Test
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07.03.2019

Praxis

Shure? Sure.

Ich habe jetzt nicht gerade versucht, mit dem Shure SM86 Nägel in die Wand zu schlagen. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass das nicht das endgültige Aus für die Performance des Mikrofons bedeuten würde. So ist die konstruktive Ähnlichkeit zum in dieser Hinsicht sagenumwobenen Shure SM58 sicher nicht zufällig. Kondensatorkapseln sind gemeinhin empfindlicher, doch ist jene im Shure SM86 verbaute ganz offenkundig stark erschütterungsgedämpft. Dabei ist nicht nur wichtig, dass das Mikrofon keinen Schaden nimmt, wenn es mal auf den Bühnen-, Proberaum- oder Studioboden rauscht. Im gleichen Zuge wird meist auch eine gute Körperschallentkoppelung erzielt. Tritte gegen den Mikrofonständer, Klatschen mit dem Mikrofon in der Hand, all das sorgt schnell einmal für tieffrequente Störgeräusche. Diese Tests habe ich erfolgreich durchgeführt (im Gegensatz zu „Nagel und Wand“ …) und war durchaus zufrieden. Neben der Trittschall- ist übrigens auch die Poppempfindlichkeit in Ordnung. Schön ist das Handling für alle Handgrößen, der tiefe Kragen und die recht weit oben im Korb sitzende Kapsel verhindern ein versehentliches Zuhalten der rückseitigen Schallöffnungen.

Paradebeispiel

Klanglich zeigt sich das Shure SM86 durchaus ausgewogen und ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, den Unterschied zwischen Tauchspulen- und Kondensatormikrofon zu erklären. Der Frequenzgang reicht deutlich höher und ist im oberen Spektralbereich deutlich ausgewogener. Wirklich „luftig“ ist er aber nicht, was bei den meisten Mikrofonen dieses Typs schlichtweg daran liegt, dass bei der üblichen nahen Besprechung Strömungsgeräusche mit Metallgaze und/oder Schaumstoff verhindert werden müssen.

Stimme wird schön präzise abgebildet, sodass sich Konsonanten klar und kantig herausarbeiten. Auch Stimmtexturen lassen sich damit besser übertragen als mit den langsameren dynamischen Mikrofonen. Für hauchige, rauchige Stimmen in Jazz und Folk ist das beispielsweise nicht unwichtig. Bei Sängern mit recht „deutscher“ Aussprache ist bei Handheld-Kondensatormikrofonen durchaus Vorsicht geboten. Das Shure SM86 ist zwar sicher in erster Linie für den heimischen US-Markt abgestimmt – Nordamerikaner artikulieren generell etwas breiter und weniger scharf –, aber dennoch funktioniert die Schärfedämpfung durch Pegelrücknahme recht gut.  

Nicht ganz so hochauflösend

Man kann sich über die erhöhte Auflösung und Feindynamik gegenüber einem Tauchspulenmikro freuen, es gibt allerdings auch etwas zu bedenken: Das Shure SM86 ist nicht ganz so hochauflösend wie manche Konkurrenten oder sogar Studiomikrofone. Das sollte nicht verwundern, denn anders als die Handheld-Kondensatormikrofone von Neumann oder DPA ist das Shure SM86 ein wirklich preiswertes Produkt! Und auch das Sennheiser e865 kostet doch deutlich mehr als das Shure.  

Dem Signal gesellt sich etwas oberhalb des Schärfebereichs und in den Präsenzen eine Klangkomponente dazu, dieauf den ersten Blick etwas verbreiternd wirkt, aber bei längerem Hören etwas fremd und nicht zur Schallquelle gehörend wirkend. Dadurch wirkt das Signal etwas unsauberer, als es manchmal passend wäre. Ich will das aber nicht schlechtreden, denn manchen Stimmen steht das durchaus gut zu Gesicht! Hier heißt es einfach: mit der entsprechenden Stimme ausprobieren. Als Standardmikro für Verleiher oder die In-House-PA ist es daher vielleicht nicht die beste Wahl, als Alternative zu einem einfachen dynamischen Mikrofon allerdings schon!

Nah nicht zu bassig

Bei Nahbesprechung bleibt ein Bass-Overkill aus. Das ist für viele Stimmen durchaus angenehm. Nur für allzu dünne Stimmchen, die ein wenig mehr Fundament gebrauchen könnten, kann das auch bei Besprechung mit den Lippen am Grill zu wenig sein.

Laut? Kein Problem.

Es ist so gut wie unmöglich, das Shure SM86 nur mithilfe der menschlichen Stimme in Bereiche zu bringen, in denen Verzerrungen auftreten. Für den Livebetrieb geht das Rauschverhalten absolut in Ordnung, im Studio sollte der Signalpegel nicht besonders leise sein, wenn sehr hohe Kompressionsraten genutzt werden.  

Stabilität

Nicht nur das Gehäuse ist stabil, das Polar Pattern ist es auch. Das Shure besitzt einen recht großen nutzbaren Bereich, selbst wenn man es etwas schräg hält, brechen die Höhen nicht zusammen. Zusammen mit der etwas zurückhaltenden Bassanhebung durch den Nahbesprechungseffekt ergibt sich damit ein auch für unsicherere Mikrofonnutzer gut geeignetes Mic. Wie ärgerlich ist es doch, wenn jeder schon am Klang mitbekommt, wenn die Mikrofondisziplin eher schlecht ist und das Mikro beim Sprechen oder Singen verdreht wird oder nach unten wandert!

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