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10.01.2018

Gear-Chat Electric Indigo

Vom Arbeiten mit Klangderivaten, Soft- und Hardware mit persönlichem Bezug und Opas Schreibtisch

Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo ist eine der Grande Dames des Techno: Ihre Karriere startete die damals 24-jährige Wienerin 1989 als DJ für Jazz, Hip-Hop und Funk. Doch bald schon schlug ihr Herz für die Sounds und Housemusic aus Chicago und Detroit. So zog es Electric Indigo nach Berlin. Drei Jahre lang, von 1993 bis 1996, arbeitete sie im legendären Hard Wax Plattenladen, der in den frühen 1990er Jahren maßgeblich an der Entwicklung der Technoszene beteiligt war und koordinierte dort den Vertrieb. Eigene Musik produziert und veröffentlicht Susanne aka Electric Indigo ebenfalls seit 1993.

Bekannt ist ihr Name jedoch nicht nur als DJ und Produzentin, sondern auch als Gründerin von female:pressure, ein internationales Netzwerk für Künstlerinnen im Bereich elektronischer Musik, das sie 1998 ins Leben gerufen hat. Electric Indigo arbeitet als Musikerin, Komponistin und DJ. Heute steht ihr Name für die intelligente und eigenständige Interpretation von Techno und elektronischer Musik. In ihrer kompositorischen Tätigkeit interessiert sie sich besonders für die zeitlich-räumliche Platzierung fein ausgearbeiteter Klänge und Strukturen.

Was ist das Erste, was einem Gast in deinem Studio ins Auge fällt?

Electric Indigo: Ich glaube, das hat nichts mit elektronischer Musik zu tun. Das ist mein riesiger, alter Schreibtisch, den ich von meinem Opa noch habe. Der steht mitten im Zimmer und ist mein Arbeitstisch. Und er ist so groß, dass ich da die Boxen drauf platzieren und gut hören kann ... (lacht). Ja, so'n altes Ding. Und Studio ist auch übertrieben. Das ist echt sehr DIY, sehr privat. Das ist das frühere Wohnzimmer, was jetzt mein Arbeitszimmer ist.

Was benötigst du abgesehen von deinem Equipment, zu dem wir später noch kommen, um Musik machen zu können?

Electric Indigo: Vor allem die Aussicht, dass ich genug Zeit habe und keine Termine. Also zum Beispiel keinen Interviewtermin (lacht). Ich brauche tatsächlich immer ein Gefühl der Muße. Wenn ich schon daran denke: „Aah, nachher darf ich nicht vergessen zu packen, und das muss noch mit“ und so, in diesem Zustand kann ich überhaupt nicht gut neue Musik machen. Also im Prinzip brauche ich einen möglichst komplett freien Tag, um etwas Neues anfangen zu können. Die Situation ist allerdings völlig anders, wenn eine Deadline unmittelbar bevorsteht und ich noch nicht ganz fertig bin oder fast oder annähernd. Dann nutze ich einfach jede freie Stunde, um das abzuschließen und arbeite auch schon mal die ganze Nacht durch. Aber das ist ja nichts Ungewöhnliches.

Was ist deine typische Herangehensweise, wenn du den Entschluss gefasst hast, neue Musik zu machen?

Electric Indigo: In den meisten Fällen ist es ein bestimmter Auftrag, für den ich mir eine zentrale Idee überlege. Der konzeptionelle Ansatz fällt mir leichter als alles andere.

Ich war jetzt schon lange nicht mehr in der Situation oder einem luftleeren Raum, dass ich mir einfach so gedacht habe, jetzt muss ich mal Musik machen. Das könnte aber bald wieder passieren! Darauf freue ich mich schon. In den vielen letzten Jahren waren es eigentlich immer irgendwelche Aufträge für bestimmte Konzerte. Gigs, für die entweder eine tatsächliche Auftragskomposition gefragt war oder eine Anfrage für einen Live-Act, bei dem ich mir gedacht habe, da möchte ich aber etwas Spezielles machen.

Aus diesen, bei der ersten Aufführung eher groben oder noch nicht fein geschliffenen Arbeiten entsteht dann etwas im Laufe der folgenden Jahre. Am ehesten lässt sich das als Derivate bezeichnen. Da nehme ich dann einzelne Elemente heraus oder einzelne Passagen, um diese zu einem fertigen Stück zu verbinden. In den letzten fünf Jahren habe ich das relativ oft gemacht. Da habe ich mir ein bestimmtes Ausgangsmaterial ausgesucht und aus diesem Audiomaterial, das in den meisten Fällen sehr beschränkt war, ein ganzes Werk erstellt. Das war meine Challenge, diese Beschränkung des Materials, aus dem heraus ich eine möglichst breite Palette an Klängen erzeugen will und das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht.

