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28.06.2021

Alles über Headless-Bässe

Was du über E-Bässe ohne Kopfplatte wissen musst

Headless vs. Headstock Bass

Denkt man an Headless-Bässe, so assoziieren die meisten zunächst sicherlich die 1980er-Jahre. Mitte der 90er schienen Bässe ohne Kopfplatte dann fast wieder von der Bildfläche verschwunden zu sein. Manch einer konnte sich gar nicht mehr vorstellen, warum er jemals so ein Instrument unbedingt besitzen wollte. Aber wie wir aus der Schule wissen, wiederholt sich Geschichte immer wieder. Im Moment erleben Headless-Bässe tatsächlich einen "zweiten Frühling", und der Markt hält wieder ein breites Angebot für Fans von kopflosen Instrumenten bereit. Höchste Zeit also, diesen Trend einmal näher zu betrachten und sowohl die Geschichte der Headless-Bässe wie auch konstruktionelle, ästhetische und klangliche Aspekte genauer unter die Lupe zu nehmen!

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Headless-Bässe: Geschichte / History

Sicherlich gab es vereinzelt schon vor den späten 1970er-Jahren den einen oder anderen experimentellen Bassbauer, der bei seinen Instrumenten die Kopfplatte wegließ. Derjenige aber, der den großen Durchbruch der Headless-Bässe ermöglichte, war der gelernte Möbel-Designer Ned Steinberger. Ned teilte sich ab Mitte der 1970er-Jahre ein New Yorker Atelier mit dem Edelbass-Pionier Stuart Spector - womit die Weichen in Richtung Bassbau gestellt waren!

1979 erschien Steinbergers erstes Bassmodell, der L2, welches gleich in mehrfacher Hinsicht revolutionär war: Im Vergleich zu herkömmlichen Bass-Designs fehlte bei dem Instrument nicht nur die Kopfplatte; anstelle des üblicherweise bauchig-ausladenden Bodies besaß der Steinberger-Bass lediglich einen konischen rechteckigen Korpus. Zudem bestand der Korpus nicht mehr aus Holz, sondern aus einem Verbund zwischen Grafit und Kohlefaser. Kurze Zeit später folgte noch ein weiteres Modell mit einem eher traditionellen Korpus-Design.

Der zweite im Bunde war der Engländer Rob Green mit seiner Marke Status, welche sogar zu einer Art Synonym für Headless-Bässe avancierte. Rob Greens Erfolg war eng mit der Basslegende Mark King und dem wachsenden Erfolg seiner Band Level 42 verbunden: Heerscharen von Mark-King-Fans machten es dem Meister in dieser Zeit nach, schnallten sich ihre Headless-Bässe fast bis unter das Kinn und slappten, was der Daumen hergab!

Mit wachsendem Erfolg der Headless-Instrumentengattung sah man zunehmend verschiedene Derivate beliebter Headless-Modellen. Die deutsche Firma Hohner brachte preiswerte Nachbauten der Steinberger-Bässe auf den Markt, während sich die Company Washburn eher dem Thema "Status" verschrieb.

Aber auch viele der damaligen Edelbass-Schmieden hatten eines oder mehrere Headless-Modelle im Angebot. In Deutschland sind hierbei vor allem die Firmen Schack und LeFay zu nennen. Wie bereits erwähnt, war Anfang bis Mitte der 90er-Jahre der Siegeszug der Headless-Bässe wieder vorbei, und viele Hersteller verabschiedeten sich von dem Thema. Allerdings auch nicht alle, denn Status zum Beispiel hielt und hält bis heute an seinem Markenzeichen fest.

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Headless-Bässe - Marktangebot heute

Vor wenigen Jahren begannen vereinzelt Hersteller wieder damit, das Thema "Headless Bass" in den Vordergrund zu rücken. Namen wie Status, Steinberger (heute Steinberger Guitars by Gibson), LeFay etc. hatten zwar immer Bässe ohne Kopfplatte im Programm. Aufgrund der wieder gestiegenen Nachfrage kamen jetzt aber zusätzlich Namen wie die schwedische Company Strandberg und renommierte "Big Player" der Szene ins Spiel, wie z. B. Ibanez.

