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Feature
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15.01.2014

Morcheeba Interview

Sängerin Skye Edwards über das neue Album "Head Up High"

Die englische Band Morcheeba gehörte Mitte der 90er-Jahre neben Gruppen wie Portishead, Massive Attack und Moloko zu den Aushängeschildern der Trip-Hop-Welle. Nachdem es lange Zeit eher ruhig um Morcheeba geworden war und Sängerin Skye Edwards die Band zwischenzeitlich verlassen hatte, haben sich die drei Briten – seit einigen Jahren wieder in der ursprünglichen Formation – mit dem neuen Album „Head Up High“ zurückgemeldet, das am 10. Oktober letzten Jahres erschienen ist. Wir sprachen mit Skye Edwards über die Arbeit an der neuen Platte.

bonedo: Beim Hören eures neuen Albums hatte ich das Gefühl, dass Morcheeba zu den Wurzeln zurückkehren, vielleicht sogar noch etwas stärker als auf der letzten Platte. Wie empfindet ihr das?

Skye Edwards: Ich glaube eher, dass wir die Wurzeln ausgegraben, ein bisschen geschüttelt und in einen neuen Topf gepflanzt haben. Auf Songs wie „Release Me Now“, „Make Believer“ und „To The Grave“ haben wir auch viele neue Sounds benutzt. Also ist es auf jeden Fall auch ein Blick in die Zukunft. Aber natürlich klingt es immer noch sehr nach Morcheeba. Bevor wir mit dem Schreiben und Aufnehmen angefangen haben, haben wir uns zusammen gesetzt und den Plan gefasst, eine „schnellere“ Platte zu machen mit mehr Uptempo-Titeln. Aber selbst einer der schnellsten Tracks, „Under The Ice“, fühlt sich ziemlich „mellow“ an. Das ist eben Morcheeba!

bonedo: Was hat euch auf diesem Album am meisten beeinflusst?

Skye Edwards: Für mich als Sängerin kommt die Inspiration aus den Beats und Chords. Paul schickte uns vielleicht 30 verschiedene Ideen. Er wohnt in Frankreich und hatte dort mit einem Schlagzeuger verschiedene Beats aufgenommen. Dann hat er die Drums zerschnitten und bearbeitet und mit elektronischen Sounds ergänzt und er und Ross haben Akkorde, Synthesizer und so weiter hinzugefügt. Ich denke mir dann Melodien dazu aus und schicke sie Paul, der die Texte schreibt.

bonedo: Ihr arbeitet also gar nicht gemeinsam im Studio an den Tracks?

Skye Edwards: Am Anfang nicht. Wir haben uns vorher getroffen und besprochen, was wir erreichen wollten und was nicht. Sachen wie: „Natürlich möchten wir Songs schreiben, die vielleicht im Radio gespielt werden, aber es soll auch nicht zu poppig werden.“ Dann hat jeder für sich an Ideen gearbeitet. Später gab es dann Sessions für die Gesangsaufnahmen, Gitarre und Piano, bei denen wir alle da waren.

bonedo: Du hattest die Band ja zwischenzeitlich für einige Jahre verlassen. Hat sich seit deiner Rückkehr etwas daran geändert, wie ihr zusammen arbeitet und wie eure Tracks entstehen?

Skye Edwards: Meine Rolle bei Morcheeba waren immer die Melodien. Die Texte schreibt nach wie vor Paul. Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, ob ich mich seit meiner Rückkehr zu Morcheeba „stärker“ fühle und mehr schreiben möchte, dabei war das nie meine Absicht. Ich habe ja auch noch ein Soloprojekt, wo ich die Texte selbst schreibe. Bei Morcheeba fühle ich mich wohl als „Melody-Maker“ und Frontfrau, als „Stimme von Morcheeba“. Als Songwriterin kann ich mich auf meinen Soloalben austoben.

bonedo: Was ist dein Lieblingstitel auf dem neuen Album, und gibt es eine Geschichte dazu?

Skye Edwards: Hm, schwierig... (lacht) Was den Spaß bei der Performance angeht, ist mein Lieblingssong wahrscheinlich „Make Believer“ mit seinem Uptempo-Reggae-Feel. Zum Zuhören ist es „Under The Ice“. Der Song beginnt mit einem Charango, das ist eine Art Mandoline aus Südamerika. Wir hatten am Anfang das Charango, eine Gitarre und eine Melodieidee, aber erstmal keine Ahnung, in welche Richtung der Song gehen sollte. Also habe ich Paul ein paar Bilder geschickt, um ihm zu zeigen, wie ich mir den Sound und den Text vorstellte. Ein zugefrorener See, ein schneebedeckter Baum mit einem warmen Haus, solche Sachen. Dazu kamen Gefühle wie das, wenn man älter wird und bereut, bestimmte Dinge verpasst oder nicht getan zu haben. Ich schickte ihm also fast eine Art „Storyboard“ und er machte daraus den Song.

bonedo: Was macht für dich einen guten Song aus?

