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08.09.2021

Keine Privat-Jets und Dieselgeneratoren auf Festivals: Massive Attack stellen Plan für eine emissionsfreie Konzerte vor

Ein direkter Appell an die britische Regierung

Wie schädlich sind Konzerte für das Klima? Diese Frage beschäftigt seit einigen Jahren nicht nur Klima-Aktivisten, sondern auch einige der größten Bands unseres Planeten. Coldplay haben aufgrund der schieren Unmöglichkeit einer "grünen" Tour zuletzt sogar verzichtet mit ihrem aktuellen Album "Everyday Life" auf Welttournee zu gehen. Nun hat die britische Band Massive Attack erstmal eine auch wissenschaftlich belegte Strategie für emissionsfreie Konzerte vorgelegt. 

Wenn man sich den Alltag auf Stadiontourneen oder den gängigen Festivals nochmal in den Kopf ruft, sollte es eigentlich keine allzu große Überraschung sein, dass so ein Spektakel nicht unbedingt gut für das sowieso schon massiv angeschlagene Klima unserer Erde sein kann: Dieselgeneratoren sorgen an allen Ecken und Enden für Strom, Bühnentechnik, Instrumente und Equipment werden mit dutzenden LKWs durch die ganze Welt gefahren und teilweise sogar geflogen, die Stars reisen in Privat-Jet oder gleich im Helicopter an und am Ende werden noch unzählige Tonnen CO2 per Feuerwerk und Pyroshow ohne Umwege direkt in den Himmel geschossen. 

Kein Wunder also, dass sich Klimaschützer, aber auch Bands und Musiker mehr und mehr auf das Thema stürzen. Nachdem vergangene Woche selbst der leidenschaftliche Pilot und Iron Maiden-Sänger Bruce Dickinson betonte auch für das Klima in Zukunft auf das legendäre Band-Flugzeug "Ed Force One" zu verzichten, geht die britische Band Massive Attack nun noch einen Schritt weiter und stellt einen detaillierten Plan zur gänzlichen Vermeidung von CO2-Emissionen im Kontext eines Konzerts vor. 

Bereits im Jahr 2019 wurde öffentlich, dass die Band gemeinsam mit dem renommierten Tyndall Centre for Climate Change Research an einer wissenschaftlichen Studie zu einem klimafreundlicheren Konzerterlebnis arbeiten. Damals veröffentlichte Frontmann Robert Del Naja einen sehr interessanten Gast-Artikel im Guardian, in dem er unter Anderem einräumte, dass die Band eigentlich gänzlich auf das Touren verzichten wollte. Dann entschied sich die legendäre Trip-Hop-Gruppe jedoch dazu stattdessen eine Studie zu finanzieren, um mit den Ergebnissen die gesamte Konzert-Industrie zu revolutionieren. 

Nach nunmehr zwei Jahren – in denen allerdings leider so gut wie keine Konzerte stattfinden konnten – präsentieren die Briten nun gemeinsam mit den Wissenschaftlern des Tyndall Centre die Ergebnisse. Die meisten Forderungen sind dabei eher nicht überraschend, die Rigorosität allerdings schon. Das oberste Ziel sei es jede Entscheidung, die im Zuge der Planung einer Tour getroffen wird – von nötigem Equipment, Reisemöglichkeiten und -planung bis zur Auswahl der Venues und zum Set-Design – so klimaneutral wie möglich auszulegen.

Als konkrete Forderungen stellt der Plan zunächst einmal den Verzicht auf das noch immer weit verbreitete Reisen in Privat-Jets und eine möglichst klimaneutrale Energieversorgung für die Venue in den Mittelpunkt. Im Optimalfall wird also in Zukunft in Tourbussen mit Elektro-Motor gereist, während sämtliche Venues auf grünen Strom umstellen sowie in Solar-Panels auf dem eigenen Dach investieren.

Ein Beispiel, dass vor allem letzteres möglich ist, findet sich sogar in Deutschland. Bereits 2008 ließ der Fussballverein Werder Bremen gemeinsam mit der Stadt Bremen das hauseigene Weserstadion umfangreich renovieren. Dabei wurde der einstige Betonklotz vollständig mit ganzen 200.000 Solar-Zellen umhüllt, die nun Sonnenenergie produzieren und damit pro Jahr etwa 300 Haushalte in Bremen vollständig mit grünem Strom versorgen. Und seien wir mal ehrlich: Wen würde es denn stören, wenn die meist eher nicht so ansprechenden Fassaden der größten Konzert-Hallen des Landes einfach durch Solarzellen ersetz werden? 

Weiterhin sieht der Plan vor, die Reise-Kilometer, die per Flugzeug zurückgelegt werden müssen, um 20% gegenüber dem Wert von 2019 zu reduzieren. In den restlichen Zielen wird sich vermehrt am Pariser Klimaabkommen orientiert. Indoor sollen also bis 2035 sämtliche CO2-Emissionen bei der Storm-Versorgung vermieden werden. Das könnte unter Umständen bedeuten, dass Künstlerinnen und Künstler auch auf Pyro-Technik und spektakuläre Lichtshow verzichten müssen. Natürlich bedeutet das nicht, dass Bands dann nur noch bei Tageslicht vor schwarzen Laken auftreten. Allerdings wäre es vielleicht auch gar nicht so schlecht die eine oder andere Show mal etwas abzuspecken und das Hauptaugenmerk darauf zu legen, weshalb die Fans überhaupt erst gekommen sind: die Musik. 

Eine Idee, die in Musikerkreisen wahrscheinlich eher nicht auf offene Ohren stoßen wird, ist das sogenannte Plug-and-Play-Modell. Hierbei soll vor allem der Transport von Equipment verringert werden, indem sämtliche Instrumente und alles drumherum bereits in den Venues vorhanden ist. Die Musiker müssten also durch standardisiertes Equipment quasi ohne eigene Instrumente anreisen oder könnten zumindest einen Teil zu Hause lassen. 

Den gesamten Text, den die Wissenschaftler kostenlos zur Verfügung gestellt haben, könnt ihr hier nachlesen!

In einem Pressestatement zur Veröffentlichung der Ergebnisse betonten Massive Attack zudem, bei ihrer für 2022 geplanten Tour sechs verschiedene Modelle zur Reduktion ihres Emissionsausstoßes zu testen. Immer wieder schreiben auch die Wissenschaftler, dass es sehr wichtig sei die vorgeschlagenen Pläne erst einmal zu testen und dann ständig neu auf den Prüfstand zu stellen.

Robert del Naja nimmt zudem auch die Konzert-Promoter und Booking-Agenturen in die Pflicht entsprechende Pläne und Möglichkeiten nun auch zu nutzen und nicht mehr so zu tun, als gäbe es keine Alternativen zum Status Quo. Am Ende des Statements greift Del Naja sogar die britische Regierung direkt an, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen. Demnach bekämen Unternehmen, die mit fossilen Brennstoffen handeln und arbeiten, noch immer Milliarden von der Regierung in den Hals geschoben, während sehr wenig Geld in die Erforschung und Förderung von klimaneutraler Energieerzeugung fließe.

Im Endeffekt hapert es halt häufig am Geld, wenn es um Klimaschutz geht. Ohne staatliche Förderungen wird es wohl kaum möglich sein, Venues mit eigenen Solar-Energie-Anlagen auszustatten oder elektrische Tourbusse anzuschaffen. 

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