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15.02.2018

Celemony Melodyne 4 Studio Grundlagen und monophone Bearbeitung von Audiofiles - Workshop #1

Celemony Melodyne 4 Studio in der Praxis

Der erste Teil unseres Melodyne Workshops widmet sich der werkzeugbasierten Bearbeitung monophoner Audiofiles und erklärt die Funktionsweise aller Tools zur detaillierten Korrektur oder kreativen Formung einzelner Noten.

Hierzu bietet Melodyne Möglichkeiten, die weit über ein banales Hoch- und Runterpitchen der Tonhöhe hinausgehen. Viel Spaß mit Teil 1!

Details

Editionen und Kompatibilität

Derzeit existieren von Melodyne 4 die folgenden, upgradefähigen Editionen, welche sich in der Komplexität des Funktionsumfangs unterscheiden:

  • essential
  • assistant
  • editor
  • studio

Allen Editionen gemeinsam ist die Verwendungsmöglichkeit als Plug-in (AU, VST, RTAS, AAX, ARA), stand-alone und per Rewire. Eine Besonderheit ist die Integration in ARA-kompatible DAWs, wie z.B. Presonus Studio One und Magix Samplitude/Sequoia. In diesen Programmen ist Melodyne quasi fester Bestandteil des Audio Editors, was verschiedene Vorteile im Workflow und im Bearbeitungskomfort bewirkt.

Eine weitere Gemeinsamkeit aller Versionen ist die grundsätzliche Eignung zur Bearbeitung monophoner Signale wie Gesangsstimmen, wobei man in der Einsteigerversion „essential“ kleine Abstriche machen muss. Eine detaillierte Auflistung des Funktionsumfangs ist hier auf der Homepage von Celemony einzusehen. 

Elementare Unterschiede innerhalb der Editionen beschränken sich unter anderem auf die Möglichkeiten der polyphonen Nachbearbeitung von Audiomaterial. Nachdem kaum ein Hersteller von Produktionssoftware es ausgelassen hat, die Ergonomie (nicht zwingend die Bearbeitungsqualität) von Melodyne irgendwie abzukupfern, besteht in diesem Punkt meines Wissens immer noch ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Softwareschmiede, die einen separaten Zugriff auf einzelne Noten innerhalb komplexer und mehrstimmiger Ereignisse in einem Audiofile ermöglicht. Weitere Merkmale der „größten“ Edition ist die praktische Mehrspuransicht mehrerer Plug-in-Instanzen sowie kreative und hüllkurvensteuerbare Zugriffsmöglichkeiten auf Obertöne, um neue Klangschöpfungen zu generieren.

Doch bevor man sich derartigen Spezialanwendungen widmet, sollte man sich vielleicht erst einmal mit den grundlegenden Funktionen von Melodyne vertraut machen.

Die Bearbeitung monophoner Audiofiles

Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um die Kernaufgabe, bei der Melodyne eingesetzt wird, was aus statistischer Sicht wohl überwiegend Gesangsspuren betrifft, obwohl sich das Programm zur Bearbeitung jeglicher Instrumente eignet. Weiterhin hat sich bei dieser Art der Bearbeitung in meinem professionellen Umfeld der Einsatz von Melodyne als Plug-in etabliert, weil es einfach praktischer ist, aufgenommene Takes mit Melodyne in dem Hostprogramm zu bearbeiten, in dem es auch aufgenommen wurde. Sofern dies keine ARA-kompatible DAW ist, muss man das zu bearbeitende File zunächst in das Plug-in transferieren, was in etwa so funktioniert, als würde man es nach dem Scharfschalten des Transfer Buttons und dem Abspielen des entsprechenden Bereichs im Hostprogramm in Melodyne aufnehmen.

