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09.07.2021

Der Weg des Test-Oszillators in die elektronische Musik

Experimentelle elektronische Musik und ihre Entstehung

Daphne Oram, Tristram Cary, Pierre Schaeffer, Karlheinz Stockhausen & Co.

Die Handlungslinie der Entstehung elektronischer Musik zeichnet sich als Folge kleiner Entwicklungsstufen bis hin zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Ab diesem Punkt zeigt sich eine schrittweise Änderung - nicht nur wegen des Aufkommens des Magnettonbandgeräts - die Pioniere der elektronischen Musik nehmen sich eines banaleren elektronischen Geräts an, dessen Einsatz in der Musik eigentlich nicht vorgesehen war: Dem Test-Oszillator. Hat man in der elektronischen Musik das Tonbandgerät neben seiner ursprünglichen Aufgabe der Tonaufnahme auch für Tonmanipulationen eingesetzt, zeigt sich eine gewisse Analogie auch in der Nutzung des Test-Oszillators, der seinem ursprünglichen Zweck entfremdet, nun neue Einsatzgebiete findet.

Töne stufenlos spielen

Ein solcher Oszillator erzeugt typischerweise eine Sinuswelle, dessen Frequenz oder Tonhöhe mittels Drehknopf gesteuert wird. Technisch ist er dafür bestimmt, das Verhalten elektrischer Schaltkreise zu messen, oft gekoppelt mit Oszilloskopen, um zu sehen, was dabei herauskommt, wenn man eine Oszillatoren-Wellenform zu Messzwecken durch eine Apparatur schickt. In dem Moment, als sich Künstler mit dem musikalischen Potenzial eines stufenlos erzeugbaren Tons befassten, wurde der in der Messtechnik eingesetzte Oszillator zu einer bevorzugten Klangquelle, die manuell durch das Drehen des Drehknopfs gespielt und deren Töne durch Filter und Manipulation der Bandaufnahme weiterverarbeitet werden konnten. In den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Oszillatoren durch Militärüberschuss billig.

Künstler entdecken ein neues Musikinstrument

Wie so oft an der Schnittstelle von Musik und Technologie hatten viele Menschen gleichzeitig ähnliche Ideen. Die Gründungsfiguren der britischen elektronischen Musik, Tristram Cary und Daphne Oram, wurden beide im Jahr 1925 geboren, sie besuchten Privatschulen und zeigten früh besondere musikalische Fähigkeiten, was sie Ende des Zweiten Weltkriegs dazu bewegte, über die Möglichkeiten des elektronischen Klangs in der Musik nachzudenken.

In 1943 begann Daphne Oram bei der BBC als Junior Studio Engineer und Music Balancer zu arbeiten. Im selben Jahr trat Tristram Cary als Radar-Offizier in die Marine ein. Bei beiden Jobs wurden solche Test-Oszillatoren verwendet. Als Cary 1946 die Marine verließ begann mit dem Bau von "The Machine", einer bunten Mischung aus Tools, die auf einem Tisch montiert war und elektronische Musik machen sollte. Mit der Zeit sollte es noch mehr werden, nebst einem Kontingent an Oszillatoren aus militärischem Überschuss.

Cary begann seine eigenen technischen Konzepte zu verwirklichen, was später dazu führte, zusammen mit Peter Zinovieff und David Cockerell die Electronic Music Studios (London) Ltd zu gründen, welche den EMS VCS 3, den ersten kommerziell erhältlichen portablen Synthesizer entwickelten. Anschließend war Cary an der Herstellung von so charakteristischen EMS-Produkten wie dem EMS Synthi 100 beteiligt.

Experimente mit Klängen

Ab den späten 1940er Jahren drangen Nachrichten über die Experimente mit Musique Concrète in Paris und dann mit elektronischer Musik in Köln nach London vor. Pierre Schaeffer in Paris hielt an dem Prinzip fest, "echte" Klänge mit Tonträgern und Klebeband zu manipulieren.

Karlheinz Stockhausen studierte 1952 bei Schaeffer und lernte Tonband-Bearbeitungstechniken, bevor er 1953 nach Köln zog, um im neu eingerichteten Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln zu arbeiten. Hier wurde das bevorzugte Audio-Rohmaterial elektronisch erzeugt, und die Quellen waren zwei frühe Instrumente, das Monochord und das Melochord. Stockhausen hielt sie für einschränkend und befürwortete die Verwendung von Oszillator-Sinuswellen als kompositorische Elemente, was er mit Studie I und Studie II in den Jahren 1953 und 1954 demonstrierte.

