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15.03.2018

Gear-Chat: Jam El Mar im Interview

Musikproduzent Rolf Ellmer über Synthesizer, Gitarren, Loveparade und Techno

Jam El Mar ist ein Produzent von elektronischer Musik, der Ende der achtziger Jahre mit DJ-Größen, wie Mark Spoon und DJ Dag, das Techno- und House-Genre in seiner eigenen Interpretation neu erfand. Es entstand Trance. Als ausgebildeter Konzertgitarrist bekam er die erste Bühnenerfahrung und spielte dann einige Jahre später live mit Rea Garvey (bekannt durch seine Band Reamonn und als ehemaliges Jury Mitglied von „The Voice of Germany“) vor einem Millionenpublikum auf der Love Parade in Berlin.

Bis heute ist Rolf Ellmer (sein bürgerlicher Name) als erfolgreicher Musikproduzent und Remixer für seine Projekte und für andere Künstler tätig, aber auch mit seinem Soloprojekt Jam El Mar weltweit als DJ und live unterwegs.

Hallo Rolf aka Jam El Mar!

Wir freuen uns, dich als bekannten Musikproduzenten und Urgestein der Trance-Szene bei uns zu haben. Deine Musikkarriere hast du als klassischer Gitarrist begonnen. Wie ist dir der „Absprung“ zum Produzenten von elektronischer Musik gelungen?

Ich habe tatsächlich Musik studiert und hatte als Hauptinstrument klassische Gitarre. Ich habe dort alles gepaukt: Tonsatz, Gehörbildung, Klavier und Gitarre. Obwohl die Gitarre ein faszinierendes Instrument ist, habe ich als klassischer Gitarrist für mich in dieser Berufssparte keine Zukunft gesehen. Selbst wenn du überdurchschnittlich begabt bist, ist es sehr unwahrscheinlich, eine internationale Karriere zu machen. Und wenn man schon nicht daran glaubt, wird es auch nicht passieren. Ich wollte auch immer etwas machen, was mir als Musiker nicht unbedingt ein Dasein als Asket voraussetzt. Und da ich während meines Studiums bereits anfing, Synthesizer zu kaufen und ich über meinen Cousin Kontakt mit DJs der End-Achtziger bekam, hatte ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt.

Ich denke im Nachhinein war es keine schlechte Entscheidung. Ob ich jemals als Gitarrist erfolgreich gewesen wäre, wir wissen es nicht. Aber mit Markus Löffel alias Mark Spoon und Dag Lerner alias DJ Dag habe ich Jam & Sporn und Dance 2 Trance gegründet. Immerhin haben wir mit unseren Tracks die Basis eines Stils geschaffen, der die elektronische Musik stark beeinflusst hat und heute gemeinhin als Trance bezeichnet wird. Und tatsächliche haben wir damals den Begriff Trance für uns beansprucht – deswegen auch „Dance 2 Trance“. Gehört habe ich diesen Begriff zum ersten Mal im Zusammenhang mit Eberhard Schoeners Album „Bali Tagung“ und erfahren, dass die Leute in Bali bei bestimmten Ritualen tagelang tanzen und in Trance verfallen, um so in Kontakt mit den Seelen ihrer Verstorben zu kommen. Ich habe diese Erfahrung selber zwar nicht gemacht, aber als ich sah, was Sonntag morgens im legendären Dorian Gray so abging, habe ich diese Sehnsucht der Menschen nach Selbsterfahrung über Tanz beobachtet.

Obwohl wir sicherlich nicht mehr zu den Naturvölkern gehören, so schafft doch die Clubkultur und die Art zu feiern einen Zusammenhang mit komplett archaischen Phänomenen, die tief in uns liegen. Ich glaube ich bin jetzt etwas abgeschweift …

Mit Welchem Equipment hast du deine elektronische Musikkarriere gestartet? Hattest du von Beginn an ein eigenes Homestudio?

Nein, nicht gleich von Beginn an. Ich erinnere mich, als Teenager einen der ersten Kassettenrekorder gehabt zu haben. Ich erinnere mich, eine Geräuschkomposition für die Schule machen zu müssen und habe Geräusche aufgenommen und sie aneinandergefügt. Es muss mir trotz der primitiven Möglichkeiten ganz gut gelungen sein – mein Lehrer war sehr beeindruckt – und das kam nicht oft vor!

