Hersteller_Roland
Test
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23.04.2018

Praxis

V-Combo steht sicherlich für Vintage-Combo, denn das VR-730 bietet eben genau das: Eine Auswahl verschiedenster Vintage-Keyboards, unter denen sich eine virtuelle Hammond-Orgel, Rhodes-, Wurlitzer-Pianos, Clavinet und natürlich diverse Synthesizersounds befinden. Moderne Klänge und Instrumente dürfen natürlich auch nicht fehlen, und so runden akustische Pianos und weitere ergänzende Sounds (in der Kategorie „Other“ zu finden) das klangliche Angebot ab. Die drei Klangsektionen Orgel, Piano und Synth werden dabei entweder über die drei Taster unterhalb des Displays aktiviert, oder alternativ jeweils über die Untergruppen aus der Piano- und Synth-Sektion. In der Piano-Abteilung gibt es davon vier (Piano, E-Piano, Clavinet und Other) und in der Synth-Abteilung sogar acht (Brass, Strings, Synthlead, Bass, Pad, Choir, SFX und Other). Mit dem Jog-Dial oder den daneben befindlichen Cursor-Tasten werden die Sounds aus den jeweiligen Gruppen ausgewählt. Da es in manchen Gruppen eine wirkliche große Auswahl gibt, lohnt sich das Stöbern mittels Jog-Dial ganz besonders. Neben den Vintage-Sounds bieten die beiden Abteilungen Piano- und Synth auch jeweils eine „Other“-Kategorie, in der diverse weitere Klänge wie z. B. akustische Instrumente à la Akkordeon, Flöte oder Marimba zu finden sind. 

Orgel- und Leslie-Simulation

Nach dem Einschalten des Geräts wartet die Orgel bereits darauf, gespielt zu werden. Dabei handelt es sich um Rolands eigene „Vintage Tonewheel Organ“, d. h. einem virtuellen Hammond-Klon. Dank der haptischen Zugriegel hat man jeder Zeit Zugriff auf die Registrierung, die alternativ auch ein zweites virtuelles Manual (im Split-Modus) steuert. Über die Roland PK-Buchse lässt sich sogar ein Roland-Fußbasspedal anschließen, was den ambitionierten Hammond-Spieler freuen wird.  Direkt unterhalb der Zugriegel sind Vibrato/Chorus und Percussion-Sektion zu finden, die über jeweils einen Taster aktiviert und anschließend mit den Cursor-Tasten bzw. Jog-Dial eingestellt werden. Die Leslie-Simulation ist bereits aktiv und wird mit den beiden Tastern neben dem Joystick bedient. Wem das Hin- und Herschalten zwischen Leslie-Slow und -Fast mit dem Taster nicht gefällt, der kann die Leslie-Geschwindigkeit auch über den Joystick (mit einer Bewegung nach links oder rechts) umschalten – so, wie mit einem Halfmoon-Schalter. Bewegt man den Joystick nach oben, dann wird Leslie-Stop aktiviert. Klanglich muss man hier auf nichts verzichten, denn die virtuelle Hammond kann sich wirklich „hören“ lassen. Im Menü verstecken sich direkt im ersten „Reister“ diverse Klangparameter, mit denen man den Orgel-Klang nach eigenem Gusto anpassen kann. Wichtige Einstellmöglichkeiten sind z. B. „Leakage“ (d. h. das Übersprechen zwischen den einzelnen Tonewheels) und der charakteristische Key-Click beim Drücken und Loslassen der Tasten. Im folgenden Beispiel sind Zugriegel- sowie Leslie-Variationen zu hören - den Key-Click habe ich ein wenig angehoben und auf einen moderaten Wert justiert.

Die Leslie-Simulation wird übrigens in drei Varianten zur Verfügung gestellt und mit „Rotary Type 1 – 3“ benannt. Welche Leslie-Kabinette sich dahinter verbergen, wird nicht verraten. Allerdings unterscheiden sich die drei Modelle in ihrem klanglichen Charakter, und es scheint mir, als handele es sich dabei um drei verschiedene Mikrofonierungen. Außerdem sind das Verhältnis zwischen Höhen und Bass-Anteilen sowie die Beschleunigung der Rotoren bei allen Rotary-Modellen leicht unterschiedlich gewählt. Ab Werk ist Rotary Type 3 eingestellt, welcher mir auch am besten gefällt. Hier ist der Rotary-Effekt für mich am deutlichsten wahrzunehmen, denn die verschiedenen Anlaufgeschwindigkeiten der simulierten Rotoren sind deutlich zu hören!