Die weitere Entwicklung

In England dauerte es noch eine Weile bis sich die BBC in einem ähnlichen Status befand wie die Studios in Paris und Köln, die sich zudem in staatlichen Radiosendern befanden und von diesen finanziert wurden. Dann, nach und nach hörte man auch deren erste Ergebnisse elektronischer Musik über den Äther. 1955 vertonte Cary das BBC-Hörspiel ‚The Japanese Fisherman‘ mit manipulierten perkussiven Klängen und Oszillator-Drohnen, und die erste elektronische Partitur im britischen Radio war geboren.

1957 verwendete Daphne Oram Tonbandgeräte, Oszillatoren und Filter, um Musik für eine BBC-TV-Adaption von ‚Amphitryon 38‘ des französischen Dramatikers Jean Giraudoux zu erstellen. Im März des folgenden Jahres ausgestrahlt, war dies die erste elektronische Partitur im britischen Fernsehen. Obwohl Orams Partitur im Vergleich zu Musik, die auf herkömmlichen Instrumenten gespielt wurde, spürbar fremd war, war sie doch musikalisch. Wo Carys Fisherman-Stück näher an dem war, was wir heute Sounddesign nennen würden, extrahierte Oram eine fast holzbläserartige Melodie aus den Oszillatoren.

Der BBC-Radio Workshop

Als ‚Amphitryon 38‘ ausgestrahlt wurde, setzte sich Oram zusammen mit Desmond Briscoe für die BBC ein, um den Radiophonic Workshop einzurichten, der im April 1958 in Maida Vale im Westen Londons unter der Leitung von Oram und Briscoe eröffnet wurde. Geschichtlich gesehen wurde keine detaillierte Liste der für den Workshop verwendeten Geräte erstellt. Es ist bekannt, dass Oram und Briscoe verschiedene Tonbandgeräte, Plattenspieler und Oszillatoren von anderen BBC-Abteilungen zusammen mit einem Mischpult der Vorkriegszeit aus der Royal Albert Hall erworben haben. In Louis Nieburs Buch ‚Special Sound‘ sind einige neue Geräte aufgeführt, darunter ein Muirhead One Decade D-650B-Oszillator.

Obwohl der Workshop in seinen frühen Tagen einige große elektronische Tasteninstrumente erwarb, blieben Oszillatoren bis in die späten 1960er Jahre und das Hinzukommen von EMS-Synthesizern die bevorzugte Quelle für elektronische Klänge. Delia Derbyshire verwendete einen Oszillator für die Hauptmelodie ihres berühmten ‚Doctor Who‘-Themas (1962).

Wie nutzt der Rest der Welt solche Oszillatoren?

In der gleichen Zeit schlossen sich in den USA populäre und seriöse elektronische Komponisten an. Bernard Herrmann verwendete Oszillatoren neben zwei Theremins im Soundtrack zu ‚The Day the Earth Stood Still‘ (1951). Die Komponistin Pauline Oliveros, später eine treibende Kraft im San Francisco Tape Music Center, setzte in ihren frühen Arbeiten Oszillatoren ein. Oliveros sprach gegen Ende ihres Lebens mit Steve Silverstein und erklärte, dass sie in den späten 1950er und frühen 60er Jahren einen eigenen Weg gefunden hätte elektronische Musik mit unterschiedlichem Equipment, darunter Oszillatoren, Patchbays und Tonbandgeräten zu machen auf dem sie lernte mithilfe von Elektronik zu improvisieren. 

Louis und Bebe Barron hatten Ende der 1940er Jahre begonnen, Tonband-Manipulationstechniken mit Oszillatortönen zu kombinieren. Das Paar startete mehrere Projekte mit Avantgarde-Filmemachern, bevor es zu einem einzigen kommerziellen Erfolg kam, der Partitur für ‚Forbidden Planet‘ (1956). Bis dahin war Rock 'n' Roll auf dem Weg, das dominierende Genre der Popmusik zu werden, und es dauerte einige Jahre, bis Oszillatoren ihren Platz inmitten von E-Gitarren, Bässen und Drum-Kits fanden.

