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30.01.2018

Gear-Chat: Stephan Hinz im Interview

Über Inspirationsquellen, Workflow und Live-Setup

Mit „Doch“, einem der besten Techno-Tracks 2014 auf Pan-Pots Label Second State, nahm die Karriere des Berliner Produzenten und Live-Acts Stephan Hinz richtig Fahrt auf. Es folgten weitere erfolgreiche Releases auf international bekannten Labels wie Mood, Intec, Drumcode und natürlich Second State. Hinz ist darüber hinaus nicht nur ein gefragter Producer, sondern vor allem auch ein Live-Act. Dies konnte er auf Events wie dem Awakenings, London Warehouse, LEAF und HYTE unter Beweis stellen. Auch Bookings in bekannten Clubs wie Gashouder, Amnesia, Kristal Glam, Watergate und Baum sprechen für den aufstrebenden Künstler.

Wir unterhielten uns mit Stephan Hinz über seine Inspirationsquellen, Vorgehensweise im Studio und den Herausforderungen eines Live-Acts. Außerdem gab er uns einen interessanten Einblick in den Entstehungsprozess seiner in Kürze erscheinen „Juncture EP“.

Details

Wie sieht eine typische Woche bei dir aus?

Wenn ich auf Tour bin, was meistens der Fall ist, dann bin ich 3 bis 4 Tage die Woche im Studio und 2 bis 3 Tage auf Reisen. Ich brauche eigentlich immer mindestens einen freien Tag in der Woche. Es ist mir sehr wichtig, mir diesen nach einem anstrengenden Wochenende auch zu nehmen

Wie fokussierst du dich aufs Musizieren?

Ich fange einfach an, der Rest kommt dann von ganz alleine. Es gibt eigentlich immer etwas, was ich ausprobieren möchte oder das einfach so aus mir raus will. Mein Drang Musik zu machen, ist wahnsinnig hoch. Wenn ich mal länger keine Musik machen durfte, weil ich krank, zu viel unterwegs oder im Urlaub war, dann werde ich echt hibbelig und fange an die Stunden zu zählen, bis ich endlich wieder ins Studio kann.

Dein Studio befindet sich in den bekannten Riverside Studios in Berlin. In wie weit hilft es dir, mit anderen sehr erfolgreichen Produzenten unter einem Dach zu arbeiten?

Das ist schon eine große Hilfe, weil ich mir jederzeit Input und Feedback von den Kollegen holen darf und sich im Grunde jeden Tag jemand im Studio findet, der die Latte wieder ein Stückchen höher hängt. Das kann ganz schön Energie freisetzen. Davon abgesehen sind alle Studionachbarn sehr nett und hilfsbereit. Es ist einfach schön, in einem Umfeld kreativ zu sein, das sich immer mal wieder auch selbst befruchtet.

Was sind deine Inspirationsquellen? Welche Rolle spielt das Klavier in deinen Räumlichkeiten dabei?

Im Moment muss ich das Klavier unbedingt mal wieder stimmen lassen. Es spielt vor allem eine existenzielle Rolle, wenn ich mich mit Ambient, Electronica oder Filmmusik beschäftige. Dann fängt alles am Piano an und wird zum größten Teil auch dort auskomponiert. Bei meiner Clubmusik war das auch lange der Fall, das hat sich in letzter Zeit aber ziemlich geändert, weil ich erst einmal einen sehr großen Fokus auf die Atmosphäre lege. Anders als früher ist der melodische Anteil eines Tracks dann nur noch Mittel zum Zweck. Damals war es mir einfach wichtig, eine schöne Melodie in einem Track zu haben und die Aussage des Tracks definierte sich darüber. Inzwischen gehe ich da konzeptioneller heran und die Aussage bedingt meistens das Andere.

