Hersteller_Steinberg Software DAW
Test
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23.04.2016

Praxis

Im praktischen Leben gibt es zunächst einige Funktionen, die mir ganz besonders gut gefallen, weil sie den Workflow generell verbessern – egal, ob man Musik macht oder einen Sprecher aufnimmt: 

Das Fenster-Handling

Die etwas dunkler gehaltene Optik als in der Vorgängerversion gefällt mir gut, auch wenn dieser Trend jetzt langsam gestoppt werden sollte, bevor Nuendo in einer der nächsten Versionen in der Dunkelheit versinkt... Wirklich überfällig war aus meiner Sicht das neue Fenster-Handling: Wer in Logic die Screensets und in Pro Tools die Konfigurationen kennt, weiß sofort was ich meine. Nuendo hat jetzt endlich auch ein Preset-System, mit dem man auf der zur Verfügung stehenden Bildschirmoberfläche sämtliche Fenster beliebig anordnen kann, auch auf mehreren Monitoren. Sobald man einen so genannten Arbeitsbereich gespeichert hat, merkt sich Nuendo die Anordnung und Größe der einzelnen Fenster, so dass man beim Zurückschalten aus einer anderen Fenster-Anordnung alles wieder so vorfindet, wie es zum Zeitpunkt des Speicherns angeordnet war. Während ich an meinem Arbeitsplatz im Studio für meinen Arbeitsrechner mindestens zwei Bildschirme zur Verfügung habe, genieße ich diese Funktion immer dann, wenn ich am Laptop arbeiten muss. Gerade, wenn der zur Verfügung stehende Bildschirm klein ist, bringt die koordinierte Anordnung der Bedienelemente, die man in einer Arbeitssituation wirklich braucht, eine spürbare Verbesserung des Workflows. Mit der Möglichkeit, die MediaBay und das Instrument-Rack am Projektfenster anzudocken, schließt sich Steinberg dem allgemeinen Trend an, möglichst viele Fenster direkt mit dem zentralen Arbeitsfenster zu verknüpfen. Umsteiger von Pro Tools müssen durch dieses Merkmal nicht umlernen und haben ihre File-Verwaltung wie gewohnt am rechten Bildschirmrand.   

Die VCA-Fader

Es ist nicht zu übersehen, wie DAW-Hersteller über kurz oder lang identische Merkmale einführen. So ging es mit dem Comping-Feature vor einigen Jahren und auch Nuendo hat nun ein Feature bekommen, dass Pro-Tools-Benutzer schon seit vielen Jahren kennen: VCA-Fader. Der für den jüngeren Nuendo-Benutzer etwas kryptische Begriff leitet sich von den per Voltage Controlled Amplifier (VCA) automatisierten Gruppen-Fadern ab, die sich früher in teuren Analogpulten befanden, bevor an Motorfader, Total Recall und eine komplette Wiederherstellung jedes einzelnen Parameters im Mischpult überhaupt zu denken war. Im Rechner bieten diese Fader den Vorteil, dass man ganz schnell eine Gruppe von Signalen gemeinsam über einen Fader in der Lautstärke regeln kann. Bei Musikmischungen ist es praktisch, die einzelnen Instrumentengruppen per VCA aufeinander abzustimmen, in der Post Production nutzt man solche Gruppen zum Beispiel für die Elemente Musik, Atmo, O-Ton, Voice Over, SFX. Wenn man einmal mit diesem Tracktyp gearbeitet hat, möchte man es nicht mehr missen. Aus dem Umstand, dass der VCA-Fader nur eine „Fernbedienung“ für eine Gruppe von Kanälen ist, leiten sich Vor- und Nachteile ab: In den Kanalzug des VCA-Faders können keine Plug-Ins insertiert werden, das bleibt den Subgruppen vorbehalten. Die Lautstärkeanpassungen mit dem VCA-Fader erzeugen Automationsdaten auf der VCA-Spur, nicht auf den zusammengefassten Kanälen. Wenn man es später will, kann aber die Automation vom VCA-Fader auf die Einzelkanäle übertragen werden oder sogar eine Kombination aus VCA- und Einzelspurautomation erstellt werden. Bis hierhin ist wirklich alles vorbildlich. Beim Vergleich mit Pro Tools fällt auf, dass Nuendo 7 zwar nach einem der kleinen Sub-Releases eine VCA-Gruppe auf Solo schalten kann, die Funktion Mute fehlt aber immer noch. Manch einer behauptet gar, dass es diese Funktionen früher bei den „echten“ VCA-Fadern auch nicht gab. Das mag zwar sein, trotzdem ist kein Nutzer an so viel Originaltreue interessiert. Die Funktionen Solo und Mute sind bei „Software-VCAs“ beliebt und berechtigt. Ich gehe davon aus, dass Steinberg die Mute-Funktion bald auch noch nachlegen wird.

