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12.07.2013

Querschläge: Part-Time Mucker – Auch Musiker haben das Recht auf ein Hobby

Den Beruf zum Hobby gemacht

Franka Potente muss es wissen. Sie, die als Schauspielerin, Regisseurin, Drehbuch-Autorin, Musikerin und nicht zuletzt Schriftstellerin tätig war oder ist, personifiziert die kreative Branche wie sonst nur Katja Riemann. Für die Kampagne „Mein Kopf gehört mir“ hatte sich Potente mit folgendem Statement zitieren lassen: „Auch im Youtube-Zeitalter gilt: ohne Urheberrechte gibt es in Film und Fernsehen keine Qualität. Deshalb sind sie unverzichtbar.“ Obwohl debattierbar bleibt, in welcher Kausalbeziehung Urheberrechte und künstlerische Qualität zueinander stehen und warum ausgerechnet Film und Fernsehen davon betroffen sein sollen - der Co-Autorin eines Fitness-Ratgebers namens „kick Ass –  Das alternative Workout“ ist kein Vorwurf zu machen. Lautet der Tenor ihrer Aussage doch: ohne professionelle Kreative geht es nicht.

Sportsoldaten vs. Genie-Kult – zwei Lösungen für ein und dasselbe Problem

Und tatsächlich ist genau das der Punkt. Bob-Fahrer, Ringer und Eisschnellläufer werden durch ein System gestützt, dass man am besten als Sportsoldaten-Armee zusammenfasst. Wie man im Falle Claudia Pechsteins gut nachvollziehen konnte, erwartet niemand, dass Sportsoldatinnen und –Soldaten außer ihrem Sport anderen Formen des Broterwerbs nachgehen. Wenn aber ein Musiker 300 Konzerte im Jahr spielt und klamm bis auf die Knochen bleibt, dann „hätte er halt was Richtiges lernen sollen“.  Staffel-Rodeln zum Beispiel. Geradezu pervers aber ist, dass sich insbesondere im Hinblick auf Musiker hartnäckig das Klischee behauptet, die Unabhängigkeit von der eigenen Profession sei quasi ein Garant für Authentizität. Genie-Kult  - ick hör Dir trapsen. Anders ausgedrückt: Nicht in der Lage zu sein, das zu machen, was man am besten kann, soll  (vor allem für Musiker) die beste weil authentischste Voraussetzung dafür sein, das zu machen, was man am besten kann! 

Tour statt Ferien – wenn man für das Hobby Urlaub einreicht

Der mehr als offensichtliche Widerspruch hindert nur wenige daran, ihn nicht zu übersehen. Der Hobbyisierung eines ganzen Metiers wird dadurch entscheidend Vorschub geleistet. Eine Tendenz mit Folgen: Hobby-Musiker veröffentlichen auf Hobby-Labels. Die engagieren Hobby-Regisseure für die Hobby-Videos. Und die werden dann auf Hobby-Blogs gezeigt. Hobby-Remixe werden von Hobby-DJs kredenzt. Bis zum Hobby-Instrumenten-Bauer ist es nicht mehr weit. So genannte Street-Teams gelten mittlerweile als einigermaßen unverzichtbar; dabei sind sie nichts anderes als Hobby-Promotoren. Bitte nicht falsch verstehen: Niemandem soll das Steckenpferd Musik vergällt werden. Auch geht es nicht um die Diskreditierung des viel-zitierten DIY-Ansatzes. Aber: Diese Option zur Prämisse, die Alternative zur conditio sine qua non zu stilisieren, ist nicht nur unverhältnismäßig. Professionalität mit unterschiedlichen Maßstäben zu messen, ist ungerecht und falsch. Ist eine Welt, in der die, die gerne Panzer fahren, Berufssoldaten heißen und diejenigen, die Musik machen und ihr Gehör verschaffen wollen, dazu Urlaub einreichen müssen, die beste aller möglichen? – Vorsichtig formuliert: Zweifel bleiben angebracht. Rock on!

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Über Joinmusic

Querschläge: Part-Time Mucker – Auch Musiker haben das Recht auf ein Hobby

Unser neuer Kolumnist Thomas Kühnrich ist seit 2011 Redaktionsleiter bei Joinmusic.com. Dieses Online-Magazin und Label-Portal will getreu des Mottos "Good Music Only" eine Anlaufstelle für Labels und Musikinteressierte abseits der Top 20 Playlists sein. Und weil Justizia zwar blind, nicht aber taub ist, gibt sich Joinmusic subjektiv, voreingenommen und parteiisch. Mit News, Track-Tweets, Reviews und Hintergrund-Geschichten informiert das Magazin über Künstler, die den Unterschied machen. Das einzige Genre, das für sie wirklich zählt, heißt „großartige Musik“. Mit diesem Hintergrundwissen gewappnet, wird uns Thomas ab sofort mit seinen "Querschlägen" ein wenig Pfeffer in den Alltag bringen...

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