Software
Feature
10
30.09.2021

5 Tracks: Extreme Vocal Effects

Mehr als nur Auto-Tune und Vocoder: Kreative Zerstörung und Alienstimmen zum Nachmachen!

Die Zeiten, in denen sich über den übertriebenen Einsatz von Auto-Tune oder perfekt geschnittenen Vocals aufgeregt wurde, sind vorbei. Im Gegenteil: Eine wachsende Anzahl von Produktionen setzt bei Vocals inzwischen sogar weit mehr als Vocal-Tuning oder Vocoder-Effekte ein – oft mit kaum wiedererkennbaren Stimmen. Wir präsentieren euch fünf aktuelle Tracks, deren Vocal-Effekte weit über den Einheitsbrei hinausgehen. 

Was Vocals betrifft, ist seit einigen Jahren vor allem in Subkulturen und Nischengenres einiges an kreativer Veränderung zu hören. Der omnipräsente Einsatz von Vocal-Tuning-Effekten wie Auto-Tune macht es teilweise schwer, den Charakter der Stimme durchzuhören. Die einen verzichten dabei ganz bewusst auf die Technologie, suchen das Unperfekte im Lo-Fi und den unbearbeiteten Aufnahmen. 

Die anderen treiben den Einsatz von Effekten hingegen auf die Spitze. Ob Formantenverschiebung, Granularglitzern oder Multiband-Verzerrung – Vocal-Aufnahmen werden oft fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Diese Acts zeigen, wie viel kreatives Potenzial im Sounddesign von Vocal-Aufnahmen steckt. Zu jedem der fünf Tracks gibt es eine kurze Anleitung dazu, wie ihr mit Freeware-Plugins einen ähnlichen Effekt erzeugt.

SOPHIE – Immaterial

Man weiß gar nicht so genau, wo man anfangen soll bei den Produktionen der leider viel zu früh bei einem tragischen Unfall verstorbenen SOPHIE. Ihrem 2018 erschienenem Album „Oil of every Pearls Un-Insides“ gingen bereits Produktionen für Madonna, Vince Staples und Charlie XCX voraus. Was SOPHIE auf ihrem Album an Sounds, Brutalität und Verletzlichkeit untergebracht hat, war so einzigartig, dass einfach ALLE mit ihr kollaborieren wollten.

Angefangen bei der durch Vocal-Plugins wie Soundtoys Little Alterboy erzeugten Formantenverschiebung, wodurch der Gesang von SOPHIE noch mehr ihrer Identität entsprach, über Tuning-Effekte und Vocal-Sampling auf dem Track „Immaterial“, der noch mehr nach Pop klingt, bis hin zum Monster-Vocal-Effekt bei „Whole New World/Pretend World“, bei dem die Stimme klingt, wie durch ein Dubstep-Wavetable gejagt: SOPHIE war ein Produktionsgenie. Der Monstereffekt, durch den die Stimme kaum noch verständlich, alienhaft und fast bedrohlich wirkt, wurde durch eine Mischung aus Vocoder und Pitch-Down-Effekt sowie durch sehr viel Verzerrung erreicht. 

„Immaterial“-Vocal-Effekt selbst erzeugen 

Um Gesang höher zu stimmen, ohne dass er nach Mickey Mouse oder Chipmunk klingt, braucht es entweder einen Tuning-Effekt wie den erwähnten Little Alterboy oder den Timestretching-Algorithmus eurer DAW. Mit dem erwähnten Effekt könnt ihr die Tonhöhe einer Audioaufnahme verändern, den Formanten auf Wunsch aber auch separat verschieben 

Für die DAW-interne Lösung probiert ihr am besten alle Algorithmen durch, sobald ihr die Tonhöhe des Audioclips verändert habt. In Ableton Live beispielsweise kommt man mit dem Warp-Algorithmus „Complex Pro“ bei Tonhöhenveränderung dem Effekt, den SOPHIE nutzte, ziemlich nahe.  

Ähnliche Acts: AG Cook, QT, Dorian Electra

FKA Twigs – Mary Magdalene

Seit fast zehn Jahren ist Tahliah Debrett Barnett alias FKA Twigs als Künstlerin unterwegs. Und schon bei ihrer ersten EP zeigte sie, dass hier jemand am Werk ist, der weit mehr mit seiner Stimme anstellt, als einfaches Auto-Tune. Ähnlich wie James Blake setzt FKA Twigs ihre Stimme auf ihren Produktionen nicht nur für die Leadstimme ein. Auch einzelne Loops oder ganze Melodien nimmt sie auf und jagt sie durch ellenlange Effektketten. Ob Granular-Flattern, Pitch-Effekt oder Verzerrung kleinster Vocal-Chops: Hier ist eine wahre Sounddesignmeisterin am Werk. 