Render-In-Place

Und wo wir schon bei den Übereinstimmungen mit anderen DAWs sind, wenden wir uns gleich dem nächsten wichtigen Feature zu, dass die Steinberg DAWs zwar schon länger kennen, das jetzt aber noch einmal aufgewertet wurde: Render-In-Place. Denn wie es der Zufall so will, hat auch Avid vor kurzem Pro Tools 12 mit einer vergleichbaren Funktion (Commit Tracks, Pro Tools 12.3) ausgestattet. In diesem Fall hat Avid „abgeschrieben“. Dem Benutzer kann es letztendlich egal sein, wer welches Feature zuerst hatte, am Ende zählt eigentlich nur, dass die wichtigen Funktionen auch der eigenen DAW zur Verfügung stehen.   

Aber wofür braucht man Render-In-Place? Mit dieser Funktion wählt man Events im Projektfenster aus und lässt Cubase sie zu neuen Audio Files auf neuen Spuren rendern. Ein großer Vorteil ist, dass man festlegen kann, welche Bestandteile des Signalflusses in die gerenderten Audiodateien übernommen werden sollen (trocken, mit den Kanaleinstellungen, den kompletten Signalpfad oder den Signalpfad plus Master FX). Ein anderer ist die Möglichkeit, diese Funktion für sehr viele Events verteilt auf viele Spuren gleichzeitig zu nutzen. Mit Nuendo 7 ist das User Interface für diese Funktion verändert worden, weil es neben dem klassischen Render-In-Place jetzt auch die Möglichkeit gibt, die Files einfach nur auf die Festplatte zu schreiben (Render Export) statt sie in die Session zu integrieren.

Insgesamt sind diese Funktionen sehr praktisch, wenn man häufiger Stems abliefern muss oder das Rendern nutzen will, um CPU-Leistung zurückzugewinnen. Im Vergleich zu Pro Tools ist die Funktion ein bisschen anders ausgelegt: In Pro Tools lässt auch innerhalb des Kanalzugs festlegen, bis zu welchem Insert die Commit-Funktion arbeiten soll. Das ist ein bisschen flexibler, dafür fehlt dort die Export-Funktion, die zu Nuendo 7 hinzugefügt worden ist. An dieser Stelle votiere ich für ein Unentschieden. 

Nach wie vor fehlt in Nuendo leider die Funktion „Render to Quicktime Movie“. Die Funktion benötigt man immer dann, wenn man nur einen kurzen Ausschnitt aus einem langen Film an den Auftraggeber oder Kollegen schicken will. Das erspart einem die mühselige Arbeit, erst den Audiomix zu erstellen und anschließend auch noch den Film auf die passende Länge zu schneiden.

Import Audio Tracks

Und schon wieder kommen wir zu einem Merkmal, das es auch in Pro Tools gibt. Dort heißt die Funktion Import Session Data und wie sich beim Namensvergleich schon andeutet, sind beide Funktionen nur bedingt vergleichbar. In Nuendo 7 kann ich jetzt komplette Audio Tracks aus einer anderen Session importieren, in Pro Tools sehr viele Komponenten einer Session, wie alle Tracktypen (Video, Aux, VCA, Master, MIDI, Instrument Tracks), Memory Locations, Fensterkonfigurationen, Marker, Tempo und Meter Maps usw. Außerdem kann man in Pro Tools noch sehr genau bestimmen, welche Track-Daten man übernehmen möchte (Files, Automation, Track Colour, Clip Gain). Aber immerhin ist mit Import Audio Tracks ein erster Schritt getan, weitere sollten in den nächsten Updates folgen.

ReConform

Das vermeintlich größte neue Feature in Nuendo 7 ist ReConform. Im Bereich Audio-Post-Production ist es durchaus üblich, dass man während der Arbeit neue Filmversionen bekommt. Beim Sounddesigner und Dialog-Editor kommt an dieser Stelle immer Freude auf, denn sie müssen überprüfen, an welchen Stellen die Änderungen Einfluss auf den Ton haben. Das kann manchmal mit einem Handgriff erledigt sein, in anderen Fällen aber auch eine stundenlange mühselige Fummelei verursachen.  

ReConform ist ein typisches Beispiel dafür wie Steinberg innovative Lösungen für einzelne Workflows entwickelt, die unglaublich viel Zeit sparen. Die oben genannten Anpassungen an die neue Filmversion kann ReConform mehr oder weniger automatisch erledigen. Das gilt auf jeden Fall für Sprache und Sounddesign, die einfach nur verschoben werden müssen. Die notwendigen Veränderungen in der Musik wird ReConform in den seltensten Fällen erledigen können, da hierfür musikalische Lösungen gesucht werden müssen, die sich nicht automatisieren lassen.