Skye Edwards: Wenn man einen Song auf der Gitarre spielen kann und ihn in viele verschiedene musikalische Gewänder kleiden kann, dann ist er meistens gut. Das Wichtigste ist die Melodie. Eine gute Melodie erreicht die Menschen auch, wenn sie den Text nicht verstehen. Auf dem Soundtrack zu „Django Unchained“ gibt es einen Song von einer italienischen Sängerin [Elisa Toffoli, d. Red.] namens „Ancora Qui“. Ich habe keinen blassen Schimmer, wovon sie singt, aber es berührt mich. Ich will es gar nicht wissen, obwohl ich ein paar italienische Freunde habe, die es mir sicher übersetzen könnten. Allein die Melodie und die Stimme haben eine Art Zauber.

bonedo: Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass das neue Album wieder mehr nach den ersten beiden Morcheeba-Alben aus den Neunzigern klingt als zum Beispiel „Fragments Of Freedom“ von 2000, wo ihr einen ziemlich poppigen Sound hattet und dafür auch ein bisschen Kritik von Morcheeba-Fans der ersten Stunde einstecken musstet.

Skye Edwards: Das kommt ganz darauf an, wie man es empfindet. Wir wollten ja damals „Fragments Of Freedom“ machen. Wir hatten Lust auf ein Uptempo-Album und wollten die Leute zum Tanzen bringen. Und jetzt haben wir uns eben wieder weiterentwickelt. Als wir die erste Single des neuen Albums auf Youtube gepostet haben, gab es ein paar Kommentare wie: „Oh, ich hatte gehofft, dass Morcheeba zum Sound von 'Who Can You Trust' zurückkehren würden, aber ich bin so enttäuscht!“ Für die sind wir also nicht mehr die Band, die sie damals mochten. Andere schreiben: „Das ist SO Morcheeba!“ Wir können uns viele verschiedene Hüte aufsetzen – das ist vielleicht auch das Tolle an Morcheeba.

bonedo: War es denn schwierig, all die Jahre euer Ding durchzuziehen?

Skye Edwards: Das müsstest du eigentlich Paul fragen, denn er ist der Produzent. Als Sängerin habe ich natürlich nie den Druck verspürt, den Sound neu erfinden zu müssen. Ich zerbreche mir nur den Kopf darüber, was für Kleider ich für die Shows nähe... (lacht) Ich mache ja alle meine Bühnenoutfits selbst. Aber das macht Spaß!

bonedo: Rückblickend hat die Trip-Hop-Ära Mitte der Neunziger einen großen Einfluss gehabt und viele Leute inspiriert. Wie war es damals, ein Teil davon zu sein?

Skye Edwards: Manchmal wünsche ich mir, zurückgehen zu können, um das herauszufinden. Wenn man mittendrin steckt, nimmt man ja gar nicht so wahr, was da gerade abgeht. Wir waren viel auf Tour und alles passierte irgendwie um uns herum. Das fühlte sich toll an, aber mir war damals gar nicht bewusst, dass wir ein Teil einer „Bewegung“ waren, jedenfalls nicht so wie zum Beispiel Massive Attack oder Portishead. Es ist witzig, mit denen in Verbindung gebracht und verglichen zu werden.

bonedo: Nervt es euch heute, wenn Morcheeba immer noch als „eine dieser Trip-Hop-Bands aus den Neunzigern“ gesehen werden?

Skye Edwards: Nein, überhaupt nicht. Das können wir ja auch bleiben. Und 2013 sind wir immer noch da und machen immer noch gute Musik. Vor einer Weile haben wir in Paris gespielt und vor uns trat eine junge Band auf, die große Morcheeba-Fans waren. Oder die Rizzle Kicks, die sind auch Morcheeba-Fans, obwohl sie erst etwa 20 sind. Ihre Eltern haben uns schon gehört! (lacht) Es ist toll – wir gewinnen immer noch neue Fans hinzu, jung und alt.

bonedo: Glaubst du, dass es ein Trip-Hop-Revival geben wird?

Skye Edwards: Keine Ahnung, vielleicht gibt es eins und wir können die „Headline Legends“ sein! (lacht) Wahrscheinlich kommt es irgendwann zurück, aber auf eine etwas andere Weise. Gerade erzählte mir jemand von einem Skrillex-Konzert, wo alle am moshen und stagediven waren, und bezeichnete das als den neuen Punk, zu dem die Kids rebellieren können. Also kommt vielleicht auch Trip Hop zurück, aber in einem anderen Körper.

bonedo: Das Musikgeschäft hat sich stark verändert, seit ihr angefangen habt. Wie siehst du das Geschäft von heute, mit Casting-Shows, Youtube und Facebook?

