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05.08.2013

Praxis-Workshop: So mischt ihr eure Live-Aufnahmen

Das optimale Ergebnis aus Mehrspuraufnahmen herausholen

Übersetzung: Ralf Schlünzen 

In loser Folge übersetzen wir für Euch "Perlen" aus dem britischen Magazin SoundOnSound: Diesmal einen sehr hilfreichen Workshop zum Thema Live-Recordings abmischen. Viel Spaß beim Lesen!  

Das Aufnehmen von Live Shows war noch nie einfacher – aber das Mischen ist noch immer eine Herausforderung! Technisch gesehen war es noch nie so einfach wie heute, eine Live Show aufzunehmen. Digitale Multitrack-Recorder sind erschwinglich wie nie, und Produkte wie der JoeCo Black Box Recorder oder Allen & Heath ICE 16 wurden sogar speziell für diese Aufgabe designed. Außerdem bieten immer mehr Mischpulte einfache Möglichkeiten Multitrackaufnahmen zu realisieren – entweder über einen verbundenen Computer oder gleich direkt auf ein USB-Speichermedium. Und außerdem wird inzwischen sogar in kleinen Venues fast alles auf der Bühne routinemäßig über Mikrofon abgenommen. Theoretisch sollte es also kinderleicht sein, eine Liveaufnahme anzufertigen. In der Praxis ist das natürlich etwas komplexer, und je mehr Mühe ihr euch gebt, die Audioquelle optimal aufzunehmen, desto besser werden die Resultate! In diesem Artikel soll es aber um das Mischen bereits vorliegender Mehrspur-Liveaufnahmen gehen: wir nehmen also einfach mal an, dass bei der Aufnahme alles geklappt hat...

Teil 1: Die Vorbereitungen

Der erste Schritt ist eine gründliche Analyse des Ausgangsmaterials. Wenn die Aufnahmen mit einem digitalen Multitracker erstellt wurden, habt ihr wahrscheinlich einen Haufen Monospuren mit kryptischer Benennung vorliegen – in einem Stück von Anfang bis Ende des Gigs. Sobald ihr diese in einer Session angelegt habt, müsst ihr sie durchgehen und herausfinden, was auf jeder Spur drauf ist. Das kann eine echte Herausforderung sein! Es kommt nicht selten vor, dass eine Spur komplett aus Off-Axis-Übersprechen anderer Quellen besteht – oder ihr euch nicht sicher seid, ob es das Publikumsmikrofon sein soll, das leider auch den Banjo-Spieler beim lautstarken Kratzen seines Allerwertesten eingefangen hat. Nur weil 16 Spuren aufgenommen wurden, heißt es noch lange nicht, dass alle 16 Spuren wirklich gezielt eingesetzt wurden. Gleichzeitig könnt ihr beim Mischen nichts machen, falls ein wichtiges Instrument nicht aufgenommen wurde. Außerdem wäre es schick, wenn alle eure Spuren Pre-Fader ohne die Signalbearbeitung des Pultes aufgenommen worden wären. Aber wir leben nun mal nicht in einer perfekten Welt...

Sobald ihr die Dateien ins DAW-Audioprogramm der Wahl geladen habt, solltet ihr Ausschau nach potenziellen Fallstricken halten: Versucht Pops oder andere Störimpulse, Übersteuern und vulkanartige Ausbrüche weißen Rauschens visuell auszumachen BEVOR ihr die Wiedergabe startet. Das wird euch so manchen Kopfschmerz ersparen. Es gibt aber auch subtilere Probleme, nach denen ihr die Augen offen halten müsst: Die meisten Livemischer werden an irgendeinem Punkt der Performance den Gain des Kanals nachgeregelt haben – und es soll sogar den einen oder anderen geben, der alle Fader auf 0 dB einpegelt, und dann gleich über die Gainregeler mischt (Autsch! – Anm. der Redaktion). Es könnte auch sein, dass das vorliegende Material Post-Fader Aufnahmen sind. In jedem Fall können die Wellenformen aussehen, wie eine Boa Constrictor nach mehreren herzhaften Mahlzeiten – ihr solltet also als erstes offensichtliche Pegelsprünge ausmachen und angleichen, so dass man einen möglichst gleichmäßigen Pegelverlauf als Ausgangspunkt für den späteren Mix hat. Je nachdem wie unerwartet und häufig diese Abweichungen sind, gibt es mehrere Ansätze dies anzugehen. Ein Weg wäre, das Audio in eine Reihe Regions oder Clips zu teilen und diese dann automatisch zu Normalisieren, oder zur Angleichung in jedem Clip bzw. Objekt die Pegeleinstellungen manuell vorzunehmen. Sollten es allerdings allmähliche, schrittweise Veränderungen sein, ist es oft einfacher die Faderautomation zu nutzen, um auf den Spuren einen subjektiv gleichbleibenden Pegel zu erzielen. Die Spuren könnt ihr dann rendern oder den Ausgang auf eine neue Spur zum weiteren Mischen routen.

Alles oder Nichts?

Am Anfang müsst ihr euch überlegen, wie ihr den Gig bearbeiten wollt: Soll die ganze Show in einem einzigen DAW-Projekt gemischt werden, oder für jeden Song ein eigenes Projekt angelegt werden? Für beide Ansätze gibt es Vor- und Nachteile: Die Kontinuität ist mit dem ersten Ansatz sicher leichter zu gewährleisten, vor allem wenn eure Mischungen für eine Videoaufzeichnung der Show sind. Auf der anderen Seite müsst ihr supervorsichtig sein, dass Änderungen in einem Song nicht Arbeit an anderer Stelle zerstören – das geht also eigentlich nur, wenn ihr euch strikt von vorn nach hinten durcharbeitet. Außerdem werden unterschiedliche Songs wahrscheinlich sehr unterschiedliche Bearbeitungen erfordern.