Neben den drei Rotary-Varianten verfügt das VR-730 auch über drei Orgel-Modelle: Jazz Organ, Rock Organ und Transistor Organ. Bei den ersten beiden Modellen handelt es sich um zwei Hammond-Modelle, beim letzteren, um eine virtuelle Transitor-Orgel der 1970er Jahre. Über den Taster links unterhalb der Zugriegel wählt man einen der drei Modelle aus. Die Jazz Organ klingt etwas heller, bei der Rock-Orgel zerrt und kesselt es deutlich mehr: John Lord lässt grüßen. Die Rock-Organ nutzt dabei den Overdrive-Effekt des VR-730, den man in der Effektsektion selber nachregeln kann. Zwar greift der Verzerrer recht gleichmäßig ein, bei mir entstand allerdings schnell der Eindruck, dass er das klangliche Resultat bei heftigem Gebrauch negativ beeinflusst. Das Signal wird sehr schnell rauschig und hat im Gegensatz zu einer echten Röhre zu wenig „Biss“ bzw. klingt digital. Hier sollte man Vorsicht walten lassen! 

Akustische Pianos

Dreizehn akustische Pianoklänge stehen in der Piano-Sektion zur Verfügung und reichen vom Konzertflügel über dunkel klingende und rockige Modelle, bis hin zu Eurodance-Pianos. Insgesamt bieten die Pianos sehr unterschiedliche Klangfarben und lassen sich vielseitig einsetzen, jedoch darf man hier keine Höchstleistungen erwarten. Mit den Piano-Sounds manch anderer Stagepianos können die Pianos aus dem VR-730 nicht mithalten. Es fehlt ihnen ein wenig an Lebendigkeit, bzw.  Ausdrucksstärke und ich würde mir persönlich wünschen, dass auch die Nebengeräusche wie z. B. Saitenresonanzen und Hammer-Geräusche im Klangbild angepasst werden könnten.

E-Pianos

Die E-Pianos aus dem Roland VR-730 stammen – so der Hersteller -  aus dem RD-2000. Klanglich gefallen sie mir gut und bieten eine noch breitere Palette als die akustischen Pendants. Sowohl der Wurlitzer- als auch die verschiedenen Rhodes-Sound klingen sehr gut, machen aber ebenfalls von zu wenigen Velocity-Stufen Gebrauch, was dann zu einem teilweise statischen und eher leblosen Klang führt. Zum Glück gibt es - etwas versteckt - eine gelungene Ausnahme: „Pure EP“ nennt sich mein persönlicher Favorit, der mit seinem Grundsound und gut gewählten Velocity-Bereichen aus dem sonst etwas durchschnittlichen E-Piano Angebot heraussticht. Pure EP klingt in allen Lagen wirklich hervorragend und ich wüsste schon jetzt, dass ich diesen Sound im Live-Kontext sehr häufig einsetzen würde. Bei allen Klang-Presets ist übrigens immer ein Multi-Effekt passend zum Instrument eingestellt: Bei den Rhodes-Varianten ist das z. B. ein Tremolo-, Pan- oder Phaser-Effekt. Dieser lässt sich nach Belieben über den MFX-Regler aus der Effektabteilung hinzufügen bzw. intensivieren und wird im Display unterhalb des Preset-Namens angezeigt.

Clavinet und Other

Das Clavinet hat eine eigene Kategorie erhalten und wartet in unzähligen Varianten darauf, dass man den „Funk“ auspackt. Verschiedene Pickup-Einstellungen, wie auch effektbeladene Presets lassen sich hier finden. Daneben gibt es jeweils in der Piano- und der Synth-Sektion eine Other-Kategorie mit diversen zusätzlichen Sounds: Mundharmonika, Akkordeon, Gitarre oder z. B. eine Celeste sind hier zu nennen.