Inspirierend können da auch neue Synthesizer, Plug-ins oder Produktionstechniken sein, die ich irgendwo aufgeschnappt habe, aber meistens kommt die Inspiration aus der Kunst. Ich würde mich als einen sehr visuellen Menschen beschreiben. Gregory Crewdsons Bilder sind z.B. faszinierend für mich und haben eine wahnsinnig düstere, aber oft auch sehr lebendige Stimmung. Francis Bacon ist der Wahnsinn, das sind zum Teil so verstörende Bilder, einfach nur toll. Der letzte Blade Runner Film war ein absoluter Hammer und auch Rodhads Album „Anxious“ ist toll. Inspiration war noch nie mein Problem, die Zeit hingegen eher.

Wie fängst du einen Track an?

Im Grunde geht es immer mit den Harmonien los und das selbst, wenn ich einen deepen Club-Track produziere. Wie bereits geschildert, fange ich zuerst damit an, den atmosphärischen Part aufzubauen. Dazu nehme ich z.B. irgendein Field-Recording und werfe dies mit einem aufgezeichneten Rauschen einer Bandmaschine zusammen. Dazu stimme ich dann die Kick. Das wirkt zwar oft sehr geräuschhaft, aber da im Grunde alles eine Stimmung hat, kann man daraus auch eine Harmonie ableiten und von dieser Ausgangssituation geht es dann weiter.

Fühlt sich der Loop eher nach einer Dominanten an, dann macht es vermutlich Sinn, diese Spannung an irgendeinem Punkt mal in die Tonika aufzulösen. Es kann schon auch harmonisch konkreter werden. Wenn ich z.B. die Hallfahne von einem Akkord, den ich mit irgendeinem Synthesizer gespielt habe aufnehme oder den Übergang von einem Akkord zu einem anderen einfange und diesen Teil dann loope.

Mit ein wenig Delay und vielleicht einem modulierten Filter bekommt man wunderbare bewegende Texturen hin. Diese nutzen sich nicht so richtig ab, weil schon relativ viel musikalische Information drinstecken und es so genügend „exciting“ ist, damit das Gehirn noch dranbleibt.

Findet der Entstehungsprozess deiner Tracks ausschließlich mit Samples und Software statt oder nutzt du auch Hardware?

Grundsätzlich nutze ich alles, was mir in die Finger kommt. Das kann mal rein aus Samples heraus passieren, die ich zerschneide, neu zusammensetze und verstimme. Oder ich nehme selbst irgendwas auf, stecke das Ergebnis z.B. in den Granulator von Robert Henke und schau, wo mich das hinführt.

Kicks erzeuge ich mal mit Plug-ins, mal mit irgendeiner Hardware oder auch aus einem Recording heraus. Meine bisher schönste Kickdrum habe ich z.B. aus dem Geräusch gebaut, das entsteht, wenn man einen Klinkenstecker in einen Wandler reinsteckst bzw. rausziehst. Da kommt ein interessanter Impuls zustande, den man mit dem entsprechenden Sounddesign zu einer schönen Bassdrum formen kann. Manchmal schichte ich auch mehrere Kicks oder was auch immer. Für mich ist Musik machen schon auch was sehr Experimentelles, auch wenn sich meine Musik eher nur selten so anhört. Im Grunde versuche ich an das ganze Thema so undogmatisch wie möglich heranzugehen und einfach zu machen. Bei den Tools gibt es bei mir einen klaren Hang zur Software, weil es einfach wahnsinnig praktisch ist, alles so einfach abspeicher- und aufrufbar zu haben. Das sind aber nur Werkzeuge und kein Tool der Welt kann dir am Ende das Musikmachen abnehmen, was ja auch langweilig wäre.

Wie bekommst du deine Beats zum grooven?

Indem ich nicht alles tot quantisiere. Man kann im Taktraster bleiben, auch wenn nicht jeder Schlag der Kick, Hi-Hat oder was auch immer genau auf der Zählzeit liegt. Musik lebt gerade durch diese Unperfektion und deswegen versuche ich es eigentlich immer zu vermeiden, irgendwas nur stumpf zu programmieren, indem ich es einfach einspiel

Wenn ich dafür nicht gut genug bin, kann ich mir im Zweifel immer noch jemanden suchen, der es besser kann. Oder ich programmiere es so, dass es lebt, indem ich eben nicht alles perfekt auf das Taktraster schiebe, sondern ein bisschen davor oder danach. Das macht wahnsinnig viel aus, kostet aber auch Zeit.

