Test
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13.09.2017

Praxis

Kinnlade…

Schon kurz nach den ersten Versuchen mit dem Amtec Audio Model 852 klappt mir die sprichwörtliche Kinnlade nach unten. Es beschleicht mich schnell der Verdacht, dass es sich hier um einen der besten Kompressoren handelt, mit dem ich je gearbeitet habe. Ich muss an dieser Stelle vielleicht anfügen, dass ich als Besitzer eines Amtec 099 dem Hersteller überdurchschnittlich gewogen bin. Aber der 852 bestätigt mich nicht in dieser Kaufentscheidung, er lässt mich eher fragen, ob ich sie revidieren sollte – um den 099 gegen einen 852 austauschen …

Was macht den Amtec denn nun so toll? Zunächst mal: Es handelt sich um ein Gerät, das einfach unglaublich vielseitig ist und zwar in einer sehr kohärenten Weise. Es speist sein Spektrum nicht aus einer Tonne Bedienelemente und Optionen, sondern aus einem Standardset mit tollen Wertebereichen und einem super schönen Grundsound, der sich mit ebenjenen gut weil wirkungsvoll modellieren lässt. Fangen wir mit der Bassline an: Hier geht buchstäblich alles. Punch auf den Attacks, wirkungsvolle Dynamikreduktion, ohne dass es plattgebügelt klingt, auf Wunsch etwas Distortion-Schmutz auf den Attacks, donnerndes Low End dank Sidechain-Filter.  

Weiter mit dem Drumroom. Selten habe ich einen Röhrenkompressor gehört, der so gemütsruhig auch heftige Pegelreduktion wegsteckt. Meist fangen die Teile irgendwann an zu flattern, laufen irgendwie aus dem Ruder. Aber der 852 liefert all die Autorität und Stabilität eines 1176 und reichert diese mit seinem eigenen Röhrentouch an. Die plattgedrückte Raumwurst spuckt er mit Leichtigkeit aus, und etwas Attack-„Pop“ lässt sich super fein hinzudosieren, bis einem die Transienten um die Ohren fliegen. Der Lag-Modus schaltet dann den Turbo-Boost ein, auch elektronisches Loopdesign macht auf diese Weise Spaß. Und das alles mit dem minimalen Schaltungsaufwand der sich im Gehäuse findet.

Die Gitarre schließlich zeigt den mühelosen Squeeze des 852. Ein Blick auf die Wellenform beweist die grandiose Verdichtung, die hier möglich ist. Es ginge noch mehr als in diesem Beispiel, ich habe nur irgendwann aufgehört das Gerät weiter zu pushen, weil mehr schlichtweg nicht erforderlich gewesen wäre.

Kommen wir schließlich zu den Vocals, wahrscheinlich die Paradedisziplin des Amtec. Kinnlade. Fußboden. Festgenagelt. Und genau das ist auch die große Qualität des 852: Mühelos bedient er die gesamte Bandbreite von sanftestem Streicheln des Audiomaterials bis hin zu einer enormen Wucht, die das Audiomaterial ganz vorne im Mix festnagelt und den Durchschnittspegel des Signals ganz oben am Meter. Und das, wenn man es drauf anlegt, ohne dass es allzu krass verdichtet klingt – wobei auch eine sprichwörtlich „effektive“ Kompression bei entsprechenden Einstellungen möglich ist. Auf den Vocals zeigt sich auch der wunderschön warme Charakter der Verzerrung im Line-Amp-Modus. Butterweich lassen sich die Trioden-Sättigungsprodukte dosieren, die fast ausschließlich aus K2 zu bestehen scheinen. Das „singt“ auch bei heftigem Klirr in einer so schönen Art und Weise, dass man kaum genug bekommen kann.

Damit liefert der Amtec eine klangliche Wandlungsfähigkeit die ungewöhnlich für solch ein Vintage-Röhrendesign ist und er überzeugt mit einer Laufruhe auch in Extremsituationen, die seinesgleichen sucht. Auch gegen seine Konkurrenz von Retro Instruments und Konsorten kann er mehr als bestehen. Mir erscheint, der Amtec klingt – wenn man es denn wünscht – am natürlichsten und vollsten, im Normalbetrieb ohne krasse Färbungen, die das Signal dumpf und warm oder hell und dünn machen: Es bleibt stets genau richtig. Und wenn man die Soundformung von der Leine lassen möchte, dann geht das auf Wunsch trotzdem, und zwar punktgenau und klassisch mit den Audiostufen oder aber auch experimenteller mit der Sidechain-Distortion.

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