Synthesizer

Die Synth-Abteilung ist mein persönliches Highlight aus dem VR-730. Hier befinden sich, in acht Kategorien unterteilt, diverse Brass-, Lead- und Pad-Sounds, mit denen man sofort loslegen kann. Viele Preset-Namen verraten dabei die Herkunft der Sounds: „JP8 Brass“ oder „Juno Brs“ lassen pures Vintage-Feeling aufkommen. Hier darf ich anmerken, dass es sich bei den Modellen Juno, Jupiter und selbstverständlich um traditionsreiche Keyboards aus dem Hause Roland handelt, mit denen Musikgeschichte geschrieben wurde. Auch DX7-, Oberheim- und Moog-Sounds beherbergt das VR-730. In jeder Kategorie sind zunächst Synth-Sounds und anschließend akustische Instrumente, wie Bläser-, Bass- und Strings-Sounds zu finden. Letztere reichen aber keinesfalls an die Qualität der Synthesizer-Sounds heran und sollten deshalb eher als nettes Beiwerk betrachtet werden. Hören wir in eine Auswahl an Synthesizer-Sounds hinein:

Drum-Sektion

Die Drum-Sektion des VR-730 vereint Drum-Sounds, abrufbare Drum-Rhythmen, ein Metronom sowie eine Looper-Funktion. Hier können Drums entweder manuell über die Tastatur gespielt werden, oder aber diverse Drum-Rhythmen abgespielt werden, wie man sie aus Arrangerkeyboards her kennt. Ein nettes Feature, wenn man auf die Schnelle rhythmische Unterstützung benötigt. Der Looper ist ein echtes Highlight, denn hier kann man ad hoc Loops bis zu einer Länge von 20 Sekunden einspielen und nach Belieben weitere Spuren schichten. Für schnelle Ideen oder spontane Jam-Sessions ist das wirklich sehr gelungen! Über den Rhythm-Taster wechselt man wahlweise auch in den Song-Modus: Hier lässt sich das eigene Spiel im MIDI- oder Audio-Format aufnehmen. MIDI-Daten können anschließend intern gespeichert werden, Audio-Daten werden auf einem USB-Stick abgelegt. 

Effekte 

Insgesamt sechs Effekte können im VR-730 eingestellt und über die Potis bedient werden, wobei die Rotary-Funktion sogar als siebter Effekt gilt. Bei den Effekten handelt es sich um Overdrive, Tone, Compressor, MFX, Delay und Reverb. Für den MFX steht eine große Auswahl an Modulationseffekten wie z. B. Chorus, Phaser und Flanger zur Verfügung. Die Effekte Overdrive, Ton und Compressor hingegen lassen sich nur in ihrer Intensität einstellen und sind voreingestellt. Delay und Reverb sind dagegen etwas flexibler: Dreht man an den beiden Reglern, dann erscheint ein kleines Auswahl-Menü, aus dem diverse Delay- und Reverb-Varianten gewählt werden können. Auch Tape- und Reverse-Delays sind darin zu finden, allerdings wäre es wünschenswert, wenn man hier detaillierten Zugriff auf Parameter wie z. B. Delay-Feedback oder Reverb-Size hätte. In vielen Fällen wird mit zunehmendem Regelweg gleichzeitig das Send-Signal sowie die Modulations-Intensität erhöht. Das lässt sich aber verschmerzen, denn die Effekte klingen gut und lassen sich durch das Einsparen von Untermenüs sehr leicht bedienen.

D-Beam Controller

Der D-Beam-Controller wurde ursprünglich von einer Firma namens „Interactive Light“ entwickelt und später von Roland aufgekauft. Seitdem verbaut der japanische Hersteller diesen Infrarot-Controller, der Handbewegungen erkennt und damit interessante Spielereien ermöglicht. Nicht nur lässt er sich, fast wie ein Theremin, als Pitch-Controller verwenden, Roland hat auch ein paar Effekte wie z. B. „Spring Shock“ und diverse weitere Effekte integriert, die man auf Wunsch mit der Hand auslösen lassen kann. Schön ist auch das Steuern der Leslie-Geschwindigkeit oder z. B. das Herunterfahren des Tonewheel-Generators. Wie das klingt, ist in folgendem Beispiel zu hören. 