Skye Edwards: Ich bin selbst in zwei solchen Sendungen in Italien aufgetreten, X-Factor und Amici, das ist eine ähnliche Show. Da habe ich vorher schon überlegt, ob ich das wirklich machen will. Ich schaue mir diese Sendungen nicht an und finde sie vom künstlerischen Standpunkt her auch etwas fragwürdig. Aber ich konnte dort vor fünf Millionen Leuten erzählen, dass Morcheeba nächste Woche ein Konzert spielen. (lacht) Was die Shows selbst angeht: Einige Leute, die dort mitmachen, haben ja wirklich Talent, andere eher nicht so. Es sind eher Game-Shows als Gesangswettbewerbe. Für viele Leute ist es sicherlich nicht gerade positiv, dieses Erlebnis vor Publikum zu suchen. Es gibt in Großbritannien eine Sendung namens „From Popstar to Opera“, wo sie dir beibringen, im Opernstil zu singen. Ich wurde gefragt, ob ich da mitmachen möchte und sagte meinem Manager, dass ich gern Operngesang lernen würde, das wäre doch toll! Er meinte nur: „Wenn du das machen willst, dann mach es nicht im Fernsehen. Nimm Unterricht bei einer Opernsängerin. Die TV-Leute sind nicht wirklich an dir interessiert und an deinen Gefühlen. Vielleicht schneiden sie es so, dass du am Ende dumm dastehst.“ Ich mache mir schon Sorgen um die jungen Leute, die dort mitmachen und glauben, dass es ihr Leben verändert. Sie werden auf diese riesige Plattform gestellt, obwohl sie vielleicht nicht bereit dafür sind.

bonedo: Und die Hits der Gewinner wirken oft ein bisschen fabriziert und seelenlos.

Skye Edwards: Ja. Das nervt schon manchmal. Das V Festival zum Beispiel war mal ziemlich indiemäßig, aber inzwischen fühlt es sich fast wie eine TV-Show an.

bonedo: Heute promoten sich viele Newcomer selbst über Youtube, Facebook und andere Kanäle. Weil es möglich ist, aber vielleicht auch, weil es schwieriger geworden ist, als Newcomer Unterstützung von einem Label zu bekommen.

Skye Edwards: Das ist schon toll, man kann einen Song schreiben und hochladen und Leute werden ihn sich anhören. Vielleicht nur zehn, aber das sind zehn mehr als wenn man den Song nur im Schlafzimmer spielt! Das Business hat sich schon ziemlich verändert. Obwohl wir als Morcheeba eine große Fangemeinde haben, habe ich bei meinem zweiten Soloalbum alles selbst gemacht und es auch selbst finanziert. Beim ersten Soloalbum musste ich der Plattenfirma tatsächlich meine eigenen CDs abkaufen, um sie dann verkaufen zu können. Es war sinnlos. Ich wurde bei Auftritten nach CDs gefragt und hatte keine, weil sie für mich zu teuer waren. Beim zweiten Album habe ich sie dann einfach selbst herstellen lassen und konnte sie bei meinen Gigs verkaufen. Als Morcheeba haben wir das Glück, eine etablierte Band zu sein, auch was Live-Auftritte angeht. Die Leute kaufen zwar immer noch Musik, aber es werden weniger – das ist schon ein bisschen „tricky“. Für Newcomer ist es ziemlich schwierig geworden. Aber gleichzeitig ist das Internet eine Plattform, wo jeder die Chance hat, sich zu präsentieren.

bonedo: Was würdest du jungen Musikern raten, die wahrgenommen werden möchten?

Skye Edwards: Nun, erstmal muss man natürlich tolle Songs schreiben, üben und einfach versuchen, möglichst gut zu werden. In Zeiten von Casting-Teilnehmern, die über Nacht berühmt werden, ist es leicht, etwas zu ungeduldig zu werden. Geht raus und spielt einen Haufen Gigs!

bonedo: Denkst du, dass Musik heute als weniger wertvoll angesehen wird als früher?

Skye Edwards: Ein bisschen vielleicht. Es bricht mir immer ein bisschen das Herz, wenn ich Musiker sehe, die ihre CDs umsonst verteilen. Vielleicht wird der Wert nicht mehr richtig wahrgenommen, weil es so leicht ist, Musik zu „stehlen“. Viele Leute nehmen es einfach nicht als Diebstahl wahr. Ich habe mal mit einer jungen Frau gesprochen, die sehr stolz darauf war, noch nie etwas geklaut zu haben. Für all die Songs auf ihrem Laptop hatte sie aber nicht bezahlt. Ich fragte sie dann, wie sie es finden würde, zur Arbeit zu gehen ohne bezahlt zu werden. Anders ist es natürlich bei Live-Shows. Das Erlebnis, eine Band live zu sehen, kann man nicht herunterladen!

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