Das Geheimnis hinter dieser Funktion sind so genannte EDLs (Edit Decision Lists), die der Video Editor seinen Film beifügen muss. Im ReConform-Fenster wählt man die EDL für das alte und das neue Bild aus und drückt den Knopf „Generate“. Nuendo erzeugt nun eine Veränderungen-EDL, die man nach einem kurzen Check per „Start ReConform“ umsetzen kann und schwupps ist alles erledigt. Es gibt aber eine Reihe weiterer Schritte, um zunächst zu überprüfen, ob die Veränderungen auch wirklich das Ergebnis bringen, das sich der Nuendo-Nutzer vorgestellt hat. Wer häufiger solche Anwendungen hat, wird Steinberg auf Knien danken, dass sie diesen Workflow in Nuendo integriert haben. Bei längeren Filmwerken spart man dank ReConform viele Stunden, die für Vergleiche zwischen altem und neuem Film nötig wären. Übrigens: In Pro Tools sucht man vergeblich nach einer vergleichbaren Funktion. Ähnlich wie beim ADR Taker schafft Steinberg sich in diesen Bereichen echte Alleinstellungsmerkmale.

Game Audio Connect

Auch in einem anderen Spezialbereich will Steinberg sich einen Namen machen, nämlich bei den Leuten, die sich auf den Bereich Sound für Spiele spezialisiert haben. Diese Nische ist speziell und erfordert vom Tonschaffenden ein sehr striktes, organisiertes Arbeiten. Meistens sind tausende Datenbankeinträge von Klangvarianten in verschiedenen Spielsituationen abzuarbeiten und das erfordert sehr diszipliniertes Arbeiten. 

Mit der neuen GAC-Schnittstelle (Game Audio Connect) schafft Steinberg eine Verbindung zu Game-Audio-Engines wie Wwise von Audiokinetics. Über das Game-Audio-Connect-Fenster wird die Netzwerkverbindung zwischen Nuendo und der Game-Audio-Engine hergestellt. Das bringt zahlreiche Annehmlichkeiten mit sich: Nuendo und die Game-Audio-Engine (GAE) müssen nicht auf dem gleichen Computer installiert sein, lediglich die IP-Adresse des Nuendo-Rechners und der Pfad zu den Mediendateien müssen ausgetauscht werden.

Das Übertragen von Audio-Stems gestaltet sich ganz einfach: In Nuendo zieht man einfach das oder die betreffenden Audio Events in das GAC-Fenster und schon startet im Hintergrund die neue Funktion „Render Export“, in der GAE öffnet sich der Audio File Importer. Aber die Zusammenarbeit der beiden Beteiligten ist hiermit noch nicht erschöpft: Wenn Nuendo ein File auf diesem Wege exportiert, werden Metadaten in die Datei geschrieben, die Aufschluss darüber geben, aus welchem Nuendo-Projekt diese Daten stammen. Dies ermöglicht auch Kommunikation in die anderen Richtung: Zum Beispiel lässt sich in Wwise über die per Rechtsklick erreichbare Funktion „Edit in Nuendo“ bewirken, dass der betreffende Bereich in Nuendo automatisch über die Locatoren markiert wird. Jetzt werden die gewünschten Änderungen in Nuendo erledigt und die überarbeitete Version wird wieder auf das GAC-Fenster gezogen und kann die bisherige Version in Wwise ersetzen. Da Wwise weiß aus welchem Nuendo-Projekt einFile stammt, muss das betreffende Nuendo-Projekt nicht einmal geöffnet sein, es kann direkt über Wwise geöffnet werden. Ein Hinweis für Game-Audio-Spezialisten: Neben Wwise unterstützt Nuendo 7 im GAC-Fenster auch das System Perforce, mit dem sich die verschiedenen Versionen der Audio-Stems auf einem Server kontrollieren lassen.   

Insgesamt ist die Game-Audio-Funktion ist ein weiterer Beweis dafür, dass Steinberg sich allerhand einfallen lässt, um den Workflow vieler Audioschaffender zu erleichtern.

Und um auch an dieser Stelle den Vergleich mit Pro Tools nicht zu vernachlässigen: In Avids Audioprogramm sucht man solche Workflow-Hilfen vergeblich. Pro Tools erhebt nach wie vor den Anspruch, eine Audio-Software für alle Anwendungen zu sein. Sei es Musikproduktion, Audio Post für Filme oder Game Audio und kümmert sich dabei weniger um die speziellen Bedürfnisse von Spezialisten. Das ist ein komplett anderer Ansatz.   

