Test
2
14.11.2018

Praxis

Die Form des Sennheiser e906 erweist sich im Einsatz als praktisch

Natürlich sollte der Klang eines Mikrofons bei der Auswahl an erster Stelle stehen, wer allerdings täglich mit verschiedenen Instrumenten arbeitet, lernt schnell eine gute Positionierbarkeit schätzen. Und die ist (mit kleinen Einschränkungen) beim Sennheiser e906 gegeben. Die kurze, flache Bauweise mit seitlicher Einsprechrichtung funktioniert sowohl an Toms und Snares gut, sofern man das Mikro nicht zu weit zur Fellmitte hin bewegt. Möchte man das trotzdem machen, empfiehlt es sich, es aus einer aufrechten in eine seitliche Position zu drehen, dann nimmt es allerdings auch mehr Platz weg. An Gitarrenverstärkern funktioniert das Testobjekt auch einfach am Kabel hängend, das spart nicht nur das Stativ, sondern mit ihm auch potenzielle Stolperfallen auf engen Bühnen. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass sich so ein Kabel gerne mal dreht und damit auch das Mikrofon selbst. Gitarrist Michael Krummheuer hat sich also mit einem Streifen Gaffa beholfen. Klanglich präsentiert sich das e906 modern und griffig. Ich habe es mit insgesamt drei Referenzmikros am Gitarren-Amp, der Snare und einem 12er-Racktom getestet.

Dank Präsenzschalter sehr vielseitig vor der Gitarrenbox

Warum das e906 so gerne von Gitarristen verwendet wird, macht der Check vor einem Budda-Combo mit 2x12er-Bestückung schnell klar. Als Referenz kam das obligatorische SM57 zum Einsatz, welches immer noch eines der meistgenutzten Amp-Mikrofone sein dürfte. In Sachen Flexibilität hat es jedoch einen schweren Stand gegen das Testobjekt. Dieses klingt im Clean-Modus griffig und solide und besitzt mehr Glanz als das SM57, welches die typische, mittige „Knorzigkeit“ besitzt, für die es bekannt ist. Greift man beim e906 zum EQ-Schalter und beschneidet die Präsenz, werden sich beide Mikros ähnlicher, der Boost hingegen hebt die Griffbrett- und Fingergeräusche noch stärker hervor. Gut gefällt mir, dass die Anhebung relativ subtil ausfällt, das Mikro bleibt ausgewogen und tendiert nicht ins Schrille. 

Bei steigender Zerre tritt der Presence Boost stärker hervor

Je mehr die verzerrten Anteile im Sound zunehmen, desto deutlicher macht sich der aktivierte Anstieg im 5000-Hertzbereich bemerkbar. Beim Wechsel in den Crunch-Modus ist zunächst derselbe Effekt wahrzunehmen wie bei der cleanen Verstärkereinstellung. Der Presence Cut nähert das e906 klanglich etwas an das leicht nölig-selbstbewusste SM57 an, wohingegen die Neutralstellung zeigt, dass das Testmikro eben objektiv ausgewogener und frischer klingt. Der Boost hebt sich am klarsten ab, der Crunchsound wird damit zackiger und dreidimensionaler, im Mix dürfte sich damit eine bessere Ortung des Instruments herstellen lassen. Am deutlichsten treten die Effekte des EQ-Schalters jedoch im Hi-Gain-Setting hervor. Moderne Metalsounds dürften sich mit dem e906 wesentlich schneller herstellen lassen als mit dem Klassiker SM57. Hier hört ihr auch deutlich die unterschiedliche tonale Charakteristik der beiden Mikros. Während das SM57 im Vergleich wesentlich belegter und mittiger wirkt, macht das e906 einen direkteren, weniger „hohlen“ Eindruck. Wem also tendenziell eher moderne, präsente bis aggressive Sounds zusagen, dürfte mit dem e906 besser bedient sein.

Solide und griffig klingt das e906 auch an Snare und Tom

An meiner 14x4,5-Oriollo-Aluminiumsnare mit nahtlosem Kessel schlägt sich das e906 ebenfalls sehr anständig. Als Referenz kam diesmal allerdings nicht das SM57 zum Einsatz, sondern mein Telefunken M80, ein Mikrofon, welches nicht nur von mir als modernes, gut klingendes Snare-Mic geschätzt wird. Das e906 bildet in der Neutralstellung den Kesselton sehr schön ab und auch die Snareteppich-Ansprache kommt crisp und exakt rüber. Mit aktiviertem Präsenz-Boost gewinnt die Trommel etwas an Druck. Obwohl die Anhebung für den Snareteppich-Bereich etwas zu tief angesetzt ist, wirkt die Snare frischer und offener. Damit kann das e906 eine interessante Alternative für Drummer sein, die auf ein zweites Mikro unter der Trommel verzichten wollen. Trotzdem gefällt mir das M80 besser, er wirkt noch griffiger und trennschärfer, kostet jedoch auch deutlich mehr als das e906.

Offen und rund klingt das Testobjekt auch am 12er-Racktom

Als letzte Amtshandlung habe ich das e906 mit meinem Electro-Voice N/D 468 am 12er-Oriollo-Racktom aus Aluminium verglichen. Dieses Instrument klingt sehr warm und rund, dabei aber trotzdem offen und lebendig. Es zeigt sich, dass dieser Charakter dem e906 entgegen kommt. Von der Tonalität ähnelt es dem 468, hat allerdings einen etwas ausgeprägteren Nahbesprechungseffekt, wodurch es dem Tom mehr Fundament und Substanz in den unteren Mitten verleiht. Mit aktiviertem Boost wirkt es besonders im Verbund mit den anderen Mikrofonen am Kit präsenter und offener, in der Neutralstellung finde ich beide Mikros relativ ähnlich klingend. Wie auch bei der Snare, ist hier zu bedenken, dass Mikropositionen, die weiter in Richtung Fellmitte angesiedelt sind, schwerer zu realisieren sind.

2 / 3
.

Verwandte Artikel

User Kommentare