Wie sieht so ein Ausgangsaudiomaterial von dir aus? Kannst du ein Beispiel nennen?

Electric Indigo: Das waren z.B. Aufnahmen von Freundinnen und Kolleginnen, die von 0 bis 20 zählen. Und dieses Zählen in verschiedenen Sprachen war Ausgangspunkt für ein Stück, das dauert Minuten und heißt „Chiffre“. Aus diesem „Chiffre“ sind dann extrem viele Derivate entstanden. 

Oder ein anderes Stück ist entstanden aus einem Mitschnitt von einem Panel auf dem Sadie Plant einen Satz über „Cyberkybernetik und Noise in der Musik“ gesagt hat. Der hat mir besonders gut gefallen und den habe ich dann als Ausgangsbasis für ein Stück genommen, was ich zusammen mit einem Videokünstler gemacht habe: „Morpheme“.

Welche Geräte benötigst und benutzt du für deine Arbeitsweise?

Electric Indigo: Ich habe ein rein digitales Setup, weil ich diese Transformationen von Aufnahmen am liebsten mit granularer Resynthese mache. Da habe ich ein absolutes Lieblingsdevice. Das ist der Granulator von Robert Henke, ein Max For Live Device. Das heißt, ich arbeite in Ableton mit Max For Live und habe sehr, sehr viel in den letzten Jahren mit dem Granulator gemacht. Da steht dann der Computer und ein paar MIDI-Controller und seit zwei Jahren auch ein Push.

Und wie gehst du dann vor?

Electric Indigo: Erst höre ich mir das Material mal gut an und dann nehme ich entweder ein Teil davon oder das Ganze. Das werfe ich dann in den ersten Granulator und fange an damit herumzuspielen, um nach Sounds zu suchen. Das heißt, diese Soundsuche, die steht schon relativ am Anfang, bevor sich irgendwelche Strukturen ergeben. Aber es hat auch schon einen anderen Fall gegeben. Dieses Jahr habe ich ein neues Stück gemacht.

Da war das klangliche Ausgangsmaterial zwar auch relativ beschränkt und zwar auf Aufnahmen von Metallbecken. Das war jedoch nicht die Hauptidee. Die eigentliche Idee war, ein Stück zu machen, das die idealen Proportionen und den idealen Schliff eines Diamanten wiedergibt oder sich als Struktur vorgibt. Diese Struktur war mein Ausgangspunkt, bevor ich irgendeinen Klang hatte. Ich saß zuerst über schematischen Darstellungen von diesem Schliff. Der hat einen Namen „Tolkowsky's Cut“.

(Anmerkung der Redaktion: Auch als klassischer Brillantschliff bekannt. 1919 vom Physiker Marcel Tolkowsky entwickelte Formel für einen Schliff mit 57 Facetten, der die größtmögliche Lichtreflexion erzeugt)

Ich saß also über Zeichnungen von diesem Schliff und habe überlegt, wie übersetze ich das jetzt. Kann ich z.B. Winkel übersetzen? Im Endeffekt habe ich mich dann auf Größenverhältnisse der Facetten beschränkt und habe die Anzahl der Facetten und ihre Größe als Referenz genommen, wie viele Elemente es in dem Stück gibt und wie lang die dauern und in welcher Abfolge sie passieren. Das hat ein paar Tage gedauert, bis ich diese Struktur zusammen hatte und dann bin ich dazu übergegangen, nach Klängen zu suchen, die zu diesen Zeitvorgaben passen.

Aber dadurch, dass der untere Teil eines Diamanten erstens weniger Facetten hat und zweitens die Flächen größer sind, hat das Stück auch gewisse Längen zum Beispiel (lacht laut!) Das war durchaus spannend. Das ist jedoch etwas, das hätte ich ganz frei nicht so gemacht. Da hätte ich mir gedacht, uuh, das wird jetzt aber schon ein bisschen langweilig. Aber ich finde, es macht dann im Endeffekt auch den Charakter dieses Stücks so speziell. Es hat eine Struktur, die man vielleicht unabhängig von dieser Vorgabe so nicht machen würde.