Sobald diese „Aufnahme“ vollzogen ist, wird das Audiomaterial entsprechend der Erkennung des aktiven Algorithmus grafisch dargestellt, sodass der Bearbeitung nichts mehr im Wege steht. Der tonale Mittelpunkt, also die erkannte Note, wird als dicker, orangefarbener „Blob“ (offizielle Bezeichnung) dargestellt, während der exakte Tonhöhenverlauf inklusive Tonübergängen und Vibratos als feine Linie zu erkennen ist. Melodyne erkennt in der Regel selbständig anhand des Audiomaterials, welcher Algorithmus zu verwenden ist. Bei eventuellen Fehlinterpretationen oder sonstigen, vielleicht kreativen Gründen kann der Algorithmus umgeschaltet werden, was eine neue Analyse des Audiomaterials bewirkt. Zur Bearbeitung von monophonem Ausgangsmaterial empfiehlt sich die Verwendung des Algorithmus „Melodisch“.

Zum Bearbeiten des Audiomaterials stellt Melodyne verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die wir uns gleich der Reihe nach anschauen. Erwähnenswert sind die per Tastenkombination oder Voreinstellung wählbaren Optionen, ob die Bearbeitung mit oder ohne Raster erfolgen soll, was sich sowohl auf die Skalierung der Tonhöhe sowie auf das zeitliche Raster auswirkt. Ist ein Raster aktiv, dann lässt sich die Note nur von einem Skalenwert zum nächsten verschieben, es sei denn, man hält gleichzeitig die Option/Alt-Taste gedrückt, welche das Raster während des Vorgangs außer Kraft setzt.

Tipp: Sofern ich die Tonhöhenrasterung zur Intonationskorrektur nutze, bevorzuge ich das chromatische Raster gegenüber der konkreten Tonart-Skala des Songs, weil das natürliche Einschwingverhalten der Töne häufig skalenfremde Noten enthält, die ich gerne separat bearbeite.

Werkzeuge

Sehen wir uns jetzt die einzelnen Werkzeuge an, welche in allen Editionen, mit Ausnahme von einigen Einschränkungen in Melodyne essential, zur Verfügung stehen. Insgesamt gibt es 13 Werkzeuge, welche wahlweise in der „Werkzeugbox“ oberhalb des Editbereichs, an beliebiger Stelle im GUI per rechter Maustaste oder auch über ein Tastaturkommando zur Bearbeitung ausgewählt werden können.

Hauptwerkzeug, Scrollwerkzeug und Zoomwerkzeug

Hauptwerkzeug: Dieser unscheinbare Cursor agiert ungefähr nach Art des Smart Tools in Pro Tools oder weiterer Multifunktionswerkzeuge anderer DAWs. Je nach Positionierung auf der idealerweise etwas größer dargestellten Note lassen sich hiermit die Tonhöhe, Position sowie Start- und Endpunkt der Note bearbeiten. Das Scrollwerkzeug dient der vertikalen und horizontalen Verschiebung, und auch das Zoomwerkzeug tun exakt das, was man aufgrund ihres Namens erwartet. Meines Erachtens gibt es für diese beiden Funktionen etwas intuitivere, optionale Tastaturkommandos. 

Sehen wir uns die ersten drei Werkzeuge doch in einem kurzen Video in Aktion an:

Tonhöhen-,Tonhöhenmodulations- und Tonhöhendriftwerkzeug

Das Tonhöhen-Tool dient der Veränderung der Tonhöhe sowie der Geschwindigkeit tonaler Übergänge zwischen zwei Noten. Das Tonhöhenmodulationswerkzeug ist besonders interessant und dient der Erhöhung oder Verringerung des natürlichen Vibratos. Neben detaillierten Eingriffen lassen sich über diesen Parameter interessante Effekte und „Charakteränderungen“ bis hin zum nach wie vor populären Auto-Tune-Effekt erzeugen. Das Tonhöhendriftwerkzeug kann die tonale Balance innerhalb einer Note manipulieren, wenn z.B. der Tonhöheverlauf einer „Sprungschanze“ ähnelt, kann man dies eliminieren oder sogar umkehren. Im folgenden Video sehen wir die Tonhöhenwerkzeuge im Einsatz:

