Software DAW
Test
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12.11.2015

Bitwig Studio 1.3 Update Test

Digital Audio Workstation

Es geht voran!

Keine Atempause bei der plattformübergreifenden DAW Bitwig: Zwar lassen die Programmierer die erste Stelle der Versionsnummer unangetastet, aber der Nachkommazähler springt auf die Zahl Drei und bringt uns eine komplett runderneuerte Multitouch- und Pen-Unterstützung.

Ohnehin hat sich über die drei Nachkommastellen seit unserem letzten Test eine ganze Menge getan, weshalb wir die aktuelle Version erneut in den Prüfstand gebeten haben.

Details

Konzept

Bitwig Studio ist eine plattformübergreifende (Windows, OS X, Linux) Musikproduktions- und -performance-Software. Audio- und MIDI-Daten können dabei gleichberechtigt in der klassischen Arrangement-Ansicht wie auch im performanceorienterten Clip-Modus bearbeitet und arrangiert werden, wie man ihn beispielsweise von Ableton Live oder FL Studio kennt. Bitwig Studio versteht sich als All-In-One-Lösung, weshalb es mit einer kompletten Basis-Ausstattung von fünfzig Plug-Ins ausgestattet ist, darunter Klangerzeuger genauso wie Dynamik- und Filter-Tools und allerlei Hilfs-, Effekt- und Modulationszubehör. Wem das nicht reichen sollte, der greift auf VST-Plug-Ins zurück, die Bitwig Studio mit 32- und 64-Bit Wortbreite einbindet. Einige der wichtigsten Eckpunkte der Software sind:

  • Integriertes GUI – Bitwig Studio bietet – neben einer Tab-orientierten Benutzeroberfläche – die Möglichkeit, Clip- und Arrangement-Ansicht auch parallel geöffnet zu halten und darin zu arbeiten.
  • Plug-In-Sandbox – Plug-Ins sollen in einem abgesicherten Speicherbereich ausgeführt werden, sodass der Absturz eines einzelnen Plug-Ins nicht die Stabilität der gesamten Software gefährdet.
  • Vereinheitlichtes Modulationssystem – Modulatoren können auf alle internen Ziele (auch Plug-Ins) adressiert werden und das auch mehrfach und mit unterschiedlichen Stärken. Zudem stehen Macro-Controls zur mehrfachen Steuerung gruppierter Plug-Ins bereit.
  • Projekte in Tabs öffnen – Bitwig bietet die Funktion, mehrere Projekte gleichzeitig zu öffnen und Bestandteile via Drag’n’Drop zu verschieben. 
  • Offenes Controller API – Dieses soll es ermöglichen, dass Hersteller und Endkunden ihre eigenen, optimal für die Interaktion mit Bitwig Studio angepassten Mappings erstellen.
  • Spurebenen – Sowohl Audio- als auch MIDI-Spuren können mehrere Ebenen besitzen. Auch spurübergreifende Editiervorgänge sind möglich.
  • Weitergehende Programmfunktionen – Darunter befinden sich etwa proprietäres Timestretching, Unterstützung von bis zu drei Monitoren, Noten- und Audio-Expressions Editierung, Automatisches Sample-Slicing, Spur- und Clipautomation Modi für absolute oder relative Automations-/Modulationssteuerung, Direktunterstützung verschiedener Controller und eine Vielzahl von Importformaten (WAV, AIFF, MP3, AAC, WMA, FLAC, Ogg Vorbis).

Ich empfehle euch, falls ihr mit Bitwig noch nicht vertraut seid, den Volltest der Version 1.0 zu lesen, den ihr hier findet, da ich mich im Folgenden nur mit den Features beschäftigen werde, die über die letzten drei Updates hinzugekommen sind. Arbeiten wir uns in der Betrachtung der aktuellen Version 1.3 also zunächst einmal durch die chronologischen Zwischenschritte:

Bitwig Studio 1.1 

Diese Versionsnummer stand maßgeblich im Zeichen der Erweiterung der Routing-Möglichkeiten von MIDI-Noten und Audio. Dafür dienen vornehmlich das Audio- und das Note-Receiver-Plug-In, die in dieser Version Einzug gehalten haben. Weitaus flexibler und damit eigentlich immer die bessere Wahl ist das Note Mod Device. Denn neben Noteninformationen empfängt es unter anderem auch Anschlagsdynamik-, Panning- und Timbre-Daten des gewählten Kanals und kann diesen noch eine Hüllkurve überstülpen und die gewonnenen Daten glätten.

Ebenfalls eine Bereicherung: Der verbesserte Multi-Out von VST-Instrumenten, durch den nun jeder einzelne Kanal mit einer separaten Effektkette behandelt werden kann.

Kein Geringerer als der ewige Genregrenzen-Abschreiter und Counterpart von Jamie Lidell bei Super Collider, Christian Vogel, steuerte zur 1.1er-Version ist auch ein Artist-Pack bei, bei dem besonders seine vorproduzierten Clips (inklusive Instrumente und Patching) ein sehr gutes Anschauungsmaterial für die Möglichkeiten von Bitwig sind.