Wie und womit veredelst du deine Drums?

Ich liebe Satin von U-he, ein Plug-in, welches analoge Bandsättigung simuliert. Das findet in Grooves immer noch was, was ich vorher da gar nicht gehört habe und macht einfach alles noch ein Tick organischer. Dazu leite ich auch gerne mal noch die am Groove beteiligten FX-Returns mit durch die Gruppe, damit alles schön miteinander verschmilzt.

Welche Klangerzeuger nutzt du am häufigsten?

Das wechselt eigentlich ständig, ich mag die Native Instruments Sachen gerne, Repro und Bazille von U-he. Noch viel lieber Arturia, die machen tolle Synthesizer-Emulationen. Außerdem mag ich den Dark Energy von Doepfer. Ich bin da nicht wirklich auf irgendwas festgefahren.

Was ist dir besonders wichtig bei der Gestaltung von Sounds?

Wichtig ist, dass sie eine schöne Textur aufweisen, dass sie etwas gritty und lebendig sind und sich bewegen. Ich mag es nicht, wenn Dinge zu glatt und statisch daherkommen. Dafür verwende ich Distortion, Saturation und auch gerne Bit Crushing. Beispielsweise der Decimort 2 von D16 ist toll. Außerdem Delays und sehr gerne die ShaperBox von Cableguys.   Sounds können sich ja auf vielen Ebenen bewegen. Zum Beispiel in der Lautstärke, im Sound selbst mit z.B. dem Filter oder mit Hilfe der ADSR-Hüllkurve. Dann natürlich noch im Stereofeld und in der Tiefe. Es gibt also wahnsinnig viele Möglichkeiten und das Tolle an den Sequencern von heute ist ja, dass man eigentlich alles automatisieren kann.

Wie kann man sich den Produktionsprozess von der ersten Idee bis zum fertigen Arrangement vorstellen?

Ich versuche so schnell wie möglich, die Idee des Tracks zu fixieren, weil ich glaube, dass das in einer Stimmung passieren muss. Das bedeutet, ich verzettle mich am Anfang nicht damit, dass alles möglichst perfekt klingen muss. Das mache ich bei einem Club-Track eigentlich nur bei der Bassdrum. Dann geht es erstmal darum, die Idee aufs Papier zu bringen und dann kommt die eigentliche Produktion, wobei man das bei elektronischer Musik natürlich nicht so trennen kann. Ich versuche mich nicht zu verlieren und wegen technischer Details bzw. Problemen die Idee aus den Augen zu verlieren. Das kann eine bestimmte Atmosphäre oder Melodie sein. Das harmonische bzw. melodische Material formuliere ich eigentlich aus, spiele es aber meistens noch nicht komplett ein. Das mache ich, weil ich mir einen Excitement-Layer für später aufheben möchte.

Das Problem ist nämlich, dass ich über die Produktion im Grunde den Track tot höre. Irgendwann verliert man das Gefühl dafür, ob das alles so reicht ist oder nicht. Das führt bei mir dann immer dazu, dass ich noch mehr Dinge hinzufüge und am Ende ist es dann zu viel. Deswegen lasse ich erstmal bewusst Dinge raus wie z.B. den Break oder diesen einen geilen Akkordwechsel, den ich nur an zwei Stellen haben möchte, damit die ihre Magie nicht verlieren und baue die erst am Ende ein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Dann ist alles andere schon an den Stellen, wo es sein soll und die Produktion ist im Grunde gelaufen. Blöd ist halt, wenn ich erst da merke, dass das so eigentlich gar nicht funktioniert, aber das kommt nicht so oft vor. Steht das Grundgerüst, dann wird die Atmosphäre ausgearbeitet, wenn sie nicht schon Teil der Idee ist, dann der Groove und so weiter. Wenn ich Filmmusik schreibe, dann ist das ähnlich, oft geht es mit der eigentlichen Stimmung los und darauf folgt das melodische Material. Wie gesagt bin ich ein recht visueller Mensch und ich stelle mir tatsächlich einen Moment im Club vor, zudem ich dann die Musik schreibe.