Später hörte ich Musik von Emerson Lake and Palmer, Tangerine Dream, Pink Floyd und Klaus Schulze. Ich mochte auch sehr den Progressive Rock der Steve Hillage Band – später hatte ich die Ehre, mit ihm zu arbeiten. Seine Lebensgefährtin Miquette Giraudy hatte damals den ARP 2600 und irre Sounds damit erzeugt. Und dazu die der schwebende Gitarrensound von Steve – ich war komplett geflasht. Also musste irgendwann ein Synthesizer her.

Der Erste war ein Teisco SX-400, aber geträumt habe ich immer vom Roland System 700. Ich habe es zum ersten Mal auf der Musikmesse in Frankfurt gesehen, als es vorgestellt wurde. Ein unglaublich schönes Monster! Irgendwann in den frühen Achtzigern hatte die Firma Roland in Deutschland Restposten von diesen Dingern. Ich lieh mir bei meinem Vater Geld und kaufte für 12 000 Mark drei Kabinette – also nicht das komplette System, denn das war viel zu teuer! Dazu noch ein paar Effektgeräte, den Roland Flanger, ein Dynacord Hallgerät und einen Fricke Sequencer. An dem Ding habe ich mir beim Programmieren Blasen an den Fingern geholt, weil das Gerät so fiese Drehknöpfe hatte. Das war der Anfang. Später kam eine Sequential Drumtraks dazu und eine Vierspur-Tonbandmaschine von Tascam. In den Neunzigern hatte ich irgendwann einen Atari 512 mit Notator. Ab dann ging’s richtig los.

Dich kennt die Dance Szene jetzt seit zirka 30 Jahren und hast mehrere Underground, aber auch Pop-Hits geschrieben. Gibt es eigentlich noch Auftritte, vor denen du aufgeregt bist?

Ich bin vor jedem Auftritt aufgeregt und das ist gut so. Es sorgt dafür, dass nichts Routine wird und du den Moment immer neu erfinden musst. Es ist trotzdem wichtig, die Aufregung positiv zu nutzen. Wenn du auf der Bühne stehst und die Leute sehen, dass du dir gerade in die Hose scheißt, ist das kontraproduktiv. Aber man lernt mit diesen Situationen umzugehen. Ich habe eigentlich nur Angst davor, dass technisch irgendwas nicht funktioniert. Ich hatte neulich einen großartigen Gig vor 7000 Leuten und hatte Probleme mit der Technik, weil der Ausstatter der Technik das wohl älteste Equipment, was er hatte, auf die Bühne gestellt hat. Der Input-Gain eines Kanals hatte Aussetzer und kratzte und der Button des Loop-Release eines der vier CDJs hat nicht funktioniert – ziemlich beschissen, so etwas vor so vielen Leuten in einer ausverkauften Arena zu erleben. Das ist genau das, warum ich aufgeregt bin!

Dein erster Live-Gig war 2006 auf der Love Parade in Berlin vor einem unzählbar großen Publikum. Wie hat sich aus deiner Sicht die Club- und Musik-Szene seit dieser Zeit geändert?

Es wurde behauptet, es wären 1,3 Millionen Raver gewesen. Es war anlässlich des Todes von Mark Spoon im selben Jahr, also eigentlich kein Grund zum Feiern, aber doch Grund genug, an ihn auf die Weise zu erinnern. Ich erinnere mich, dass die Bühne, auf der ich spielte, Richtung Westen gerichtet war und sah die Sonne über der Straße des 17. Juni untergehen. Bis zum Horizont waren Menschen, die alle auf die gleiche Bassdrum tanzten – einfach unglaublich!

Aber zu der Club- und Musikszene: Grundsätzlich geht es immer noch um das Gleiche. Zusammen zu tanzen und eine gute Zeit zu haben. Jedoch haben sich die Stile in der elektronischen Tanzmusik viel stärker manifestiert und diversifiziert. Es sind oftmals winzige Nuancen in der Auswahl von Sounds und im Mixing, warum man einen Stil trifft oder auch nicht. Früher war alles wesentlich freier und weniger eingenommen, aber die elektronische Tanzmusik begann ja erst und vieles war noch nicht ausprobiert und festgelegt. Heute gibt es viel mehr Stile und die Clubs sind zum Teil auch für bestimmte Sounds bekannt. Dort findet eben nur Techno oder was weiß ich statt und nichts anderes. In der Produktion geht man sicherlich auch ein Stück weit nach Formeln und es ist nicht leicht, einen persönlichen Stil zu etablieren, aber wenn man eine Idee hat und kreativ ist, wird man das mit ein bisschen Liebe zur Sache schaffen. Ich denke, das ist die große, aber vielleicht auch einzige Chance: Man muss es schaffen, sich vom Einheitsbrei durch einen besonderen, individuellen Sound absetzen.