Auch kleinere Manufakturen wie Fodera oder der deutsche Bassbauer Franz Bassguitars greifen seitdem das Thema auf. Xaver Tremel, der Mann hinter Franz Bassguitars, war kürzlich mit seinem neuen Merak Headless 5 Saiter bei mir zu Besuch und es gab ausreichend Gelegenheit, über das Thema "Kopflosigkeit" zu plaudern und natürlich auch seine Kreation auf Herz und Nieren zu prüfen.

Hier seht ihr einige aktuelle Headless-Bässe im Angebot des Musikhaus Thomann:

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Headless-Bässe - Ästhetik

Beginnen wir gleich mit dem Elefanten im Raum: der Ästhetik! Headless-Bässe besitzen definitiv das Potenzial zum Polarisieren. Ich kenne eigentlich niemanden, der Instrumente ohne Kopfplatte "ganz nett" findet. Entweder liebt man sie, oder man kann rein gar nichts mit ihnen anfangen! Die Prägung durch klassische Designs wie den Precision Bass oder den Jazz Bass sind durch die Musikgeschichte derart stark, dass andere Konzepte sich nicht selten schwertun, am Markt einen vergleichbaren Anklang zu finden - auch, wenn sie diesen eigentlich verdient hätten!

Dies zeigt sich vor allem in der Art, auf welche Art der Bass "geköpft" wurde: Bei Steinberger und Status ist der Schnitt "clean", als wäre der Headstock einfach abgesägt worden. Die Saiten werden "oben" mit Schrauben festgeklemmt oder eingehakt (letzteres macht die Verwendung von speziellen Strings erforderlich, den sog. "Double Ball End"-Saiten). Gestimmt werden Headless-Bässe an der Brücke über spezielle Dreh-Vorrichtungen.

Bei anderen Headless-Konstruktionen finden sich aber auch noch mehr oder weniger große Ansätze einer "Stummel"-Kopfplatte - nicht zuletzt, weil sich an der "Cut Off"-Optik vielfach die Geister der Kundschaft scheiden!

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Headless-Bässe - Handling

Die Vorteile eines Headless-Basses liegen auf der Hand - beziehungsweise fallen direkt ins Auge. Logischerweise spart man eine Menge Gewicht und natürlich auch ein paar Zentimeter bei der Länge des Instrumentes. Bei unseren beiden Bässen aus dem Hause Franz Bassguitars sind dies sogar stolze 15 cm!

Dadurch passt der Merak in ein Standard-Gitarren-Gigbag, was den Transport z. B. im Flugzeug, Bus, Bahn, oder im Kleinwagen erheblich vereinfacht. Ferner schont das geringere Gewicht den Rücken bei längeren Proben oder Gigs.

Sicher kennt auch jeder von uns die unangenehme Situation, wenn man mit der Kopfplatte des geliebten Instrumentes irgendwo gegendonnert. Sei es beim Laufen durch Türen, beim Umhängen des Basses in Proberäumen mit niedrigen Decken oder bei beengten räumlichen Verhältnissen auf kleinen Bühnen. Auch hier haben Headless-Bässe zweifellos die Nase vorn!

Ein immer wieder genannter Kritikpunkt an klassischen Konstruktionen wie dem Precision oder Jazz Bass ist die Kopflastigkeit. Dank der Kopfplatte und der darauf befestigten Stimmmechaniken zieht ein traditioneller Bass zuweilen schon recht unangenehm an der Schulter, was gerade bei längeren Proben und Gigs unangenehm werden kann.

Doch wo keine Kopfplatte ist, da gibt es logischerweise auch keine schweren Stimmmechaniken, und folglich kein Ziehen an der Schulter. Durch das "Übergewicht" des Bodies im Vergleich zum Hals hängt sich ein Headless zudem automatisch in eine angenehme Schräglage vor den eigenen Bauch. Wie in Sachen Transport kann also auch hier der Headless-Bass punkten!