Wie gehst du beim Abmischen deiner Tracks vor?

Ich mische während des Schreibens bzw. der Produktion. Das heißt am Anfang ist das alles noch sehr schnell und oberflächlich. Es ist eher eine Abstraktionshilfe, ob das prinzipiell so funktioniert, wenn dies der Fall ist, wird es über den Prozess aber immer konkreter.

Elektronische Clubmusik ist ja sehr vom Sounddesign getrieben und daraus ergibt sich eigentlich, dass Schreiben, Produzieren und Mischen gleichzeitig stattfindet. Ich verstehe das Mixen als Teil der Soundgestaltung. Allerdings empfinde ich meine Mischfähigkeiten zwar als Unvermögen, für den Hörer ist es aber ein Teil meines Sounds. Wichtig ist mir dabei, dass die wesentlichen Elemente eines Tracks dabei genügend Platz bekommen. Damit ist eigentlich auch alles übers Mixing gesagt, weil genau darum geht es. Die wesentlichen Elemente eines Tracks sinnvoll zum Rest hörbar zu machen.

Bei Clubmusik ist natürlich die Kickdrum extrem wichtig, deswegen muss im Grunde alles andere Platz machen. Das geht easy über Sidechaining oder noch leichter über einen Volume-Shaper von Cableguys. Stereo-Panorama ist toll und noch toller, wenn man es auch nutzt. Und am aller wichtigsten: EQ’t wird im Track. Mag sein, dass sich das im Solo alles toll anhört, aber darum geht es nicht. Es geht vielmehr darum, dass sich ein Sound im Zusammenspiel mit dem Rest gut anhört. Das geht nur, wenn man im Kontext hört. Die Tiefe nicht vergessen, dazu sind Reverbs nützlich, aber eine räumliche Dimension kann man auch über Delays erzeugen und die matschen nicht alles zu – vergesse ich leider häufig.

Was sind deine 5 wichtigsten Plug-in-Tools beim Abmischen?

Ich bin mal gespannt, ob ich auf 5 Plug-ins komme. Definitiv das bereits genannte Satin von U-he. Als EQ verwende ich meistens den Onbord-EQ von Cubase, als Reverb RC24 von Native Instruments oder das PCM Native Reverb von Lexicon (klingt fast wie ein PCM96). Kompression verwende ich gerade bei Clubmusik nicht so häufig, wenn meistens auch nur den Kompressor von Cubase. Die Onbord-Sachen klingen jetzt nicht besonders gut, aber man kommt damit schnell auf den Punkt und das ist mir meistens wichtiger. Wenn ich wollte, dass es jetzt besonders gut klingt, dann würde ich Hannes Bieger fragen, ob er es mischt. Der kann das wesentlich besser als ich. Nicht zu vergessen, ein Delay, welches ich mir sehr oft aus Guitar Rig hole.

Auf welche Herausforderungen stößt du immer wieder beim Produzieren und wie meisterst du diese?

Die ständige Herausforderung ist, dem, was ich im Kopf höre, so nah wie möglich zu kommen. Das gelingt nie, aber ich komme dem immer öfter immer näher. Dabei ist, finde ich, die größte Herausforderung, es immer wieder zu versuchen, aber nicht zu gefrustet zu sein, wenn es nicht klappt. Das wird es nie und das ist auch gut so.

Am 02.02.2018 erscheint deine neue EP „Juncture“ auf Second State, dem Label von Pan-Pot. Wie sind die Tracks entstanden und welche Idee steckt hinter den Stücken?

Diesmal ist die EP nicht am Stück entstanden, was sonst eigentlich immer so der Fall ist. Ich habe Anfang letztes Jahres ein Album geschrieben, konnte das Ergebnis aber nicht so veröffentlichen, wie ich mir das vorgestellt hatte und habe es dann auch nicht gemacht. Ich empfinde schon eine sehr klare Vorstellung davon, wie ein Album für mich sein muss.