Abgesehen von deinen selbst erstellten Sounds, benutzt du in Ableton auch Instrumente zur Klangerzeugung?

Electric Indigo: Das kommt auf das Stück an. Normalerweise, wenn es ein konzeptioneller Ausgangspunkt ist, dann nehme ich nur selbst erzeugte Sounds. Das ist ja sonst wie Spielverderberei. Da halte ich mich an die von mir selbst auferlegten Regeln. Weil es sonst nicht lustig ist (lacht). Aber wenn ich so ein Stück zum Beispiel weiter entwickle und ein Derivat daraus entsteht und klar ist: Okay ich brauch jetzt doch, was weiß ich, ein rhythmisches Element, das sehr monoton ist, das dem, was passiert, Halt bietet und es sollte eine bestimmte Klanglichkeit haben, die zu dem Rest auch in einem guten Verhältnis steht, dann kann es schon sein, dass ich auf einen Drum-Sound oder auf einen Synthesizer zurückgreife, der mit diesem ursprünglichen Ausgangsmaterial gar nichts zu tun hat. Also wenn sich so was weiterentwickelt – und das tut es eigentlich irrsinnig oft – dann sind die Regeln nicht mehr so streng. Dann ergeben sich musikalische Notwendigkeiten, die ich mit bestimmten Mitteln erfülle.

Dann verwende ich sehr gern kleine musikalische Devices, die nicht unbedingt in der verkauften Ableton Version drinnen sind, sondern die ich von meinem Freund bekomme. Der bastelt wahnsinnig viele Max For Live Devices. Immer, wenn er was Neues gebastelt hat, dann probiere ich das mal aus. Und da gibt es ein paar, die ich gern verwende, z.B. so eine Mischung aus normalem Reverb und Convolution Reverb. Das ist nicht released worden. Das ist so ein privates Ding, was ich verwenden kann. Oder einen kleinen Max For Live Synthesizer, der sich nicht nur vom Klang, sondern von der Idee her und wie er aufgebaut ist und wie die Synthese funktioniert, an einem Synclavier orientiert.

Das sind ja dann richtig persönliche Instrumente, die zu deinem persönlichen Sound beitragen ...

Electric Indigo: Generell muss ich sagen, ich habe einfach bei allem, was ich mache und womit ich mich umgebe, nach Möglichkeit gerne einen persönlichen Bezug. Das macht auch wirklich einen großen Teil meiner Motivation aus. Das heißt, auch als DJ spiele ich besonders gerne Platten von Leuten, die ich kenne und mit denen ich vielleicht sogar befreundet bin. Das ist insgesamt ein anderes Gefühl, als vollkommen distanziert etwas zu verwenden, zu dem ich keinen persönlichen Bezug habe. Also im Idealfall würden auch alle Geräte, die ich verwende, von Freunden und Freundinnen gebaut sein (lacht). Das ist natürlich eine Utopie, weil, keine Ahnung, wer alles an meinem Laptop gebaut hat.

Wie sieht dann generell dein Verhältnis zu Hardware aus?

Electric Indigo: Ich habe angefangen mit Hardware und ein paar Klassiker sind auch durchaus noch da oder so Halbklassiker. Meine 808 habe ich verkauft an Jennifer Cardini. Ich brauche die eigentlich alle nicht mehr unbedingt. Aber ich habe noch eine Roland TR-606 rumfliegen. Die steht aber seit Ewigkeiten im Regal. Früher habe ich auch sehr viel mit einem Multimoog gemacht. Den fasse ich auch eigentlich fast gar nicht mehr an, was auch nicht gut ist für die Geräte. Die mögen das gar nicht! Da oxidieren dann die Potis und so. Das ist nicht gut! Ich habe einen Sequential Circuits Six-Trak.

Den habe ich früher auch extrem viel verwendet und einen Korg MS10. Also es gibt schon ein paar wenige Teile hier bei mir. Aber ich brauche sie eigentlich nicht. Die einzige Hardware, die ich jetzt verwende und eigentlich bei jedem Stück und in jedem Live-Setup, für jedes Konzert immer mit dabei habe, ist ein Eventide Reverb. So eine Stompbox: Eventide Space! Das mag ich total gerne! Mit diesem spiele ich gern live (schwärmerisch). Das ist wunderschön!

Live ist es ja dann immer die Challenge, die Arbeit aus dem Studio umzusetzen und aufzuführen. Wie sieht das bei dir aus, was macht dein Live-Setup aus?

