Feature
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28.09.2010

Die Fließband-Produzenten

Hinter den Kulissen von „The X-Factor“

In Hamburg-Eimsbüttel entstehen dieser Tage die Songs, ohne die Fernsehdeutschland stillstehen würde. Das ehrwürdige HOME-Studio mit seinem Hitproduzenten Franz Plasa kümmert sich um das, was im Laufe der Sendung „The X-Factor“ auf VOX für die großen Momente sorgen soll und um das Gerüst, an dem sich alle Kandidaten der Sendung entlang hangeln – die Playbacks. 84 (vierundachtzig) Welthits müssen nachgebaut werden, möglichst nah am Original, möglichst passgenau auf den Sänger zugeschnitten.

Was für eine Wahnsinnsaufgabe, welche Armee von Produzenten soll das stemmen, denke ich. Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: ganze zwei Leute und ihr Supervisor, „das Ohr“ Plasa. Man erwartet vor extraterrestrischer Produktivität strotzende Fabelwesen in einem hochgerüsteten Mega-Studio mit allem, was einem Welthit zuträglich ist. Ein riesiges SSL-Pult vielleicht, eine zehn Meter lange Preamp-Armada, wahnsinnig viel Outboard und einen großen Aufnahmeraum mit einigen komatös in der Ecke schlummernden, auf ihren Einsatz wartende Musiker. Und tatsächlich: Alles ist da, aber nichts davon wird für X-Factor gebraucht. Stattdessen sitzen Phillip und Daniel in kleinen Kabuffs zwischen leeren Cola-Dosen, übergroßen Stoffbären und Behringer-Equipment, lachen, kicken, trinken Kaffee.

Diese Jungs kommen entschieden lässiger rüber als die Werbeplakate der Show, die sie in diesem Moment repräsentieren. Und so entgleist das Gespräch denn auch, bevor es überhaupt begonnen hat. „Das ist unser Entscheidungs-Bär“, sagt Philipp und zeigt auf den überdimensionalen Bärenschädel hinter seinen Monitorboxen, „der sagt Bescheid, sobald ihm eine Snare nicht gefällt – ist alles ok, fängt er an zu lächeln“. Aha, denke ich und versuche, dem hohlen Stoffkopf etwas Liebenswürdiges abzugewinnen. „Sowieso spielen wir die Playbacks nur mit echten Instrumenten ein“, sagt er, greift sich eine grauenhaft verstimmte Gitarre, spielt grauenhaft und singt „I'm Jason Derülo ooouuhh“.

Ich bin etwas verwirrt und frage, ob das jetzt ernsthaft so ist, dass die Playbacks mit echten Instrumenten eingespielt werden. Daniel lacht schallend los: „Naja, vielleicht mal ne Gitarre oder so, dafür kommt dann aber ein Gitarrist ins Studio“. Musiker aus Fleisch und Blut sucht man unterdessen vergeblich auf der Bühne von The X-Factor, alles ist mit dem Produktionsprogramm Logic programmiert, was der Abwechslung im Gegensatz zum Einheits-Sound der Konkurrenz-Shows sicherlich zuträglicher ist, aber, naja, auch irgendwie schade.

Die Jungs aus dem Home kratzt das überhaupt nicht, die machen erst mal eine Raucherpause im Innenhof. Produzieren sich die 84 Playbacks von selbst, frage ich, und zum ersten Mal macht sich so etwas wie Ernsthaftigkeit breit. „Wir müssen drei Playbacks am Tag schaffen...pro Person!“ Da macht die Aufgabe wohl mehr Eindruck, als der tatsächlich zu leistende Einsatz. „Ich habe gut vorgearbeitet“, sagt Philipp, Daniel weist darauf hin, dass er Wochenweise von seinem alten Studiokollegen Michi vertreten wird, also alles halb so wild sei.

Als dann nach einer Weile auch der Chef erscheint, um eine mitzurauchen, beginnen seine beiden Schöffen direkt etwas geschäftiger zu wirken. „Du hast Kritik für deine Klamottenauswahl bekommen“, sagt Daniel beim Weggehen. Klassisch leger gekleidet sitzt einem einer der erfolgreichsten Produzenten Deutschlands gegenüber. Da gibt’s nichts zu kritisieren, finde ich, allerdings kann man sich diesen Menschen kaum im Casting-Strudel der Privatsender vorstellen. Was ihn denn dazu bewogen habe, ihn, den erfolgreichen Produzenten wertiger Musik, bei einer Castingshow mitzuwirken...? Bei einem Format, das für gutbürgerliche Teile der Gesellschaft dem Versuch gleichkommt, Andy Warhol mit Flachbett-Scan und Schachbrett-Pixelung auf die Pelle zu rücken. „George Glück hat mich vor einiger Zeit dazu eingeladen, in der Jury zu sitzen. Ohne das jetzt weiter ausdehnen zu wollen: Ich bin nach der Testsendung mit den Worten gegangen‚ wenn ihr was mit Musik machen wollt, ruft mich gerne an. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass die dann wirklich nochmal anrufen. Jetzt bin ich der musikalische Direktor.“

