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Test
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22.11.2012

Slate Digital VTM Test

Bandmaschinen-Simulation

Band läuft!

Ein Plug-In wie das VTM von Slate Digital kann den Sound einer Bandmaschine heute ersetzen. Davon ist zumindest ein Teil der Engineers überzeugt. Wie nah man den großen Vorbildern nun auch sein mag, praktischer und billiger ist ein Plug-In wie die Virtual Tape Machine allemal.

Im Eingangssatz habe ich schon den Begriff "Sound" benutzt, denn im Regelfall kommen Multitrack- und Mastermaschinen heute nicht mehr zum Einsatz, weil man etwas aufnehmen möchte, sondern um in den Genuss ihrer, nun ja, „Fehler“ zu kommen. Es wurde schließlich lange genug versucht, Kompressionen, Rauschen, Eiern, Verzerrungen und Nichtlinearitäten im Frequenzgang und dergleichen zu verhindern. Heute kaufen die Menschen Plug-Ins, die Ihnen die Möglichkeit geben, die von tausenden Musikproduktionen gewohnten und liebgewonnenen Unzulänglichkeiten wieder in die Produktionen zu zaubern.

Details

Das Plug-In VTM wurde von einem der Unternehmen des Engineers Steven Slate programmiert: Slate Digital. Es ist mit den bewährten Schnittstellen AU, RTAS und VST lauffähig und stellt an die Hardware keine übertriebenen Mindestanforderungen, kommt also beispielsweise auf dem Mac ab OS X 10.5 und 1 GB RAM zurecht. Anders sieht es bei der Lizensierung aus, denn dafür ist der iLok2 von Pace notwendig. Wer also nur einen originalen iLok (oder eben gar keinen) besitzt, darf noch einmal 40 Taler für das winzige Stück Hardware aus dem Sparstrumpf angeln.  

Die Oberfläche der Slate Digital VTM präsentiert sich fotorealistisch – anders als bei den Universal Audio UAD-Plug-Ins, wurde hier jedoch keine Maschine grafisch explizit nachgestellt. Mit einem virtuellen Schalter lassen sich oben rechts die Emulationen einer (dargestellten) Halbzoll-Stereomaschine (technisch/klanglich: Studer A80) und einer 2"-16TK (A827) anwählen. Man mag jetzt vielleicht auch eine 24-Spur-MTK wie die A800 vermissen, doch halte ich das für halb so wild: Bei 24 Spuren ist einfach weniger Platz pro Spur – besser wird es dadurch technisch und klanglich nicht. Im Studio wurde der Kunde ja auch nie gefragt, ob er lieber auf der Studer, der Otari oder der Ampex aufzeichnen möchte. Ein weiterer Button lässt zwischen zwei Tape-Typen auswählen, die hier wohl aus Lizenzgründen "FG9" und "FG456" genannt werden – dahinter verbergen sich wohl Quantegy Grand Master GP9 und das verbreitetere Ampex 456. Ebenfalls umschalten lassen sich die Bandlaufgeschwindigkeit (30 und 15 Zoll pro Sekunde), das BIAS in drei Stufen und die Pegel der To-Tape- und der Off-Tape-Karte. Weil diese beiden im Default-Set gekoppelt sind, bewegt sich das andere Poti gegenläufig, wenn man am jeweiligen  „Gegenspieler“ dreht – somit kann man unter anderem besser bewerten, was die Maschine, Entschuldigung, das Plug-In wirklich mit dem Signal anstellt.  

Über den Settings-Button bekommt man Zugriff auf weitere Parameter, darunter die Noise Reduction. Nicht, dass ein altes Kompandersystem ebenfalls modelliert wurde: Hier handelt es sich um den digitalen Luxus, das Bandrauschen separat ein wenig zurückfahren zu können. Zwar haben Generationen von Engineers genau dieses Tape Hiss verflucht, doch möchte man manchmal eben doch damit arbeiten. Wenn man sich das aussuchen kann: Prima! Zudem kann man bei ausbleibendem Eingangssignal das Rauschen automatisch muten lassen. Weniger angenehm ist das Wow & Flutter (also Gleichlaufschwankungen), wenn es Überhand nimmt. Aber auch das kann bei Slates VTM geregelt werden, allerdings ohne direkte Beeinflussung der Schwankungsfrequenz.

Es soll Engineers gegeben haben, die die Tape-EQs für die Kanäle bewusst unterschiedlich eingestellt haben, um den Umgang mit tieffrequenten Signalanteilen zu beeinflussen. Mit Bass Alignment ist das bei der Slate VTM aber leider nur global für alle Instanzen machbar, genauso wie das Tape-Noise-Level (welches auf Vocals gerne mal etwas kräftiger sein darf, damit nach dem „Un-Mute“ das Rauschen einsetzt und auf die Strophe vorbereitet) und Wow & Flutter. Bei den Gleichlaufschwankungen ist es ja auch sinnvoll, denn ein Band eiert nun mal auf allen Spuren gleichartig und -zeitig. Allerdings würden zwei gesyncte Maschinen genauso wie die 2TK unterschiedlich schwanken. Doch ab hier betrete ich nun wirklich den Pfad der Haarspalterei.

Noch tiefere Eingriffe sind nicht möglich, aber Varispeed lässt sich mit DAWs schlecht in Einklang bringen, Azimuth, Kopfspaltbreite und dergleichen sind Sachen, mit denen man sich heute glücklicherweise nicht mehr herumschlagen muss. Damit man bei Verwendung der virtuellen Bandmaschine nicht in allen verwendeten Kanälen umschalten muss, um etwa ein anderes Band auszuprobieren, lassen sich die Plug-Ins verschiedenen Gruppen zuordnen und dann global oder gruppenweise umschalten. Zwei VU-Meter, deren Integrationszeit dreistufig eingestellt werden kann, komplettieren die Ausstattung. Dann will ich mal Isopropyl und Wattestäbchen bereitlegen und die Bänder zwischen Capstan und Andruckrolle durchfummeln: Ab in die Praxis!

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