Im ausgewählten Titeltrack ihres zweiten, 2019 erschienenen Albums „Mary Magdelene“ hat FKA Twigs ein Layering gewählt, dass gleichzeitig Desorientierung und Nahbarkeit erzeugt. In der Mitte des Panoramas ist ihre Stimme sehr direkt, sehr nah, sehr verletzlich zu hören. Links erklingt dann etwas dumpfer eine leicht stolpernd gesungene Harmonie. Und rechts dazu eine Version, die durch einen Vocoder gejagt und ebenfalls gefiltert wird. 

„Mary Magdalene“-Effekt selbst erzeugen

 

Zum Nachmachen des Effektes braucht ihr eine kurze Gesangsaufnahme. Deren Spur dupliziert ihr zweimal, sodass ihr insgesamt drei Spuren habt. Dann verändert ihr das Panorama der zweiten Spur auf ganz links und pitcht den Audioclip fünf oder sieben Halbtöne höher, je nachdem, wie er zur Hauptmelodie passt. Dann legt ihr einen EQ oder ein Filter auf die Spur und filtert mit einem High-Cut-Band oder Low-Pass-Filter die Höhen soweit, dass die Spur deutlich dumpfer klingt, als die Hauptspur. 

Auf die dritte Spur kommt als Erstes ein Vocoder. Dazu dreht ihr das Panorama auf ganz rechts. Wir haben den kostenlosen „ TAL-Vocoder“ genutzt. Stellt diesen so ein wie auf dem Bild. Dann braucht es noch eine zweite Spur mit MIDI-Noten, am besten Akkorde. Diese routet ihr zum Vocoder. In jeder DAW funktioniert das anders. In Ableton Live routet man den Ausgang der MIDI-Spur auf die Audiospur, auf der der Vocoder liegt. Zum Abschluss legt ihr hinter den Vocoder wie bei der Spur links noch einen EQ oder ein Filter und filtert die Höhen. 

Ähnliche Acts: James Blake, Arca, Anohni

100 Gecs – Ringtone

Man könnte 100 Gecs zu gewollten Dilettantismus vorwerfen, denn hier soll es schlecht und trashig klingen. Man könnte Tracks wie „Money Machine“ oder „hand crushed by a mallet“ als rein ironische Kommentare zum Status der kommerziellen Musikwelt betrachten. Und man war damit nicht ganz im Unrecht. Was Dylan Brady und Laura Les da seit 2015 zusammen produzieren, hat allerdings um einiges mehr an Tiefe und Produktionsraffinesse vorzuweisen, als dass man es einfach nur als Witz betrachten könnte. Nicht zuletzt die Vocal-Effekte auf Lauras Stimme sind mehr als eine sarkastisch übertriebene Auto-Tune-Party. 

Zum einen pitcht Laura ihre Stimme nach oben, was sie viel zerbrechlicher und sanfter klingen lässt. Hört man ihre rauchige, tiefe Stimme in Interviews, wird erst so richtig deutlich, wie stark der Effekt den Charakter ihrer Singstimme verändert. Zum anderen erzeugt die Mischung aus deutlich hörbarem Auto-Tune und Verzerrung bei Tracks wie „Ringtone“ fast schon ein Gitarrensolo. Sauber gestimmte Töne, die durch mehrere Verzerr-Plugins laufen – das ist nicht weit weg vom Signalweg einer E-Gitarre. Und wer hätte gedacht, dass Nightcore mal im Mainstream ankommt. 

„Ringtone“-Vocal-Effekt selbst erzeugen

Den „Gitarrensolo“-Effekt bekommt ihr durch die Kombination aus Hoch-Pitchen, Tune-Effekt und Verzerrung. Diese mischt ihr aber am besten nur als Paralleleffekt, also in einer duplizierten Spur per Dry/Wet, dazu. Andernfalls leidet die Sprachverständlichkeit erheblich. Die Tonhöhe verändern könnt ihr in jeder heutigen DAW von Haus aus, auch die mit gelieferten Verzerrungseffekte reichen vollkommen aus. Es „soll“ ja trashig klingen. 

Für den Tuning-Effekt reicht „MAutoPitch“ aus dem kostenlosen MFreeFXBundle von Melda vollkommen aus. Wichtig ist hier vor allem (wie in allen anderen Tuning-Effekten), dass der „Speed“ auf 100% steht. So entsteht das typische Pitch-Eiern. Stellt außerdem, falls bekannt, bei „Scale“ eine andere Tonart ein, als die ursprüngliche. So hat der Effekt mehr zu korrigieren, und das ist deutlicher hörbar. Jetzt kommt es vor allem darauf an, wie ihr die Hauptspur und die Verzerrungseffekte im Lautstärkeverhältnis mischt.  