Bedeutungsvolle „Kleinigkeiten“

Mit Nuendo 7 hat auch die neue Audio Engine ASIO Guard 2 Einzug gehalten, mit der die Systemauslastung des Computers verbessert und stabilisiert wird. Jetzt profitieren auch multitimbrale VST-Instrumente und solche mit Disk Streaming von diesem System. Bis zu 10 Prozent mehr Systemleistung werden so möglich. 

Nuendo kann jetzt auch mit dem Timecode-Format 50 fps umgehen und bietet zahlreiche neue Plug-Ins, die mit Cubase 8 eingeführt wurden. Details dazu findet ihr hier. Zur Nuendo-7-Standardausstattung gehören zwei Klangerzeuger, die vorher nur mit dem NEK-Paket erhältlich waren: Halion Sonic SE2 und Padshop. 

Back to where we started from

Der letzte auf bonedo veröffentliche Nuendo-Test drehte sich um Version 5, eine mittlerweile als antiquiert einzustufende Version. Denn auch Nuendo 6 und 6.5 brachten Fortschritte, die ich in diesem Test als bekannt vorausgesetzt habe. Zu den wesentlichen neuen Funktionen gehören die so genannten Track Versions, die der Pro-Tools-Nutzer als Playlists bezeichnen würde, aber auch der überarbeitete ADR Taker in der Version 2.0 genau wie die Track-Visibility-Möglichkeiten, um den Fokus auf bestimmte Spurtypen zu beschränken. Auch die Möglichkeiten des Control Rooms und des Loudness Tracks sind nicht zu unterschätzen. Außer den Track Versions sind dies alles Möglichkeiten, die dem Pro-Tools-Nutzer nicht zur Verfügung stehen. So lässt sich konstatieren: Nuendo entwickelt sich und macht dem mächtigen Platzhirschen Beine.    

Kaputt repariert

Ein unschönes Kapitel, das aber wahrscheinlich jeder DAW-Benutzer auf die eine oder andere Art kennt: Nach einem Update funktionieren manche Dinge nicht mehr, die in der vorangegangenen Version noch unproblematisch liefen. Nuendo 7 macht da leider keine Ausnahme. So wird zum Beispiel beim Speichern nicht mehr die letzte Timecode-Position gespeichert, beim Neuaufruf des Projekts landet man automatisch beim Projektstart. Wenn man an sehr langen Projekten arbeitet nervt das, vor allen Dingen weil es mit 6.5 noch ging. Im ADR Mode Setup arbeitet die Funktion „Dialog immer anzeigen“ beim Scrollen nicht mehr, auch das war in Version 6.5 kein Problem. Vermutlich werden beide Mängel mit kleinen Sub-Releases in absehbarer Zeit behoben, trotzdem sind Rückentwicklungen für den Nutzer ärgerlich.

Vergleich mit Pro Tools HD in der Praxis

In puncto Stabilität gibt es aus meiner Erfahrung keinen wesentlichen Unterschied zwischen Nuendo und Pro Tools, man kann mit beiden Programmen alle Audio-Aufgaben im Studio lösen. Die Unterschiede liegen im Detail und machen es dem Anwender nicht gerade einfach sich zu entscheiden. Meistens liegt es an der eigenen DAW-Sozialisation, welchen Workflow man für überlegen hält. Für mich als langjährigen Pro-Tools-Benutzer, der seit dem neuen Avid-Lizenzmodell ein immer stärker fokussiertes Auge auf Nuendo wirft, sind einige Workflow-Unterschiede schwer zu verstehen: Die Lautstärke-Automation als Lane unter der Wellenform in Nuendo erscheint mir unnatürlich, weil doch beide Ansichten den Pegel bearbeiten. Dass an dieser Stelle keine Verwechslungsgefahr mit Clip Gain entstehen muss beweist Pro Tools seit Version 10. Daran kann ich mich schwer gewöhnen.

In meinem Setup läuft das Video immer auf einem dritten Monitor, die beiden anderen sind meine Nuendo-Arbeitsfenster. Wenn ich nun am Mac auf den Finder umschalte verschwindet das Video-Fenster vom dritten Bildschirm genauso wie alle anderen Floating Windows automatisch. Das ist unpraktisch, weil dieser Programmwechsel häufig passiert, um zum Beispiel alternative Musiken auszuprobieren, während der Film in Nuendo im Loop läuft. Es wäre zumindest schön, wenn der Nutzer selbst entscheiden könnte, wie sich das Video-Fenster in solchen Situationen verhalten soll. 

Schade finde ich auch, dass Steinberg das Konzept der komplett frei konfigurierbaren Tastaturkommandos nicht bis zum Ende konsequent durchhält. Einige der neuen Funktionen in Nuendo 7 haben bis heute keinen Eintrag in die Liste der konfigurierbaren Tastenkommandos erhalten, so zum Beispiel „Combine Automation of VCA and Connected Fader“. 

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