Hersteller_Neumann
Test
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08.09.2017

Praxis

Ganz einfach ein Werkzeug zum Arbeiten

Ich will nicht verheimlichen, dass es tatsächlich auch „Hater“ der jüngeren 87er gibt und dass diese den ursprünglichen Varianten bis 1986 hinterher trauern. Diese volle Breitseite kann ich nicht nachvollziehen und auch keine wirklichen Probleme bestätigen. Im Betrieb zeigt sich das Neumann U 87 Ai als zuverlässiges und berechenbares Werkzeug für eine Vielzahl an Aufgaben. Es ist ein Allrounder: Ob als Sprecher-, Gesangs- oder Instrumentenmikrofon eingesetzt, das Doppelmembranmikrofon enttäuscht nie. Allerdings löst es auch keine Begeisterungsstürme auf, es ist eher ein nüchternes, zurückhaltendes Profi-Tool, mit dem man arbeiten muss, nicht eines, das einem die Arbeit abnimmt. Um es etwas konkreter zu sagen: Das Signal des U 87 Ai ist mit dem Equalizer hervorragend formbar und lässt starke Eingriffe zu, ohne dass die Signalqualität darunter leidet. Auch enorme Kompressionen steckt das Neumann gut weg. Viele preiswerte Mikrofone können das nicht.  

„Arbeiten“ muss man jedoch oft: Das unbearbeitete Ausgangssignal ist etwas strubbelig, harscher und unfeiner als das vieler anderer vergleichbarer Mikrofone. So wird es manchem vielleicht etwas zu „bissig“ und „kantig“ sein, aber das lässt sich bei Bedarf ja ändern. Umgekehrt lässt sich nicht so gut ein konturiertes Signal aus einem runden generieren. Ich muss gestehen, dass mir das alte U 87 insgesamt ein wenig griffiger, aber gleichzeitig mit eleganteren und edleren Höhen in Erinnerung geblieben ist – allerdings sind „alte“ U 87 eben auch gealtert, sodass man keine fabrikneuen miteinander vergleichen kann. Wer ein U 87 Ai anschafft, der weiß, was er will. Es erreicht nicht die Klasse eines U 47 fet, auch nicht eines M 149 Tube, aber das sind ja auch die Gründe dafür, weshalb es eben diese Mikrofone auch in Neumanns Produktportfolio gibt – und noch eine ganze Reihe weiterer.  

Sachlich

Gut ist auch, dass das U 87 nicht mit gehypten Höhen um die Gunst des Interessenten buhlt. Im Air-Band zeigt es sich angenehm sachlich und legt den Fokus eher darauf, einen sanften Dämpfungsverlauf zu liefern als Höhenreichtum zu suggerieren und dafür wilde und zackige Pegel- und Phasenverläufe an der XLR-Buchse auszugeben. Dynamisch ist das Neumann gut aufgestellt, denn es folgt Signalspitzen sehr gut, lediglich im höchsten Pegelbereich dürften die Zerrungen gerne etwas weniger plötzlich auftreten.  

Stabile Patterns sind Gold wert

Mit dem 87 Ai lässt sich sehr gut planen, denn es ist durchaus vorhersehbar. So sind die Patterns leicht unterschiedlich schon bei frontaler Besprechung, vor allem die Acht klingt präsenter und gefällt mir sehr gut. Die Veränderungen in den Höhen bei seitlicher Besprechung, bei Mikrofonen bekanntlich unvermeidbar, haben generell einen sanften Verlauf und keinerlei abrupte Einbrüche oder enorme Spitzen, wodurch Bleeding anderer Instrumente und Raumrückwürfe sehr gut und natürlich klingen. Toll ist, dass die Kugel sehr lange ihre Form behält und erst im hohen Kilohertzbereich seitliche Dämpfungen stattfinden. Obwohl viele Kapseln anderer Mikrofone ähnlich aufgebaut sind und die Physik für alle die gleiche ist, performen viele Mikrofone hier schlechter. Für seinen satten Nahbesprechungseffekt aber die gleichzeitig erhalten bleibende Transparenz wird das U 87 geschätzt. Bei zu viel Bass hilft das sauber arbeitende Hochpassfilter.

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