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Headless-Bässe - Sound

Die große Frage lautet: Klingen Headless-Bässe anders als Bässe mit Kopfplatte? Alle Bassbauer, die ich zu diesem Thema interviewt habe, sagten mir im Prinzip das Gleiche: Aspekte wie die Auswahl der Klanghölzer, die Konstruktion des Halses, die Tonabnehmer und Elektronik etc. spielen eine deutlich größere Rolle beim Klang als das Weglassen der Kopfplatte. In einem Blindtest würde man sicherlich keinen Unterschied hören - erst recht nicht, wenn der Bass in den Mix einer kompletten Band eingebettet ist.

Ohnehin ist dieser Vergleich fast unmöglich zu bewerkstelligen, denn man müsste in Wahrheit denselben Bass mit und ohne Kopfplatte zur Verfügung haben. Dies bedeutet gleichzeitig, dass bei der Entscheidung für einen Headless andere Aspekte wie Ästhetik, Ergonomie und praktischer Nutzen im Vordergrund stehen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber noch das Thema "Deadspots": Diese gefürchteten "toten Punkte" auf dem Griffbrett zeichnen sich durch ein ungewohnt schnelles Abschwingen der angeschlagenen Saite auf einem oder mehreren Bünden aus. Die Gründe für diese unschöne Eigenart vieler Saiteninstrumente liegen nicht selten bei der Kopfplatte, da diese im Zusammenspiel mit dem restlichen Hals gegenläufige Schwingungen hervorbringt. Da liegt es auf der Hand, dass man durch ein Weglassen der Kopfplatte das Deadspot-Problem wesentlich besser in den Griff bekommen kann!

Im Zuge eines Videodrehs für Franz Bassguitars habe ich den Basis-Track mit beiden Bässen aufgenommen. Zwar unterscheiden sich auch die Pickup-Konfiguration und die Elektronik der beiden voneinander, aber ich habe versucht, sie möglichst fair zu vergleichen. Mein Bass verfügt lediglich über eine passive Elektronik, also betrieb ich den kopflosen Merak ebenfalls nur im Passiv-Modus. Sicher bemerkt man hier klangliche Unterschiede, die Frage ist aber, ob man hier tatsächlich die Kopfplatte bzw. deren Fehlen hört, oder eher Pickups, Hölzer etc. Viel Spaß beim Tüfteln und Raten!

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Fazit

"Totgesagte leben länger" heißt ein schönes Sprichwort! Nach ihrem Triumphzug in den 1980er-Jahren waren kopflose E-Bässe in den 90ern und 2000er-Jahren quasi vom Erdboden verschwunden. Seit einigen Jahren erlebt dieser Instrumententyp allerdings eine deutliche Wiedergeburt - wobei sich vor allem Musiker härterer Musikstile durch viel Offenheit hervortun und diesem Trend Wind unter die Segel pusten. Traditionell geprägte BassistInnen schrecken hingegen nach wie vor vor der etwas außergewöhnlichen Optik der Headless-Bässe zurück.

Die klanglichen Unterschiede zwischen Instrumenten mit und ohne Headstock sind sicher zu vernachlässigen. Die Andersartigkeit ist stattdessen eher im allgemeinen Handling zu verorten: Mit einem kürzeren Bass stößt man seltener an niedrige Decken, seine Mitmusiker etc., und auch der Transport im Flieger, Bus und Bahn etc. wird spürbar erleichtert. Und: Auch beim Thema "Deadspots" haben viele Headless-Bässe konstruktionsbedingt mitunter die Nase vorn, weil sich keine Kopfplatten-Eigenschwingungen mit dem restlichen Instrument in die Quere kommen können.

Top oder Flop? Eure Meinung interessiert uns: Schreibt uns gerne in die Kommentare, wie ihr zum Thema "Headless-Bässe" steht!

Bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt

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