Electric Indigo: Bei den konzeptuellen Stücken, die ein auf halbe oder zehntel Sekunden wichtiges Timing haben, wie z.B. bei diesem "Tolkowskys-Refraction", da ist eigentlich alles schon vom Ablauf her total fix getimed. Da gibt es keine Improvisationsmöglichkeiten. Darf es auch nicht geben, weil das konzeptuell falsch wäre, was die Längen betrifft.

Wenn ich das auf „Live“ adaptiere, dann bereite ich das so vor, dass es in Ableton im Session View mit Follow Action ein fixes Timing hat. Das heißt, wenn ich die erste Szene feuere, dann fährt es quasi von alleine bis zum Ende runter. Was ich dann live mache, ist z.B. mit dem Hallgerät und ich arbeite viel mit EQs und mit Lautstärken von den verschiedenen Spuren. Das ist wie ein neues Abmischen, eine Interpretation. Bei so einem strengen strukturbasierten Stück muss das Arrangement gleich bleiben. Bei vielen anderen Sachen, gerade bei diesen clubkompatiblen Liveacts, ist es so, dass, wenn ich mir mal einen tollen Break ausgedacht habe und ich möchte, dass der im Prinzip eigentlich auch so funktioniert, dann lege ich den schon an. Aber dann ist mir völlig freigestellt, wann ich zu diesem Break im Stück komme.

Das heißt, da habe ich dann Szenen, wo ich herumspringen kann wie ich möchte und Clips, die ich vielleicht auch unterschiedlich kombiniere. Wobei ich das eigentlich nicht so viel mache. Ich bestimme eher das Timing der einzelnen Passagen live und auch wieder, wie vorher erwähnt, mische ich das Ganze live neu ab, spiele mit Effekten und vor allem auch mit dem EQ im Master. Das heißt, dass ich dann, wenn mit der Moment richtig erscheint, irgendwelche Farbigkeiten besonders betone, dadurch dass ich dann den EQ im Master habe und dafür auch einen eigenen MIDI-Controller nutze.

Welche Geräte benutzt du live?

Electric Indigo: Meistens habe ich noch einen Push mit. Weil (lacht), ich mag die Pads so gern vom Push und die Dynamik, die es hat. Und da gibt es diese – das ist eigentlich total billig, aber ich mag es echt gern – es gibt die Repeat-Funktion! Bei Livesets, bei denen ich improvisiere oder improvisieren kann, zumindest bis zu einem bestimmten Grad, da habe ich meistens noch eine extra Spur mit einem Drumkit und in dem Drumkit sind fast nur oder vor allem Becken. Also so metallische, perkussive Sounds. Da gibt es überhaupt keinen Clip, der da drinnen liegt, der irgendwas schon spielt, sondern das ist wirklich nur, um mit der Repeat-Funktion (lacht) und halt verschiedenen Repetitionen, sechzehntel Triolen, oder achtel Triolen oder Viertel oder so, wie auch immer, live und mit großer Dynamik dieses Drumkit zu spielen. Das macht Spaß. Dann habe ich relativ viele MIDI-Controller mit. Ich habe einen für Master-EQ.

Zwei Controller habe ich für die verschiedenen Tracks, weil ich immer in einem Liveset mehr als acht Tracks brauche. Was ich richtig praktisch finde, ist die Launch Control XL, weil die genau das macht, was ich brauche. Ich brauche normalerweise auf dem MIDI-Controller vor allem Fader und über den Fadern eben Effektknöpfe. Wobei mir ein Effektknöpfchen darüber auch reichen würde. Aber die Nano Kontrol, die alte, gibt es leider nicht mehr. Weil da waren neun drauf. Da habe ich noch eine und ich fürchte, irgendwann wird es kaputtgehen und dann bin ich ein bisschen aufgeschmissen, denn die ist so schön klein. Naja. Also ich habe meistens drei von den eher kleinen MIDI-Controllern und dann noch den Push 2, das Effektgerät, den Computer und dann habe ich in letzter Zeit auch ganz gern noch mein großes iPad dabei. Weil da gibt es eine App, die ich ganz gerne mag. Das ist auch so eine Granular-App, Borderlands Granular und die finde ich sehr hübsch. Mittlerweile bin ich auch mit dem befreundet, der sie gemacht hat (lacht). Es gibt also einen persönlichen Bezug. Ja und damit kann man ganz schön Live-Texturen und merkwürdige Soundscapes, Knistergeräusche oder solche Sachen machen und man kann damit ganz schön live spielen. 

