Test
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03.05.2016

Praxis

Optik: Geschmackssache

Ich persönlich finde das Soyuz SU-019 genau wie das 017 optisch „nicht außergewöhnlich stilsicher“, wenn ich mal einen tiefen Griff in die Kiste mit den diplomatischen Beschönigungen bemühen darf. Ich würde es designmäßig den späten 1980ern oder frühen 1990ern und dem nordamerikanischen und osteuropäischen Geschmack zuordnen. Ich bin mir sicher, es wird Leute geben, denen das Mikrofon gefällt. Der Entscheidung, wie andere Equipmenthersteller bei der Produktbezeichnung fragwürdige Nähe zu militärischem Gerät zu suchen, möchte ich mich hier nicht erneut widmen, das habe ich in diesem Blogeintrag ja schon gemacht.  

Für Vocal-Recordings mit Vintage-Sound optimiert

Stellt man Sänger oder Sängerin vor das gold-weiße Mikrofon und dreht das Monitoring auf, wird man von der durchaus kräftigen Färbung überrascht, die dem Signal widerfährt. Und diese Färbung ist wirklich angenehm, ja sogar „wie es sein soll“ – für viele Produktionen, aber bestimmt nicht für alle. Klanglich ist diese Farbe sicher in erster Linie dem speziell für dieses Mikrofon handgewickelten Transformator zuzuschreiben, der bei sehr feiner Grainyness ein reiches Spektrum auch jenseits von den ersten Obertönen hinzufügt, aber, und das hat das SU-019 mit dem SU-017 in jedem Fall gemein, nicht an Transparenz, Schnelligkeit und die Detailliertheit einbüßt. Die Mikrodynamik ist hervorragend, und das ist ein Punkt, den eben nur sorgfältig geplante, mit wenigen hochwertigen Bauteilen aufgebaute Mikrofone liefern können. Und das geht eben nicht zu einem geringen Preis. Im Vergleich mit dem Mojave MA-201FET, einem technisch ähnlich aufgebauten Mikrofon für ein Drittel des Preises, fällt dieser Unterschied auf: Das Mojave klingt etwas matter und behäbiger, das Soyuz deutlich frischer, manchmal und für manche Stimmen möglicherweise ein wenig zu scharf und bissig. Dass es in einigen Fällen ein wenig zu viel an Charakter sein kann, fällt auf, wenn man das verhaltener prägende Microtech Gefell UM 92.1S gegenhört. Eindeutig: Das Soyuz kann den Vocalsound liefern, den man sucht, nah, konkret, groß, aber immer detailliert. Allerdings ist es bestimmt nicht das Allround-Vocalmikrofon für Studios mit wechselnder Sänger-Kundschaft, eher als charaktervolle Alternative zu braveren, zurückhaltenderen Mikrofonen. Und nicht vergessen: Ähnlichen Übertragerklang bekommt man auch außerhalb des Mikrofons. Aber auch dort nicht wirklich preiswert.  

Kleiner Sweet Spot – oder eben Platz zur Soundgestaltung

Axial besprochen, also direkt von vorne, fällt neben der Färbung auch ein anderer „Vintage“-Parameter dieses FET-Mikrofons auf, denn in den Mitten hat es eine Nonlinearität, wie man sie auch bei den explizit als Vorbilder genannten deutschen Großmembranern findet. Es ist meist weniger der Pegel, sondern die Phase, die hier für Besonderheiten im Klang sorgt. Was hier vielleicht zunächst „böse“ klingt und sicher keine gute Option für eine Klassikaufnahme ist, ist doch bei Vocalaufnahmen sehr beliebt. Allerdings sollte man mit Reflexionen aus dem Raum und besonders möglichen lauteren Signalen abseits der Hauptaufsprechrichtung achten, etwa bei gleichzeitiger Aufnahme von Sänger mit Akustikgitarre. Das Audiobeispiel zeigt schon klar, mit welchen klanglichen Veränderungen schon bei 45 Grad Einsprechwinkel zu rechnen ist. Auch für wild vor dem Mikrofon „herumperformende“ Sänger kann es bedeuten, dass man lieber zu einem Mikrofon greift, dessen Pegelunterschiede mit einem technischen Kompressor unauffällig ausgeglichen können. Der Sweet-Spot des Soyuz ist also sehr klein, auf der anderen Seite kann man aber die deutlichen Unterschiede natürlich zur Soundgestaltung nutzen, indem man etwas „schräg“ mikrofoniert – einen „standfesten“ Vokalisten vorausgesetzt.  

Bassanhebung durch Nahbesprechungseffekt gut steuerbar

Wirklich ganz hervorragend ist der Umgang des Soyuz mit dem Besprechungsabstand: Typische Distanzen zum Vocal-Recording sind das Metier des SU-019, und über den Abstand lässt sich sehr fein die genial schnell und konkret klingende Bassanhebung regeln. Schwammig wird das Mikro an keiner Stelle, selbst bei Besprechung auf Tuchfühlung ist der Bass ausgeglichen, nie resonierend und knochentrocken.  

Immer noch nicht wirklich preiswert, aber verglichen mit einem Neumann U 47 FET schon

Ein Neumann U 47 Fet kostet mit bald viertausend Euro ganz deutlich mehr als das SU-019, aber das ist auch ein galaktisch hoher Wert für ein röhrenloses Mikrofon mit fester Richtcharakteristik. Insofern scheint der Preis des Soyuz geradezu irdisch. Allerdings gibt es schon für weniger als die Hälfte FET-Großmembraner mit fester Niere, die, wie man anhand der Audiobeispiele erkennen kann, klanglich schon sehr viel leisten – allerdings nicht wie das handgefertigte, massive Mikro von Soyuz gebaut sind und auch von der Klangqualität ein Stück hinten anstehen.

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