Deshalb bevorzuge ich eine Arbeitsweise in zwei Schritten: Ich beginne mit allem, was für das Projekt als Ganzes getan werden kann. Das kann grundsätzliche EQ- und Dynamikeinstellungen für jede Spur beinhalten, Gruppierungen und Routing, Hall und weitere AUX-Effekte, sowie das Lösen von übergreifenden Problemen.Wenn ich damit fertig bin, nutze ich die Marker-Tracks in Cubase oder Pro Tools um Anfang und Ende eines jeden Songs im Set zu markieren. Wenn ich mich für den Song entschieden habe, den ich zuerst mischen möchte, wähle ich „Save As.../Speichern unter...“ und speichere das komplette Set unter einem neuen Namen. Sobald das fertig ist, kann dieses Projekt als Startpunkt für ein weiteres „Save As...“ dienen, und es folgt er nächste Song – und so weiter. Das bedeutet, das jeder Song alle Abweichungen von den ursprünglichen Basiseinstellungen „erbt“, aber Änderungen im aktuellen Song nichts in den bereits gemischten verändert – es sei denn ich würde destruktive Offline-Bearbeitung an den tatsächlichen Dateien vornehmen. (Denkt dran: Clips und Regions sind nur Abspielmarker für die Dateien auf der Platte, multiple Projekte für das identische Material anzulegen verschlingt also keinen nennenswerten Speicherplatz.)Nun seid ihr bereit für den ersten Mix des ersten Songs im Set. Aber der kann sich leider oft als Spezialfall entpuppen, der musikalisch oder aufgrund technischer Startprobleme vom Rest des Gigs komplett abweicht. Deshalb bevorzuge ich es, erstmal einen repräsentativen Song aus der Mitte des Sets auszuwählen; bei einer Rock Band also keine Feuerzeug-Ballade und auch nicht der Song, wo alle Musiker ihre Instrumente untereinander tauschen.

Magic Moments

Egal ob Studio- oder Live-Aufnahmen: Das Ziel ist natürlich immer, eine stimmige Mischung der Einzelquellen zu erreichen. Allerdings unterscheiden sich Live- und Studioaufnahmen oft in mehrerlei Hinsicht. Deshalb lohnt es sich immer, während des Mischens ein paar gute kommerzielle Beispiele als Referenzen parat zu haben. Man sollte nicht ausschließlich mit Studioaufnahmen gegenhören (wobei gute Studioaufnahmen der Band, die ihr gerade mischt, auch gute Referenzen sein können). 

Jedes seinen Namen verdienende Recording Studio sollte über eine gute Akustik verfügen. Und jeder seines Titels würdige Toningenieur wird zur Erzielung eines guten Klangergebnisses die Band im Raum sorgfältig platzieren, sowie passende Mikrofone auswählen und sie optimal positionieren. Immer das Ziel vor Augen, sogar bei gleichzeitiger Aufnahme einen perfekten Klang mit optimaler Trennung zu erreichen. Studioaufnahmen sind in der Regel gut geordnet und werden oft nachbearbeitet oder in anderer Weise "veredelt", um z.B. Tonhöhe und Timing zu perfektionieren.Die Akustik eines Live-Venues kann dagegen sehr variabel sein: die Band steht in eine Ecke gequetscht und wird mit mehr Elan und weniger Finesse als im Studio spielen. Die Auswahl der Mikrofone wird meistens von der Verfügbarkeit bestimmt, und die Positionierung ist meistens so dicht wie möglich an der Schallquelle – trotzdem ist Übersprechen unvermeidlich, nicht nur von anderen Instrumenten und ihren Verstärkern, sondern auch von Bühnenmonitoren, FOH-Lautsprechern und Reflektionen aller Quellen, die munter im Raum herumspringen. Die einzigen Instrumente, die wie durch ein Wunder sauber bleiben, sind die durch DI-Out oder DI-Boxen direkt abgenommenen: die meisten Keyboards, Akustikgitarren, elektrische Violinen und oftmals Bass.

Beim Aufnehmen und Mischen einer Band erzeugen wir eine Illusion: Im Studio kann es der Eindruck sein, die Band spiele gleichzeitig, was oft nicht der Fall ist. Uns steht ein Arsenal an Mixing-Tricks zur Verfügung, um Quellen "GROSS" statt "echt" klingen zu lassen. Bei einer Live-Aufnahme geht es dagegen vor allem darum, das Erlebnis einzufangen, wenn man direkt vor der Band steht.

Wie jeder, der schon mal einen Gig mit einem Mobilrekorder aufgenommen hat, kann es frappierende Unterschied zwischen einer überzeugenden Multitrack-Mischung eines Gigs und einer klanggetreuen Wiedergabe des tatsächlichen Sounds im Publikum geben. Allerdings sollten wir niemals aus den Augen verlieren, was wir mit der Mischung erreichen wollen: Wenn man nur die Nahmikrofone nutzt und die Quellen zu sehr säubert, ist es möglich mit einem technisch guten Mix komplett am Ziel vorbei zu schießen. Euer Ziel ist es, die Stimmung eines Live-Events zu konservieren, zu verfeinern – aber nicht sie komplett wegzupolieren. Die Stimmung einer Live Show passiert im Saal, nicht 5 Zentimeter vor dem Lautsprecher des Amps. Ihr müsst also einen Weg finden, das in eure Mischungen zu transportieren!

DAS WAREN DIE VORBEREITUNGEN - IM 2. TEIL GEHT ES ANS EINGEMACHTE. Nächste Woche... gleiche Welle!

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