Du hast jetzt schon mehrfach von der Granularsynthese gesprochen. Warum Granularsynthese? Worin liegt da für dich Reiz?

Electric Indigo: Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass ich jetzt schon relativ gut verstehe, was da passiert, weil ich so viel damit gearbeitet habe. Der ursprüngliche Grund war, dass ich mich auf ein bestimmtes Audioausgangsmaterial beschränken, aber daraus möglichst viele verschiedene Sounds erstellen wollte und ich wüsste nicht, womit und mit welchen Mitteln man das besser machen könnte als mit Granularsynthese. Ich kann daraus eben auch so vollkommen abstrakte Sounds machen. Am besten eignet sich Granularsynthese für Soundwolken und Texturen und Atmosphären, aber meine persönliche Challenge ist es, daraus Rhythmen zu bauen. Diese Rhythmen – und das finde ich ganz interessant, zumindest mit den Tools, die ich dafür verwende wie eben z.B. dem Granulator – das hat immer eine gewisse "fuzzyness". Das ist nie so ganz mathematisch genau im Grid und genau das finde ich aber interessant. Oder auch, wenn ich z.B. eine Bassdrum mit Granularsynthese baue oder versuche zu bauen, dann ist die nie sauber. Die hat immer etwas, was man auf Englisch als "grittyness" bezeichnen würde. Das sind natürlich Klanglichkeiten, die ich offensichtlich auch mag. Das ist sicher eine Geschmacksfrage. Manchmal ist es vielleicht auch zu viel oder ausschließlich.

Wenn alle Oberflächen rau sind und nirgends ist was Glattes, Warmes, Weiches, dann wird es auch kalt. Oder wenn man von Farbigkeiten sprechen möchte, dann geht es so ins Graue und wenig Klare hinein. Das ist dann wahrscheinlich die Schwäche dabei. Aber ich finde das ja auch gar nicht schlecht, wenn es gut ist. Grautöne können ja auch ganz schön sein. Es kann ja auch ins Kristalline gehen. Diese mit Wasser oder Sand assoziierbaren Sounds, die bei Granularsynthese auch leicht entstehen können, die haben oft etwas Funkelndes an sich, das dann auch gar nicht mehr grau wirkt, sondern eher was körnig Lichtreflektierendes hat. 

Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

Also das Interesse an Musik ist sicher durch mein Umfeld und durch meine Familie entstanden. Meine Brüder, die beide einige Jahre älter sind, die haben beide Instrumente gelernt. In österreichischen bürgerlichen Familien ist es total normal, dass die Kinder Instrumente lernen und insofern habe ich auch als kleines Kind schon viel klassische Musik gehört. Meine Mutter hat auch gern Jazzradio gehört am Nachmittag. Also das Interesse für Musik war schon von Anfang an ein Teil in meinem Leben. Besonders technikaffin war ich allerdings nicht. Naja, auflegen finde ich auch nicht besonders technisch. Das ist ungefähr so technisch wie bügeln (lacht). Aber ich hatte schon immer eine Affinität zu Zahlen und auch Mathematik fand ich ganz toll. Ich war immer gut in Mathe und kann gut mit Zahlen umgehen. Ich bin gut sortiert und organisiert und ich bin eher ordentlich. Und das war ich auch schon als Kind.

Erinnerst du dich noch an die erste Hardware, die du dir angeschafft hast und womit du angefangen hast, Musik zu machen?

Electric Indigo: Irgendwann war ein Punkt erreicht und ich konnte mir ein bisschen was leisten. Und ich habe dann gleich mehrere Geräte auf einmal gekauft. Das war, als ich noch im Hardwax in Berlin gearbeitet habe. Da hatte ich ein tolles Umfeld mit Mark Ernestus, Basic Channel und Vainqueur. Die haben mir ihre Geräte verkauft, die sie nicht mehr brauchten. Das heißt, ich habe die Basic Channel 808, den Multimoog und den MS10 und die 606 von Mark Ernestus gekauft und mehr oder weniger auch zur gleichen Zeit den Sequential Cicuit Six-Trak von Rene Löwe, also Vainqueur. Das waren aber nicht die ersten Maschinen, mit denen ich Musik gemacht habe. Erstens hat es dann ewig gedauert, bis ich die dann ein bisschen mehr benutzt habe. Das hat Jahre gedauert. Ich war so viel auch als DJ unterwegs, dass ich fast nie zu Hause war. Aber ich habe immer Musik mit anderen Leuten in deren Studios gemacht. Und mit deren Maschinen habe ich dann gespielt, z.B. mit der 909 von Patrick Pulsinger oder in Köln mit Dr Walker und dort auf der 303 irgendwelche Sachen herumgeschraubt.