Leider waren die Labels, mit denen wir gesprochen haben, nicht so experimentierfreudig, wie ich das offensichtlich war. Vielleicht war es aber auch noch nicht der richtige Zeitpunkt. Deswegen sind die Tracks aus dem Album-Prozess heraus entstanden, waren aber nie ein Teil dessen. Das muss ich ein bisschen erklären.

Ich habe sehr oft sehr konkrete Vorstellungen von meinen Musikstücken bzw. von der Ästhetik eines Stücks. Um da aber hinzukommen, benötige ich ein paar Zwischenschritte, weil es mir nicht gelingt, diese Ästhetik auf Anhieb zu treffen. Dabei schreibe ich oft Nummern, die mir auf dem Weg dorthin helfen. Alle Stücke auf der EP sind so entstanden, deswegen auch der Name „Juncture“ (Verbindungspunkt).

Wer meine Musik kennt, weiß auch, dass ich ständig versuche, mich weiterzuentwickeln und dass ich mich nicht so gerne wiederhole. Die Kompositionen sind die Verbindungspunkte zwischen dem, was ich vor dem Album gemacht habe und dessen, wo ich mit dem Longplayer hinwollte. Auch wenn ich es jetzt nicht veröffentlich habe, hat sich daran trotzdem nichts geändert und man wird es über die EPs dieses Jahr klar hören, dass ich gerade in einer Phase bin wo ich sehr stark und bewusst meinen Sound weiterentwickle. Da werden auch immer wieder Album-Tracks dabei sein.

2017 war ein Jahr der Veränderungen für mich, in dem ich viele alte Zöpfe abgeschnitten habe. Viele Dinge wurden korrigiert, nachjustiert und neue Ziele ins Auge gefasst. 2018 wird sich das alles hoffentlich in die richtigen Kanäle ergießen und mich da hinbringen, wo ich vom Sound her hin möchte.  

Wie und womit setzt du deine Studioproduktionen live um?

Im Studio arbeite ich überwiegend mit Cubase. Auf der Bühne verwende ich Ableton Live. Dazu eine Native Instruments Maschine und wechselnde Soft-Synths. Im Moment nutze ich da z.B. den U-he Repro und Native Instruments Massive. Dazu dann eine Kombination aus Audio- und MIDI-Elementen aus meinen Produktionen, die ich für mein Set anpasse. Außerdem verwende ich oft schwerere Kicks als in meinen Produktionen, wenn das überhaupt noch möglich ist. Live sind meine Tracks nah an den Originalen, aber eigentlich nie ganz, weil sie sich im Live-Set natürlich anderes entwickeln und ich sie eigentlich auch nie gleich spiele, selbst wenn ich mir das vornehme.

Wie sieht dein Hardware Setup aus?

Macbook Pro, Ableton Live, Akai APC40 MK2, Native Instruments Maschine, Native Instruments F1, DJTechtools Midi Twister, irgendein USB-fähiges Keyboard und seit neuestem die Acidbox3 von Erica Synths. Das ist ein geiles Filter mit sehr guter Saturation. Dieses kann ich als Live-Act sehr gut gebrauchen, weil ich sonst nie gegen die totgemasterten Produktionen von den DJs vor und nach mir herankomme.

Wie viel Improvisation ist möglich?

Streckenweise ist sehr viel Improvisation möglich, ich schöpfe das aber oft nicht so aus – oder nur in Teilen – weil es eine Sache ist, einen Beat zu improvisieren und eine ganz andere melodisch und harmonisch auf den Punkt zu bringen. Natürlich könnte ich mich durch irgendwelche Skalen hindurch dudeln, wie das andere machen. Das passt jetzt aber nicht zu meinem Sound und hat auch nichts mit improvisieren zu tun, sondern ist mehr so „schaut alle her, ich drücke wichtig auf Tasten herum“.