Du spielst oft auf Festivals und Veranstaltungen, die Fans des „Oldschool“ Technos ansprechen. Wie stehst du zu dem Thema alt und neu? Oder gibt es diese Thematik in deinen Augen nicht?

Ich spiele gern diese Retro-Gigs, aber wenn man sich als Künstler versteht, will man weiter neugierig sein und nicht wie ein wandelndes Museum durch die Gegend laufen. Aber ich bin trotzdem immer wieder erstaunt, wie gut diese Musik noch funktioniert. Viele Leute von früher geben ihre Kinder bei den Verwandten oder Omas ab und gehen mal wieder eine Nacht feiern. Aber es finden sich auch etliche Jüngere, die wohl zu der Zeit von Jam & Spoon Biene Maya geschaut haben und sich wunderten, warum ihre Eltern mit roten Augen Sonntag mittags im Bett lagen – für die ist dieser Sound neu …

Ich weiß, dass du gerne mit anderen Künstlern, Musikern, Sängern und Musikern zusammenarbeitest. Wie sieht für dich die typische Arbeitsteilung aus?

Wichtig ist, dass man sich ergänzt. Noch wichtiger ist der Vibe. Man muss schon irgendwie eine funktionierende Chemie erzeugen, aber manchmal endet eine Kooperation auch im Nichts, das ist auch eher die Regel. Die Zusammenarbeit mit Markus Löffel war im Nachhinein betrachtet etwas Einzigartiges: Wir waren extrem verschieden, aber sind immer zu guten Ergebnissen im Studio gekommen.

Welche Synthesizer, Drummachines oder Effekte hast du oft und vor allem gerne für Jam & Spoon genutzt? Gibt es den typischen Jam & Spoon Sound? Wie ist er entstanden?

Wichtig für Jam & Spoon war auf jeden Fall die Roland TR-909 – ich habe das Glück, ein Original zu besitzen und sicherlich der krasse Reso-Sound aus dem Oberheim X-Pander, mit dem man eine FM-Synthese auf dem Filter erzeugen kann. Damit sind die charakteristischen Sounds für „Stella“ und „Age Of Love“ entstanden. Diese Sounds sind mit keinem anderen Synth machbar.

Der Roland JD-800 war auch großartig! Der krasse Sirenen-Sound bei „Follow Me“ stammt aus dem JD-800 – einfach ein extrem fettes Teil! Und mit dem Roland System 700 habe ich die elektronische Bassdrum erstellt, die nicht nur für Jam & Spoon, sondern auch für Dance 2 Trance absolut prägend war. Dieser Sound wurde – ich weiß nicht wie oft – gesampelt. Hätte ich damals eine Lizenz auf den Sound gehabt, würde ich jetzt in der Karibik am Strand liegen, Cuba Libre saufen und mich zu Tode langweilen.

Wie sieht der Arbeitsalltag des Jam El Mar aus? Du arbeitest auch als Produzent für andere Künstler. Ist es einfach, von einer kreativen Rolle in eine andere zu schlüpfen?

Meine Rolle ist immer eine kreative Aufgabe. Manchmal macht es Spaß, nicht immer die Synths zu bedienen, sondern im Sessel zu hocken und Ideen zu entwickeln und das Einspielen und das Engineering jemand anderem zu überlassen. Es ist nämlich oft so, dass man so stark mit Sounds und Einspielen, Programmieren etc. beschäftigt ist, dass man kaum dazu kommt, Ideen zu entwickeln. Ich arbeite bei einigen bekannten Projekten im „Hintergrund“ und trete nicht in Erscheinung. In letzter Zeit hatte ich tolle Produktionen mit Markus Schulz, einem internationalen top Trance Produzenten und mit dem Techno Projekt 2pole. Demnächst wird es auch eine Kooperation mit Paul Oakenfold geben – also ich bin wieder da, wo ich angefangen habe: beim Trance (abgesehen von den coolen Techno Tracks mit 2pole).

Du hast die 90er als Elektronik-Musiker erlebt und arbeitest jetzt viel „in the box“. Wie stehst du zu der Thematik analog vs. digital?

Die Idee des Songs muss umgesetzt werden – darum geht es. Wie, ist mir egal. Am besten, man nimmt aus beiden Welten das Beste! Nicht „analog versus digital“, sondern „analog und digital“. Die Qualität digitaler Plug-ins und DAWs hat sich stark verbessert und viel angesehene Produzenten und Toningenieure arbeiten mittlerweile rein digital. Ich denke, dass die jetzt keine Deppen sind und schon genau wissen, was sie tun. Selbst einer meiner Freunde, der ein international angesehener Studiogitarrist ist und eine äußerst feine akustische Wahrnehmung hat, wundert sich über die Qualität des digitalen Modelings bei Gitarrenamps.