Ähnliche Acts: 8485, Hannah Diamond

Charli XCX – Shake it

Charli XCX macht das, was manche Future-Pop nennen. Dass sie eng mit SOPHIE befreundet war und die beiden häufig kollaborierten, überrascht da wenig. Die Songs von Charli sind durch und durch Pop, sie dreht aber immer mindestens eine halbe Drehung quietschbunte Glitzermelodien weiter, streut Effekte und Glitch-Samples ein, wo man sie nie erwarten würde. Besonders ausgeprägt war das auf ihrem 2019 erschienenen Album „Charlie“ zu hören. Im Song „Shake it“ klingt Charlis Stimme wie fließendes Wasser.

Auch im weiteren Verlauf des Songs gibt es immer wieder Stellen, wo der Songtext gerade eben noch verständlich ist. Die Effekte sind aber so extrem, dass der Sound mit menschlichem Gesang kaum noch etwas gemein hat. Auch Auto-Tune nutzte Charli ähnlich ausdrucksstark wie beispielsweise Post Malone. In ihren letzten Produktionen setzt sie ihn oft und sehr deutlich als Effekt ein.  

„Shake it“-Vocal-Effekt selbst erzeugen

Um die eigene Stimme derart zu verfremden, ist entweder das Noise-Modul eines Vocoders oder ein Granulareffekt nötig. Wer Ableton Live nutzt, hat es da besonders leicht. Hier legt ihr den Vocoder aus Live als Effekt auf die Spur und stellt den Modus von „Pitch Tracking“ auf „Noise“. Wer lieber einen externen Vocoder als Plugin nutzen möchte, dem sei Vocalsynth 2 von iZotope empfohlen oder als Freeware-Alternative „FBVC“ von Full Bucket. Bei diesem wählt ihr entweder das Preset „Noise Coder“ oder dreht den Regler „In Balance“ auf Noise. 

Alternativ zum Vocodersound können auch ein Granular-Effekt wie der Grain Delay in Ableton Live oder Portal von Output, ein „Regenmacher“, genutzt werden. Als Freeware für alle gibt es dazu noch „++bubbler“ im grandiosen Delay-Bundle von Soundhack. Voraussetzung bei diesen Effekten: eine hohe „Grain Size“, schnelle Grain-Geschwindigkeit (siehe Bild) und komplette Zumischung (100% Wet) 

Ähnliche Acts: Grimes, Danny L Hare, Sky Ferreira

Amnesia Scanner – AS Tearless

Bei den Berlinern „Amnesia Scanner“ wird die Stimme vollends zum eigenen, mit Pitch-, Vocoder, Granular-, Tuning- und Verzerrungseffekten verfremdeten Instrument. Was da durch das Frequenzspektrum fliegt, klingt so fremd, so musikalisch, dass man manchmal kaum weiß, was noch Stimme und was schon Synthesizer oder Sample ist. Beim Song „AS Tearless“ ihres letzten Albums „Tearless“ kommt so ziemlich alles an Effekten zusammen, was wir in den letzten vier Tracks gesammelt haben. Da flattert der Noise-Vocoder und das formantenverschobene Auto-Tune-Vocal zwitschert. 

Und mittendrin klingt der Gesang so roboterhaft, so maschinell – kaum vorstellbar, dass das mal eine echte Stimme war. Auch hier wurde wahrscheinlich wieder mit einer Mischung aus Vocoder und Formantenverschiebung gearbeitet. Ganz wichtig bei einer derart extremen Verarbeitung: Komprimiert die Vocalaufnahme sehr stark, bevor ihr sie mit Effekten verseht. Diese reagieren bei so extremen Einstellungen sonst zu unterschiedlich.

„AS Tearless“-Vocal-Effekt selbst erzeugen

Zum Roboterklang benötigen wir als Erstes ein Werkzeug, das alle Töne auf den gleichen schiebt. Die „Robot“-Einstellung im oft erwähnten Little Alterboy von Soundtoys macht das mit einem Klick. Falls es Freeware sein soll, können auch Tuning-Tools wie MAutopitch von Melda bei niedrigen „Speed“-Werten mit etwas Herumprobieren viele der Töne auf einen schieben (siehe Bild). Vollends nach Maschine klingt das ganze durch einen sogenannten „Ringmod“-Effekt, wonach auch teilweise der Gesang in „Tearless“ klingt. 

Wieder nutzen wir eine Freeware, um den Effekt zu erzeugen. „Gorgon“ von Inear Display hat einen extra „RM”-Regler – diesen einfach weit aufdrehen, dazu eine Prise „FM“ und fertig ist der Roboter! Auch hier kann es, um Sprachverständlichkeit zu wahren, sehr sinnvoll sein, die Spur zu duplizieren und beide zu mischen.  

Ähnliche Acts: Ätna, Fever Ray

Verwandte Artikel

User Kommentare