Software Keyboards
Test
10
25.12.2018

Praxis

Es fällt mir an dieser Stelle schwer von Praxis zu sprechen, denn das setzt ja den routinierten Umgang mit einer Sache voraus. Aparillo entzieht sich aber auch nach mehreren Stunden intensiver Einarbeitung, ziemlich elegant der routinierten Beherrschbarkeit. Das liegt natürlich vornehmlich am Wesen der FM-Synthese, die – anders als die eher gutmütige Subtraktive Synthese – auch mal zu wilden Ausbrüchen im Spektrum neigt. Nicht ganz unschuldig ist aber auch die kleinteilig-zersiedelte Organisation der App: Man muss schon ziemlich häufig zwischen den vier Ansichten wechseln, hier ein Fenster aufklappen, dort eine Liste öffnen. Während man sich also damit beschäftigt ist, die App zu verstehen und einen strukturierten und berechenbaren Klang zu erschaffen, entstehen geradezu beiläufig extrem inspirierende Sounds – sprich: Aparillo kann einen tatsächlich überraschen. Die Kernqualität der Synthese liegt – abgesehen von typischem FM-Metallgeschwurbel, Glocken und Bässen – in Klängen, die einen fast schon orchestralen Charakter haben, dabei aber gleichermaßen elektronisch und fremd anmuten. 

Es mag an der geschickten Programmierung der tollen Werkspresets und dem großzügigen Gebrauch der Effektsektion liegen, aber Sounds, wie etwa „Atmo Lords Kingdom“, „Rebels of Space“ oder „Follow my Footsteps“, die fortwährend vor sich hin wabern, gleichzeitig entfernte Erinnerungen an Bläser, Celli und Glocken wachrufen und augenblicklich Bilder im Kopf erzeugen, sind für sich genommen schon den Kauf der Vollversion wert. Dass sich mit Aparillo dann noch Klangepisoden erzeugen lassen, die vom Jammern unglücklicher Monster über durchschlagsstarke Impulskanonen bis hin zu versagenden Ionenantrieben reichen, wird besonders die Sounddesigner freuen. Gleichermaßen sind – auch und besonders unter Zuhilfenahme des Arpeggiators und der Orbit-Automation – geradezu lyrische, Track-tragende Klangepisoden realisierbar, die problemlos in der Lage sind, auch eine nichtssagende Deep-House-Nummer mit einer vielsagenden Textur zu füllen.

Hierbei kommt dann auch die Ableton-Link-Integration ins Spiel mit der sich das Tempo der beiden LFOs, des Arpeggiators und des Delays in Gleichtakt mit der DAW bringen lässt. Wenn, ja, wenn man Willens ist, sich auf das Spiel mit dem Plug-In einzulassen und das besteht vornehmlich darin, hemmungslos zu experimentieren. Hier mal ein Beispiel, wie viel Bewegung und Veränderung ein einzelner a-Moll-Akkord im Orbiter erfahren kann.

Zwei kleine Bugs der noch jungen Version 1.0: Hat man eines der Modulations-Pop-Ups geöffnet und drückt eine Taste am virtuellen Keyboard, schließt sich das Fenster, was natürlich unpraktisch ist, wenn man die Wirkung von Modulationen ausprobieren möchte. Zum anderen öffnet sich der MIDI-Zuweisungsdialog ein bisschen zu eifrig, wenn man länger auf ein Parameter-Feld drückt – ich gehe aber davon aus, dass dieser Fehler schnell behoben wird. Das erstgenannte Problem tritt nicht auf, wenn man eine externe MIDI-Quelle benutzt. Überhaupt gibt sich Aparillo sehr kooperationsfreudig was die Ein- und Anbindung mit externer Hard- und Software angeht. MIDI-Controller-Informationen können von jeder beliebigen, von iOS erkannten Quelle stammen und durch Gedrückthalten des betreffenden Bedienelements angelernt werden. Auch die Einbindung innerhalb einer externen App wie etwa Cubasis als AU Plug-In klappt ohne Probleme.

Klang

Klanglich leistest die App wirklich Erstaunliches: Wie die sechzehn Stimmen hier vor sich hin mäandern, sich die Klänge im Orbiter zu immer neuen Spektren verbiegen lassen, ist sehr beeindruckend. In seiner Grundcharakteristik haftet Aparillo dann allerdings schon die typische FM-Signatur an: Attribute wie warm und seidig sollte man hier nicht zwingend erwarten, denn Prinzip-bedingt geht es eher rau und drahtig zu im Frequenzmodulations-Kosmos. Und das ist auch gut so, denn um Wärme bemühte Emulationen analoger Schaltungen gibt es bekanntlich schon genug.

Somit ist die eher körnig bis komplex klingende Klanglichkeit der Sugar Bytes-App eine ebenso willkommene wie ungewöhnliche Bereicherung. Wer noch ein bisschen Veredelung applizieren will und über die entsprechenden Gerätschaften verfügt, kann die Klangepisoden Gewinn bringend einer analogen Nachbehandlung unterziehen. Meine Kombi aus UAD 6176 und Manley Massive Passive jedenfalls holte die Sounds wunderbar aus der virtuellen Unnahbarkeit ab und erdete sie mit einer gehörigen Portion plastischer Physis.

Hier und da - etwa beim relativ abrupt endenden Effekt-Signal des Spacializers – hört man, dass die Entwickler wohl ein bisschen tricksen mussten, um Aparillo auch auf leistungsschwächeren iOS-Geräten lauffähig zu halten, was dem Gebrauchswert der Klänge jedoch keinen Abbruch tut.

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