Es müssen wohl gute Argumente gewesen sein, denn meiner Meinung nach steht der ganze Casting-Industriezweig vor dem hausgemachten Untergang. Bohlen in jeder Jury, und seine identitätslosen Titel möchte eigentlich niemand mehr so richtig sehen und hören. Und die Sendung Popstars mit Dee (auch bekannt als „D!“) hat sich totgenudelt, schon bevor er das erste arme 15-jährige Mädel so richtig zusammengefaltet hat.

Zumeist wird in Casting-Formaten die Würde des Menschen nicht nur angetastet, sondern auf einem öffentlichen Platz geteert und gefedert.
Ich konnte mich dem Casting-Hype immer hervorragend entziehen, und nur um mitreden zu können, habe ich mir zwei bis drei Folgen angeguckt. Und dann das: Ausgerechnet ich soll über X-Factor berichten, genauer gesagt über das, was hinter den Kulissen passiert. Einen Tag vor dem Besuch im Home-Studio konnte ich dann vom Laufband im Fitness-Studio zu Recherchezwecken einige Male vom Deutschland-Aserbaidschan-Spiel zu X-Factor rüberblinzeln. Auf den Ton habe ich wohlweißlich verzichtet, aber etwas ganz Entscheidendes habe ich trotzdem gemerkt: Irgendwas ist anders als sonst. Die Kandidaten sehen überhaupt nicht aus wie die typischen Frusthalden ihrer Jury und wirken auch sonst nicht mottoformatiert. Da stehen vier stämmige Soul-Diven neben gut ausgebildeten Einzelperformern und sehen aus wie du und ich.

Auch das Studio hier in Hamburg-Eimsbüttel, in dem sich die Herren dann doch langsam zur Arbeit aufraffen, hat keinesfalls das erdrückend glatte Profi-Ambiente eines Fernsehstudios, sondern erinnert eher an Omas Wohnzimmer, in dem gleich Kuchen aufgetischt wird. Es geht zurück in das kleine Projekträumchen mit dem Bärenkopf, und ich bleibe unterwegs beim Kickertisch hängen, an dem ich nach meinem großmäulig vorgetragenen Übermut vom Assistenten des Chefs fachgerecht zerlegt werde. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat.

Fünf Minuten nach den anderen treffe ich im Bärenstudio ein, Philipp zeigt Franz gerade eines seiner Playbacks, eine Nummer, die ich im Leben noch nicht gehört habe. Kurze Frage, kurze Antwort: „Jason Derülo, Mann! Das ist der Hit!“ Zum Beweis spielt er noch einmal die Original-Version ab, ich bin total von der Rolle und verstehe gar nichts mehr, denn sein Playback klingt einfach exakt so wie das Original. Bis ich das verstanden habe, vergehen, das gebe ich zu, einige Sekunden, und die Bewunderung für das Handwerk dieser Jungs ist plötzlich umso größer. Wie von Zauberhand scheint ein haargenaues Replikat des angeblichen Welthits entstanden zu sein, und das ganz – ich erwähnte es bereits – ohne Outboard! Mein Blick wandert noch ein letztes Mal unauffällig in alle Winkel des kleinen Zimmers – nichts zu sehen. Dann werde ich der Ordnung halber doch noch darauf hingewiesen, dass immerhin mit etwas mehr als Nichts Vocals aufgenommen werden, nämlich vor Ort - also in Köln mit einem mobilen Rack, bestehend aus Great River & Chandler Preamps und Universal Audio 2-610 und einem 2-1176, auch ein überschaubares Setup. Was hier im Überfluss vorhanden scheint, ist nicht Zeit, sondern Talent. Dabei scheint es nicht von ungefähr, dass der Maestro Plasa seine beiden Schützlinge und seine halbe Studio-Crew – wenn sie denn irgendwann zum Einsatz kommt – direkt von der Popakademie rekrutiert hat, diese Jungs haben Pop studiert.

Am Abend schaue ich noch mal X-Factor und traue meinen Augen kaum: Meine langjährige Mitstudentin von der Popakademie, Denise, trällert da der Fachjury einen Popschmachter vor. Ob das vielleicht ein Zeichen ist?

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