Bitwig Studio 1.2

Vielleicht das wichtigste Feature der Version 1.2 sind die Group-Tracks, die auch genau das machen, was ihr Name sagt: Einzelspuren zu Gruppen zusammenfassen. Und das geschieht sehr einfach und komfortabel, denn zum Erstellen einer Gruppenspur markiert man einfach die gewünschten Einzelspuren und befiehlt ihnen mit einem Mausklick, sich zu einer Gruppe zusammen zu finden. Die Gruppierung erfolgt dabei nicht nur optisch im Arrangement View, sondern auch auf der Clip- und Mixer-Ebene, wodurch sich Effekte und Automationen auf die ganze Gruppe anwenden lassen. Gruppen sind bei Bedarf unendlich kaskadierbar. Noch cleverer wird die Sache durch den Umstand, dass der Gruppen-Track sowohl im Arrangement als auch im Clip-View eine miniaturisierte Darstellung sämtlicher Inhalte liefert. Dieser so genannte Meta-Clip kann mit sämtlichen Inhalten (Spuren, Instrumente, Plug-Ins) in die Library gezogen werden und steht dort auf Abruf bereit. Zusammen mit dem bereits in der ersten Version von mir hochgelobten Tab-System, bei dem mehrere Arrangements gleichzeitig geöffnet halten und zwischen denen man Daten einfach via Drag'n'Drop verschieben kann, macht das Bitwig zu einer ungemein flexiblen DAW, wenn es um effektiven Workflow und Remixing geht.

Nicht minder nützlich: Das neu hinzugekommene Mapping-Fenster, aus dem heraus sich jeder Parameter der DAW adressieren lässt, der Kontext-Browser und der Taster zum Vorhören von Sounds und Samples. Besonders wenn es um das Verketten von Plug-Ins geht, was ohnehin eine der wirklich basalen Stärken von Bitwig ist, erweist sich der Kontext-Browser als ausgesprochen hilfreich. Durch ihn entfällt der Mausweg an den Bildschirmrand und man kann weitere Plug-Ins direkt am Ort des Geschehens auswählen. Zusätzlich gibt es auch noch ein optisches und praktisches Schmankerl: Sämtliche Dynamik-Plug-Ins wurden nämlich mit einer dynamischen Pegelanzeige ausgestattet, wodurch das Regelverhaltens im zeitlichen Verlauf viel besser kontrollierbar ist.

Bitwig Studio 1.3

Nun aber Vorhang auf für die brandneue 1.3er Version und ihre Neuerungen! Ein besonderer Fokus liegt hier ganz klar auf einer weiteren Verbesserung der Benutzbarkeit auf Tablet-PCs inklusive der Interaktion über Touchscreen- und Stylus-Eingabe. Allen voran ist hier das neue Radial Menü-Konzept zu nennen. Hierbei handelt es sich um eine ergonomische Gestensteuerung, bei der abhängig von der Bewegungsrichtung des Fingers, verschiedene, kontextbezogene Funktionen wie Zeichnen, Löschen, Bewegen, Kopieren, Kürzen oder Auswählen ausgeführt werden. Und das mit nur einem, in einigen Fällen mit zwei Fingern. Hier zunächst einmal die ausführbaren Kommandos in der Übersicht:

Mit der neuen Gestensteuerung geht die erweiterte Unterstützung von Multitouch-Funktionen einher, die nun nur noch durch die Möglichkeiten des Endgeräts limitiert sind. Ich konnte auf meinem Testgerät Microsoft Surface Pro 2 alle zehn Finger zum Einsatz bringen. Allerdings sind hier die motorischen Grenzen beim Anwender schnell überschritten. In der Realität dürfte wohl die Arbeit mit zwei Fingern die Regel sein.

Mehr Finger dürften beim Bespielen des virtuellen Touch Keyboard zum Einsatz kommen, das nach dem Drücken ermöglicht, Noten polyphon in den X/Y-Achsen zu "ziehen". Verwendet man den Microsoft Stylus in Verbindung mit dem Surface (dann allerdings natürlich nur monofon), wird sogar die Andruckstärke als Parameter entgegengenommen und kann zur Steuerung von Klangerzeugern genutzt werden.

Und dann wäre da noch ein neuer Klangerzeuger: Nein, kein Physical-Modeling-Piano, auch kein virtuell-analoger Synthesizer und kein Granularsynthesizer, sondern ein (Trommelwirbel) Cowbell-Modul. Das klingt zunächst einmal lustig, der dahinter stehende Synthesizer ist allerdings gar nicht mal so uninteressant. Zur Generierung synthetischer Kuhglocken stehen hier zwei Oszillatoren zur Verfügung, die gegeneinander verstimmt und zusätzlich noch der Behandlung durch ein Dualmode-Filter, einen Ringmodulator und eine einfache Hüllkurve zugeführt werden können. Es lassen sich damit also bei weitem nicht nur Perkussionssounds bauen, sondern auch tonal spielbare Synthesizerklänge, wie die folgenden Beispiele zeigen.

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