Die Arbeit aus dem Stegreif muss man lernen und dann auch wirklich können. Ich kann es nicht und es hat mich musikalisch auch nie so gereizt. Natürlich jamme ich beim Komponieren viel, ich sehe das aber eher als einen explorativen Zugang. Es geht mir nicht darum, dass die Improvisation das Stück wird, sondern dass sich aus den spontanen Einfällen die eigentliche Komposition herausschält.

Was sind die Herausforderungen einer Live-Show?

Ich denke, das kommt so ein wenig auf die Idee dahinter an. Mein Ansatz ist der eines peaktime-fähigen Live-Acts. Das heißt, ich verliere mich nicht in irgendwelchen spontanen Erfindungen und habe Unmengen an Technik um mich herumstehen, sondern ich versuche, in der mir gegebenen Zeit die Bude mit meinen Mitteln abzureißen. Das ist auf der einen Seite sehr spannend, weil das heißt, dass meine Produktionen auch dementsprechend sein müssen. Gleichzeitig will ich die Leute aber auch überraschen und herausfordern. Anders als bei einem DJ-Set habe ich nur 60 bis 90 Minuten Zeit und es ist eine für elektronische Verhältnisse sehr kurze, aber auch eine sehr intensive Reise. Bei einem DJ-Set geht es nur selten um die unmittelbare Befriedigung, bei einem Live-Act kann es die Andauernde sein. Das macht es sehr intensiv, ist aber auch nicht ohne für die Zuhörer, weil ich sehr viel Energie von meiner Hörerschaft verlange. Von mir allerdings auch, nach einem Live-Set bin ich selbst auch komplett platt, weil es sehr anstrengend ist, die Konzentration am Stück aufrecht zu halten.

Was würdest du jungen Menschen empfehlen, die Lust darauf haben, selber Musik zu produzieren? 

Haltet euch nicht mit der Technik auf. Sie ist nur ein Tool, natürlich wahnsinnig wichtig und ihr solltet euch in jeder freien Minute damit beschäftigen, aber sie ist nur ein Werkzeug. Es interessiert keinen, wie toll eure Musik produziert ist, wenn sie einen nicht auf einer emotionalen Ebene anspricht. Erst kommt die Musik, dann der ganze Rest. Kein Plug-in der Welt kann einen Mangel an Ideen kompensieren. Seid Fan, hört Musik und habt Ausdauer.

Gibt es eigentlich einen Schlüsselmoment, der deiner Karriere einen entscheidenden Schub gegeben hat?

Als ich gemerkt habe, dass Techno eigentlich mein Genre ist. Davor dachte ich nämlich, dass es Tech House sei. Ich bin da nur gelandet, weil ich irgendwie nur Tech House Leute um mich herum hatte und da war das irgendwie natürlich. Meine erste Techno-Nummer habe ich zusammen mit einem Freund produziert, der unbedingt wollte, dass wir mal so etwas ausprobieren. Das war der Titel „Doch“, der damals auf Pan-Pots Label Second State erschien und war direkt ein Club-Hit. Das ist bei mir oft so, dass ich immer erst mal eine Zeit brauche, bis ich das Richtige für mich gefunden habe.

Was machst du eigentlich zum Ausgleich?

Nicht so viel Sport, wie ich machen sollte. Ich habe mal wieder mit Meditation angefangen, das macht mir immer sehr viel Spaß und gibt mir auch echt Energie. Bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft, es zu einem unumstößlichen Teil meines Tages zu machen. Ich liebe es zu kochen und neuerdings backe ich immer mal wieder. Ansonsten lese ich viel, gehe sehr gerne ins Theater oder in Konzerte und ins Kino. Ich mag Architektur, Kunst und alles, was irgendwie zu mir spricht. Und ich höre sehr viel Musik und entdecke gerne neue. Ich hatte jetzt gerade ein sehr lange Swing-Phase, jetzt wird es im Moment wieder elektronischer, außerdem viel Klassik und Neo-Klassik.

Wir befinden uns ganz am Anfang eines neuen Jahres, was steht für dich 2018 ganz oben auf der Agenda?

Das Leben zu genießen. Es ist ein Privileg von der Musik leben zu können und durch die Welt zu reisen und sie so anderen Menschen vorspielen zu können.

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