 

Das heißt, die Geräte, die ich als erstes selber gekauft habe, waren nicht die Geräte, mit denen ich angefangen habe Musik zu machen. Ich habe mit den Geräten anderer Leute Musik gemacht.

Obwohl du fast 30 Jahren im Geschäft bist und es zahlreiche Veröffentlichungen von deiner Musik gibt, hast du bislang nie einen Longplayer herausgebracht. Was hat dich dazu bewogen, ausgerechnet jetzt dein Debut-Album zu veröffentlichen?

Electric Indigo: Das fortgeschrittene Alter ... (lacht laut los). Ich weiß nicht, warum das nicht schon früher passiert ist. Ich habe immer so einzelne Teile gemacht, die dann einmal gespielt worden sind oder für ’ne Maxi. Nichts Zusammenhängendes oder etwas, was man in einen größeren Zusammenhang bringen kann und was dann irgendwen vielleicht auch interessieren könnte.

Welches Konzept oder welche Idee steckt dahinter und wie ist das Album entstanden?

Electric Indigo: Auf dem Album sind Derivate von Materialien, die ich in den letzten fünf Jahren gemacht habe. Und das hat irre lang gedauert, das stimmt. Der rote Faden ist dadurch entstanden, dass ich meine grundsätzliche Herangehensweise in den letzten Jahren immer weiterentwickelt habe. Die Tracks sind zum Großteil aus dem Live-Set zusammengestellt worden. Also ich habe ein Live-Set gespielt und Robert, auf dessen Label das Album ja auch rauskommt, hat das gehört und meinte, das kann man eigentlich genau so rausbringen. Das war es dann natürlich überhaupt nicht! Da ist noch irrsinnig viel Arbeit reingeflossen. Aber das war dann der Ausgangspunkt für das Album. Ein paar Tracks sind dann auch wieder rausgefallen oder viel kürzer geworden. Und dann ist mir eingefallen: „Moment mal, ich habe doch da noch zwei Stücke von einem anderen Projekt, was noch gar nicht in dem Live-Set drinnen war und eigentlich würde das sehr gut dazu passen.“ Ich hatte einfach einen Fundus an Material, wo ich dann die Stücke herausgesucht habe, die mir passend erschienen. Jeder Prozess ist von Hindernissen begleitet.

Welche Schwierigkeiten sind dir bei der Arbeit an deinem Album begegnet?

Electric Indigo: Je länger ich an irgendeinem Ding bastele, desto unerträglicher wird es auch! (lacht). Weil ich es dann nicht mehr hören kann oder mir denke, ich komme nicht weiter und irgendwie gefällt mir alles nicht mehr. Ich glaube, das ist auch mit ein Grund, dass das alles so lange gedauert hat. Meine Sachen sind sehr eigen und sie sind nicht unbedingt einfach zugänglich. Und zum Teil, wenn ich dann versuche, sie zugänglicher zu machen, dann wird es aber irgendwie schlecht. Also das birgt dann auch Gefahren, wo ich mich verirren kann. Was dann gut und extrem hilfreich ist, ist noch mal eine Instanz zu haben, die mir dabei hilft, etwas neu oder distanzierter zu hören. Ich glaube, das geht auch allen so, die Musik machen oder Tracks basteln, dass man irgendwann einfach nicht mehr hört, was man wirklich macht, weil man sich gerade so konzentriert auf ein kleines Detail, was den anderen wahrscheinlich überhaupt nicht auffällt und dabei riesige Elefanten mitten im Raum nicht wahrnimmt (lacht). Idealerweise ist das ja auch eine Funktion des Labels und das hatte ich mit Robert. Naja und ein gutes Mastering schafft es natürlich auch, das Eigene und das Besondere am Stück herauszuarbeiten. 

511593

511593 heißt das Debut-Album von Electric Indigo. Es erscheint im Januar 2018 auf „Imbalance Computer Music“, dem Label vom Ableton Mitbegründer Robert Henke.

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