Formant und Amplitudenwerkzeug

Hiermit kann das Obertonspektrum einzelner Noten verändert werden. Obwohl eine Formantkorrektur bei Tonhöhenänderungen automatisch passiert, können vereinzelt dezente Eingriffe mit diesem Werkzeug die Natürlichkeit optimieren. Darüber hinaus ist das Formantwerkzeug beliebt zur Erzeugung von Effektstimmen. Das Amplitudenwerkzeug ermöglicht die Lautstärkenänderung sowie das Stummschalten einzelner Noten. Auch hierzu ein kurzes Video:

Timing-, Time-Handle- und Attack-Speed-Werkzeug

Im melodischen Algorithmus sind einzelne Noten wie mit einem unsichtbaren Gummiband mit ihren benachbarten Noten verbunden. In diesem Modus dient das Timingwerkzeug dem Verschieben des Startpunktes sowie der separaten Verlängerung oder Verkürzung des Notenendes zur Optimierung des Timings.

Das Time-Handle-Werkzeug ermöglicht die Manipulation des Timings innerhalb einer Note. Wer noch nie intensiv Vocals editiert hat, fragt sich vielleicht, wofür das gut sein soll, daher ein Beispiel: Eine fiktive Textzeile lautet „Wir landen auf dem Mond“ und klingt wie „Wir laden auf dem Mond“. Der Sänger hat die Silbe „lan“ nicht optimal gesungen und den Vokal zu lang gezogen. Trotzdem befinden sich noch „Spuren des n“ in der Notensilbe dieses Takes, welche mittels dieser Funktion wieder auf ein verständliches Maß gebracht werden können.

Zur Erhöhung oder auch Abmilderung von Transienten dient das Attack-Speed-Werkzeug. Ein Anwendungsbeispiel: Obwohl Melodyne bei intensiven Eingriffen (Timstretching) die Attack-Phasen einzelner Noten schon automatisch sehr „intelligent“ behandelt, kann man mit dem Attack-Speed-Werkzeug bei Bedarf nachbessern, falls bei stark gestretchtem Material die Transienten etwas zu „verschliffen“ sind.

Im Verlauf des folgenden Videos sieht man, dass die beiden unteren Timingwerkzeuge auch zur Unterstützung des Grooves instrumentaler Spuren zu gebrauchen sind.

Notentrenn- und Trenntypwerkzeug

Nach vollzogener Analyse und Erkennung präsentiert Melodyne quasi seine musikalische Interpretation des Audiofiles. Aufgrund von z.B. geringem Pegel bei hoher Dynamik oder zu unpräzisem Legato-Gesang bei benachbarten Halbtönen, zeigt Melodyne nur einen Ton an, obwohl es eigentlich zwei Töne sein sollten. Das Notentrennwerkzeug führt den notwendigen Schnitt aus, um diese beiden Töne separat bearbeiten zu können.

Das Trenntypwerkzeug macht bei der Bearbeitung polyphoner Ereignisse wahrscheinlich mehr Sinn als bei monophonen Instrumenten. Es ermöglicht, einzelne Noten/Blobs komplett aus dem Kontext benachbarter Blobs zu separieren, womit dann auch Überlappungen von Noten möglich sind, welche ursprünglich monophon sind.

In Aktion sieht das folgendermaßen aus:

Weiterhin ist positiv anzumerken, dass sämtliche Bearbeitungsschritte zum einen per Undo rückgängig gemacht werden können und zum anderen bleibt das Ursprungsfile der Aufnahme unangetastet, sodass man mit den Tools von Melodyne ziemlich sorglos herumexperimentieren kann.

Im kommenden Teil dieses Workshops erwarten euch weitere Tipps und auch fortgeschrittene Anwendungen beim Editieren, wie z.B. das praktische Multitrack Note Editing von Melodyne Studio.

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