Dennoch: Hochwertiges analoges Equipment ist durch nichts zu ersetzen. Aber: Ich arbeite fast ausschließlich nur noch „in the box“…

Jam El Mar ist auch DJ. Mit welchem Equipment spielst du heute? Vinyl oder MP3? Oder vielleicht etwas ganz anderes?

Ich arbeite zurzeit mit CDJ und zwar dem 2000nxs2, ein hervorragender Player mit sehr guten Funktionen. Als Mischpult frage ich immer ein DJM900NXS2 an. Dieser Mixer ist deutlich besser als sein Vorgänger, was insbesondere den Klang und die Verarbeitung angeht. Davor benutzte ich ein Allen&Heath DB2 mit Traktor, was über ein einen A&H K2-Controller gesteuert wurde – eine perfekte Kombination. Der Mixer war gleichzeitig auch der A/D-Wandler und wurde über USB mit dem Computer verbunden. Als ich zum ersten Mal eingeladen wurde, ein DJ-Set zu spielen, habe ich das mit einer S4 von Native Instruments gemacht. Auch ein guter Controller und Traktor ist ja ein Top-Player!

Der Grund, warum ich nur mit USB-Sticks und Kopfhörern reise, ist einfach: Ich war es leid, durch das ewige Auf- und Abbauen den DJ vor und nach mir bei seinem Set zu stören. Mit dem DB2 gab es meistens auch in Clubs immer ein Platzproblem und die Fummelei, in schlechtem Licht bei 110 dB Lautstärke Kabel aus dem Hauptmixer herauszuziehen und meine Kabel reinzustecken, ist auch nicht unbedingt das, was du vor einem Gig brauchst. Gottseidank habe ich immer die richtigen Kabel erwischt, aber es ist schon ein blödes Gefühl: Geht jetzt gleich die Musik aus oder nicht!?

Vinyl war nie ein Thema für mich. Ich bin zu faul, Plattenkoffer durch die Gegend zu schleppen, das habe ich damals mit Mark Spoon oft genug gemacht und mir dabei Schwielen an den Händen geholt. Ach ja: Ich spiele keine MP3s – immer AIFFs – der Unterschied ist im Sound deutlich bemerkbar. Leider bedeutet das auch größere Festplatten und mehr Kohle beim Kauf, aber es lohnt sich, der Sound ist einfach besser.

Du warst gerade dabei, ein Jam El Mar Live-Set zu entwickeln. Wirst du das vertiefen und demnächst deine Tracks live performen? Welches Equipment wirst du mit auf die Bühne nehmen?

Es ist immer sehr aufwändig, ein Live-Set zu entwickeln. Besonders im Falle des alten Jam & Spoon Repertoires, bei dem nicht mehr alle einzelnen Tracks und Sounds vorhanden sind. Das Meiste ist auf fehlerhaften DATs und Disketten verschollen. Auf der Bühne verwende ich momentan eine AKAI APC 40 MK II mit Maschine und Maschine JAM. Damit kann man einiges anstellen. Besonders die Einbindung von Maschine macht Spaß. Der JAM-Controller ist wirklich klasse für die Bühne.

Darfst du uns verraten, was in nächster Zukunft aus dem Hause Jam El Mar Neues kommen wird?

Klar! Wie schon erwähnt kommen Veröffentlichungen mit Markus Schulz und Paul Oakenfold. Und dann habe ich ein Release in Kooperation mit 2pole. Die Letztere wird deutlich im Bereich Techno sein (Anm. Red.: Wie seine Releases aus 2017 auf den Labels Truesoul und Tronic Music), aber mit melodischen Elementen. Die Tracks sind bereits angetestet – es wird ein fettes Paket!

Und was ist deine Top 5 an Audio-Hard- und Software, mit denen du in deiner Karriere als Musiker gearbeitet hast?

Im Hardware-Bereich sicherlich der Oberheim X-Pander, Roland JD-800, Korg Wavestation, Roland System 700, mein Moog P3 und sicherlich der legendäre Nord Lead.

Bei den Plug-ins: Lennar Digital Sylenth, Sonic Academy Kick 2, Reveal Sound Spire, alle Native Instruments Sachen, UAD Neve 1073 EQ, UAD LA2A, Brainworx Saturator 2, Elysia nVelope und den Audified U78 Saturator.

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