicht mehr und das bewusste Musikhören repräsentiert sich auch im GAE.“

Gefühlssache

In den Clubs wird man den SL-1200 GAE wie auch das angekündigte Serienmodell SL-1200 G dagegen allein aufgrund des hohen Listenpreises von 3.499,- Euro wohl eher selten sehen. Aber wie schon erwähnt hatte ich Gelegenheit, den SL-1200 SAE neben zwei herkömmlichen SL-1200 MkII in einem DJ-Set im Kisuna einzusetzen. Mir fiel die hervorragende Laufruhe auf, die dem massiven Gewicht wie auch der hochpräzisen Einstellungsmechanik des Tonarms zu verdanken ist.

Leider ist der Mitteldorn recht kurz geraten. Manche DJs nutzen den Dorn, um die Platte abzubremsen. Bei besonders dicken Vinylscheiben ist er dafür zu kurz. Ich muss die Antwort schuldig bleiben, ob das nun ein Indiz dafür ist, dass Technics die Szene nicht genau beobachtet hat oder ob dieser Umstand Technics einfach egal ist.

Der schwere Plattenteller hat aber auch Nachteile: Scratchen geht hier nicht so flott von der Hand, Hip-Hop-DJs dürften die schnellere Response der klassischen 1200er Plattenteller bevorzugen.   Für Mix-DJs fällt das nicht so ins Gewicht, Cueing klappt ohne Probleme und beim Einstarten sitzt die Nadel satt in der Rille. Leichtes Bremsen an Plattentellerrand fühlt sich sehr gewohnt an, das Pitchen mit dem Pitchfader ohne Mittelrasterung ist ein Traum. Wie bei den letzten 1200er Generationen hat sich Technics auch für blaue LEDs und einen versenkten Powerschalter im Stroboskop-Türmchen entschieden, so dass keine Gefahr besteht, ihn versehentlich auszuschalten. Das ganze Gerät fühlt sich sehr wertig und trotzdem höchst vertraut an.

Technics ist es gelungen, einen extrem hochwertigen Plattenspieler ins Gewand ihres unsterblichen Klassikers zu verpacken. Leider sind die weltweit 1200 Exemplare der limitierten Auflage bereits längst vergriffen. Für das Ende des Jahres 2016 sind die Serienmodelle mit der Typenbezeichnung SL-1200 G geplant.

Preis und Ausstattung des Serienmodells sind noch nicht ganz klar, es soll allerdings nicht signifikant günstiger als die Limited Edition sein. Mehr Informationen gibt’s im September auf der IFA und im Bonedo-Test, der in Kürze folgt. Das „G“ in der Modellbezeichnung GAE steht übrigens für „Grand Class“. Zur bereits lieferbaren „Grand Class G30“-Baureihe gehören noch der Vollverstärker SU-G30 für 2.999,- Euro und der Netzwerkspieler ST-G30 für 3.999,- Euro. Der Plattenspieler fügt sich also preislich ganz gut zwischen seinen „Grand Class“-Gefährten ein.

Fazit

Der Technics SL-1200 GAE ist zweifellos der beste 1200er ever. Gebaut mit erlesensten Materialien hat Technics das altbewährte Design auf ein neues Level gehoben. Hier ist alles hochwertig und funktional, die Verarbeitung exzellent und der Gebrauchswert sehr hoch. Der neue Zwölfzehner kann jetzt theoretisch beides: Hi-Fi und Club. Nur im Club wird man ihn eher selten zu sehen bekommen. Sicher auch, weil der SL-1200 SAE mit 3.499,- Euro sehr teuer ist, noch vor einigen Jahren kostete ein herkömmlicher Zwölfzehner ca. 600,- Euro. Wenn man aber in Betracht zieht, dass ein SL-1210 MkII aus Restbestand mittlerweile 2.290,- Euro kostet, ein SL-1200 Mk5 sogar 2.399,- Euro und auch gut erhaltene Gebrauchte für über 1.000,- Euro gehandelt werden, relativiert sich der hohe Preis schon wieder etwas. Und schließlich darf man gespannt sein, ob Technics nicht vielleicht doch noch mal auf den Geschmack kommt und auch wieder Turntables für den Consumer-Markt entwickelt.

Apropos Konsum und Geschmack: Am Ende der Session im Kisuna ließen wir uns noch einen Schluck Enter Sake schmecken, den unglaublich leckeren und sehr traditionellen japanischen Reiswein von Sake-Samurai und DJ-Legende Richie Hawtin, der das Event offiziell unterstützte. Auch dieses hochpreisige Getränk mit seiner Verbindung zu Tradition und Moderne passte thematisch einfach wunderbar zu dem erlesenen neuen Technics Plattenspieler. Bleibt am Ball, der Test des Serienmodells folgt in Kürze.

  • Features
  • Komplett neues Design zur Neudefinition des Direktantriebsplattenspielers
  • Dreischichtiger Plattenteller (Messing, Druckguss-Aluminium, Bitumen)
  • Geschwindigkeiten: 33 1/3 rpm, 45 rpm, 78 rpm
  • Variable Pitchrange: ±8%, ±16%
  • Maße: 453 x 170 x 372 mm (Breite x Höhe x Tiefe)
  • Gewicht: ca. 18,7 kg
  • davon Gewicht Plattenteller: 3,6 kg (incl. Gummiauflage)
  • Anschlüsse: 1 Phono-Ausgang (stereo), 1 Erdungsleitung
  • Gleichlaufschwankungen: 0.025% W.R.M.S. (JIS C5521)
  • Rumble: 78dB (IEC 98A Weighted)
  • Stromzufuhr: 110-240 V, 50 Hz / 60 Hz
  • Stromverbrauch: 14 W

Herstellerlink: Technics

Alle DJ-Sets mit dem neuen Technics SL-1200 GAE im Kisuna

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