Split- und Layerfunktion

Das VR-730 bietet sowohl eine Split- als auch eine Layerfunktion. Betätigt man z. B. zwei Gruppen-Taster gleichzeitig, dann wechselt das Keyboard in den Dual-Modus und schon werden zwei Sounds gleichzeitig verwendet. Das Display zeigt die beiden Parts dann als Lower und Upper Part an - irgendwie erinnert mich das ein bisschen an die Nord-Electro-Serie. Die Reihenfolge der gedrückten Tasten bestimmt dabei, welcher Sound als Upper und Lower-Part erkannt wird. Alternativ können Lower- und Upper-Parts natürlich auch mit den Cursor-Tasten ausgewählt und verändert werden. Über dem Split-Taster im Orgel- und Synth-Bereich, wird die Tastatur alternativ in zwei Bereiche aufgeteilt. Der Split-Punkt lässt sich ganz einfach wählen, indem man den Split-Taster gedrückt hält und eine Note auf der Tastatur als neuen Splitpunkt festlegt. 

Im Gegensatz zum Nord-Electro 5 und 6 bietet das VR-730 aber auch eine Möglichkeit, zwei Synth-Sounds oder zwei Pianos zu layern bzw. zu splitten. Daneben enthält das VR-730 auch einen Dual-Organ Modus, der sogar mit Hilfe eines externen MIDI-Keyboards als Zweimanual-Version gespielt werden kann. Wer jetzt noch das entsprechende Roland-Fußbasspedal besitzt, der kann die virtuelle Orgel voll und ganz ausschöpfen!

Bedienung

Nach dem ersten Beschnuppern musste ich feststellen, dass sich das VR-730 Stagekeyboard für’s Erste auch ohne das Benutzerhandbuch bedienen lässt. Dank des gut überschaubaren Bedienfelds und einem recht kleinen Menü, haben sich die meisten Fragen schon beim Bedienen von selbst erklärt. Auch die knapp dreißig Seiten des Benutzerhandbuchs zeigen, dass es keiner langen Lektüre bedarf, um das Instrument zu verstehen. In Sachen Bedienung ist das VR-730 wirklich gut gelungen!

VR-09 Editor

Um die Bedienung der Synth- und Orgelabteilung noch etwas attraktiver zu gestalten, bietet Roland eine kostenlose App für alle iPad-Besitzer an. Der VR-09 Editor bietet u. a. den großen Vorteil, dass man auf diverse Orgel- und Synth-Parameter zugreifen kann, die sonst nicht über das Menü des VR-730 erreichbar sind. Die virtuelle Synthesizer-Abteilung erinnert dabei stark an den Juno 60: Drei Oszillatoren, deren Wellenformen frei wählbar sind, werden hier geboten. Auch eine umfangreiche Filtersektion mit verstellbarer Flankensteilheit und ADSR-Filter-Hüllkurve wartet auf den User. Um in den Genuss dieser Features zu kommen benötigt man allerdings nicht nur ein iPad, sondern auch den separat erhältlichen Roland Wireless-USB-Adapter. Das ist leider sehr schade und grenzt die Nutzerfreundlichkeit deutlich ein.

Roland Axial

Klanglich gesehen lässt sich das VR-730 übrigens noch erweitern. Roland bietet seit Jahren über die eigene Axial-Seite kostenlose Sample- und Preset-Packs zum Download an. Für die Juno-DS Serie gibt es beispielsweise eine große Auswahl an Presets und Samples, die mitunter aus der legendären XV-Serie stammen. Für beide Ausführungen VR-09 und VR-730 gibt es leider bislang nur ein Set an speziellen Registrierung, Roland hat aber verkündet, dass das Angebot bald aufgestockt werden soll. Aus der bislang erhältlichen Library „The Cover Band Collection“ habe ich diverse Registrierungen ausprobiert und war überrascht, wie brauchbar die Ergebnisse klingen. Einige der Presets daraus habe ich schon im Klangbeispiel für die Synthesizer-Sektion untergebracht. Die Synth-Registrierungen sind auf jeden Fall sehr gelungen - man darf hier gespannt auf alle weiteren Downloads für das VR-730 sein!

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