Paul Tanner, ein Session-Posaunist, der für Frank Sinatra spielte, erlebte in einer Soundtrack-Session (1958) einen Thereministen, der sich abmühte, sein Instrument mit dem Orchester in Stimmung zu bringen, was Tanner veranlasste ein eigenes Instrument herzustellen, das Elektro-Theremin, auch 'Tannerin' genannt. In der Basis war das ein einfacher Oszillator in einer Kiste mit einem Schieberegler für unterschiedliche Tonhöhen und Markierungen auf der Box, um die richtigen Töne zu treffen. Tanner verwendete sein Gerät für TV-Themen sowie verschiedene Sessions und erhielt einen Anruf von Brian Wilson, was dazu führte, dass Tanner in mehreren Songs der Beach Boys mitwirkte, darunter "Good Vibrations" (1966). 

Ungefähr zu der Zeit, als "Good Vibrations" veröffentlicht wurde, nahmen die Rolling Stones ‚Between The Buttons‘ auf. Bei "Please Go Home" drehte Brian Jones (Mitglied der Stones von 1963 - 1969) den Regler eines Test-Oszillators gut hörbar in diesem Titel. Ein Jahr später verwendete Brian den gleichen Trick auf dem Album ‚Satanic Majesties‘.

Die Beach Boys und die Rolling Stones sind nur zwei Beispiele für einen Trend in der Zeit, als Rockmusiker insgeheim nach neuen Klängen suchten. Insbesondere in den USA führte ein experimenteller Antrieb zu mehreren Underground-Bands, die einem völlig elektronischen Ansatz viel näherkamen als alle zeitgenössischen Mainstream-Acts. Dazu gehörten The United States of America, Fifty Foot Hose und Silver Apples. Allen diesen Bands war gemeinsam, dass sie sich auf Einzelanfertigungen handgefertigter oszillatorbasierter Instrumente verlassen mussten.

Silver Apples, ein aus Danny Taylor und Simeon Coxe bestehendes Duo, hat das weiter vorangetrieben als jeder andere. Taylor war der Schlagzeuger, während Coxe "neun übereinandergestapelte Oszillatoren und 86 manuelle Bedienelemente zur Steuerung von Lead-, Rhythmus- und Bassimpulsen mit Händen, Füßen und Ellbogen" bediente, wie in den Sleevenotes des Debütalbums beschrieben wurde. Diese exzentrische Kreation hatte keine Tastatur im Klavierstil. Stattdessen löste Coxe die Oszillatoren durch eine Auswahl von Telegraphen-Tasten und Fußpedalen aus. Das Equipment wuchs auch im Laufe der Zeit, als Coxe weitere Oszillatoren und Effektgeräte hinzufügte, die in maßgeschneiderten Cases untergebracht wurden.

Technologische Wende ... nicht für alle

Silver Apples bestand ein paar Jahre, tourte durch Amerika und veröffentlichte zwei Alben, ohne kommerzielle Erfolge zu erzielen. Ihr bekanntester Auftritt war ein Konzert zur Feier der Apollo 11-Mondlandungen im New Yorker Central Park. Aber bis dahin war Coxe‘s Oszillator-Monster ein Anachronismus. Moog und EMS handelten, wodurch man innerhalb weniger Jahre aus einem anständigen Angebot an Synthesizern wählen konnte, was einigermaßen bezahlbar war. Das zahlte sich im Nachhinein für das erste Zeitalter der elektronischen Musik aus. Tonband-Manipulationstechniken und Oszillatoren waren sowohl in der seriösen als auch in der populären Musik nicht mehr üblich. Silver Apples trennten sich 1970. Als Coxe Jahrzehnte später die Band reformierte, verfügte er über ein vernünftigeres Rig mit moderner Technologie und ein oder zwei Audio-Oszillatoren, um der alten Zeiten willen.

Zum Schluss

Heutzutage werden Oszillatoren der beschriebenen Machart eher selten musikalisch verwendet, und wenn man eine retro-manipulierte Sinuswelle hört, die so klingt, als hätte sie von einem Oszillator stammen können, handelt es sich wahrscheinliche eher um einen Hardware- oder Software-Synthesizer. Dennoch, Nicolas Bernier lässt die Flamme mit dem Ensemble d'oscillateurs weiter brennen. Inspiriert von Oliveros und Stockhausen tritt die zehnköpfige Gruppe ausschließlich mit Vintage-Nachkriegsoszillatoren auf, um mittels Frequenz und Volumen als musikalische Parameter nach Möglichkeiten zu suchen, mit Sinus- und Rechteckwellen zu komponieren und zu improvisieren.

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