Test
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07.07.2017

Praxis

Leider nicht ohne Knacken

Traditionell wurden Cliff Maags Entzerrer wegen ihres ansprechenden Klangverhaltens in den Höhen geliebt, und einen ersten Hinweis darauf erhalten wir bereits bei der Inbetriebnahme des EQs. Schaltet man den Mäag Audio EQ4 aus dem Bypass – was leider nicht ohne Knacken und kleinen Signalaussetzer geht – so hören wir bereits deutlich den Klangcharakter der Kassette. Bereits in der Neutralstellung aller Regler hellt der Mäag das Klangbild auf, lässt es präsenter und frischer erscheinen. Das untermalt also schon im Ruhezustand die Stoßrichtung vieler Bearbeitungen mit dem Gerät. Möglicherweise hat dieses Klangverhalten auch mit den 5534-OpAmps zu tun, denn eine ähnliche Betonung der höheren Frequenzanteile finden wir auch beispielsweise bei der Trident B-Serie und deren Derivaten. Sicherlich hat solch ein Sound seine Berechtigung, aber mir ist selten ein Klangprozessor untergekommen, der schon in Neutralstellung so stark den Klang verändert. Man sollte vielleicht auch bedenken, dass wir heute – anders als noch in den 80ern und frühen 90ern – eher selten tendenziell stumpfen Tape-Aufnahmen Glanz verleihen müssen, vielmehr haben wir es oft mit dem Gegenteil zu tun und müssen harschen Digi-Sound verrunden. Einen EQ der hier vom Grundcharakter dagegen arbeitet, sollte man gezielt und bewusst einsetzen. Andererseits gibt es selbstverständlich auch eine Menge Anwendungsmöglichkeiten, bei denen solch ein Charakter wie die Faust auf's Auge passt.

Hier müssen wir natürlich zunächst auf ein Thema schauen, das dann auch schnell eine der Paradedisziplinen des EQ4 wird: Vocals! Die sensiblen Stimmsignale kann der Mäag hevorragend streicheln, und hier zeigt sich auch bereits, dass das etwas ungewöhnliche Layout mit den vielen Bändern mit teils festen Frequenzen seinen ganz eigenen Charme entwickeln kann. Zunächst greifen unsere Finger fast magnetisch nach dem Airband – was ist dran an dem Mythos, der die Audiowelt beschäftigt? Wir nähern uns dem Kern von oben, und zwar mit der Eckfrequenz von 40 kHz, die für einen super sanften Lift am oberen Ende des menschlichen Hörspektrums sorgt. Gerade etwas dunklere Mikrofone wie mein geliebtes Neumann U67 oder auch Bändchenmikros bekommen hier auf sehr sanfte Weise eine offenere Facette, die zu warm geratenem Material Glanz, Präsenz und Luft verleiht. Toll! Wandert man mit der Eckfrequenz stufenweise herunter, so wird das Klangbild zunehmend dringlicher, die seidige Feinheit macht dann immer mehr einer gar nicht mehr so subtilen Brettigkeit Platz, die Signale robust nach vorne schiebt. Insbesondere für die tiefste 2,5-kHz-Position trifft dies zu: Enthält das Ausgangssignal gewisse Härten, so werden diese hier garantiert nicht kaschiert. Aufgrund der Leistungsfähigkeit des EQ4 neigt man dazu, seinen Hubraum auch ausnutzen. Gerät das Signal zu hell, so muss man sich entscheiden. Fährt man das Airband wieder ein Stück zurück, oder nutzt man die unteren Bänder das Mäag um etwas „gegenzufüttern“. Letzteres funktioniert gut: Die 2,5 kHz sorgen für Präsenz, bei 650 Hz sitzt die Körperlichkeit, und 160 Hz schließlich sorgen für die Grundtonwärme.

Das Spektrum des EQ4 erschöpft sich jedoch nicht bei Stimmsignalen, vielmehr lässt er sich auch auf vielen anderen Quellen mit guten bis sehr guten Resultaten einsetzen. Gerade Bässe profitieren vom Filterlayout am unteren Ende des Frequenzspektrums, wo man nicht nur bei 40 Hz die Grundtöne von E-Bässen, sondern auch von Drummachines à la TR-808 und TR-909 erwischen kann, hier gibt es auch noch zusätzlichen Schub mittels eines wirklich ungewöhnlichen 10Hz-Bandes. Dies kann man als Pendant zum Airband betrachten, denn obwohl es sich hier um ein Peaking-Filter handelt, reichen dessen Effekte in höhere Bereiche hinein. Nur sollte man hier tunlichst mit einem (externen) Hochpass kontrollieren, was genau sich in diesem Frequenzbereich abspielt. Eine 15dB-Anhebung auf Trittschall und Frequenzen von Tonarmresonanzen braucht nämlich kein Mensch…

Extra-Schub kann das Sub-Band auch dann liefern, wenn etwa bei einer viel zu dünn geratenen Bassdrum-Aufnahme dem 40Hz-Band langsam die Luft ausgeht. Die Resultate sprechen für sich, obwohl ein vollparametrischer EQ bei diesen delikateren Reparaturaufgaben auch seinen Charme hat. Will sagen: Der perfekte Allrounder ist der EQ4 nicht, aber diesen Anspruch erhebt er mit seiner Konzeption auch gar nicht.

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