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20.04.2012
Test

Yamaha 01V96i Test

Digitales Mischpult

Gute Gene?

Das Yamaha 01V96i ist ein grandioser Kandidat für eine besondere Familienassoziation. Niemand mag es verwundern, dass man bei Testberichten neuer Analogpulte Schlagwörter wie “Tradition”, “Familie” und “Stammbaum” zuhauf im Text aufstöbern kann. Wenn aber ein Produkt aus der Reihe der deutlich jüngeren Digitalpulte ebenfalls mit derartigen Vokabeln bedacht wird. lässt das erkennen, dass es auch bei diesem eine verhältnismäßig lange Entwicklung gegeben haben muss. Und dies trifft auf meinen Testling zu.

Das Yamaha 01V96i ähnelt in vielen Belangen noch deutlich dem 1994 erschienenen Urvater, dem ProMix 01 – nur hoffentlich nicht klanglich: Glücklicherweise hat das Signal-Processing eine Evolution durchgemacht wie die von der Amöbe zum Menschen. Und unter uns: Alleine die EQs des ProMix klangen geradezu gruselig. Bezüglich des Klangs – das kann ich schon zur Beruhigung vorwegnehmen – hat sich aber so einiges getan. Was also Yamahas jüngster Spross (da sind sie, diese Begriffe!) insgesamt der Audiowelt zu geben hat, das beweist er am besten, indem er sich zum Vorstellungsgespräch bei bonedo bitten lässt.

DETAILS

Alleine die gesamten relevanten Eigenschaften eines heutigen Digitalpultes abzudecken bedarf eigentlich nicht eines Testberichts, sondern eines Buches. Ich will zwar kein zweites Manual schreiben (denn das gibt es schon, es liegt in ausführlicher, mehrsprachiger und vor allem gedruckter Form dem Paket bei), doch die unvermeidbaren Zahlenkolonnen und Fachtermini, die ein Digitalpult nun einmal umschreiben, werde ich wohl auch in etwas geringerem Umfang als dem des Alten Testaments unterbringen können. Zunächst hat ein digitales Mischpult natürlich Eingänge, denn sonst gäbe es nicht viel zu mischen. 12 XLR-Mikrofoneingänge weist das Pult auf, wahlweise können die korrespondierenden Input-Channels 1-12 auch auf Line (symmetrisch, Klinke) umgestellt werden. Vier Inputs sind fest Klinke/Line. Die analogen ISR-Buchsen befinden sich allesamt vor der A/D-Wandlung, sind also nicht durch das Routing anderweitig erreichbar. Mit einem kleinen Trick können somit die Signale der 12 Mikrofonkanäle aber direkt nach dem 20dB-Pad und dem Gain wieder ausgegeben werden (Kabel nur halb in den ISR stecken!).

Der Stereokanal 15/16 kann alternativ auch das Signal des 2TR-Ins abgreifen, welches wie der entsprechende Ausgang als Cinch-Pärchen rechts oben in der Ecke weilt. Weitere verfügbare Ausgänge sind der Stereo-Out als XLR und das Monitoring, dessen symmetrische Klinken hardgepatcht das identische Signal wie die Headphone-Buchse verschicken. Immerhin sind beide getrennt regelbar. Wer mag, kann mit dem “Monitor/2TR In” den Tape-Eingang direkt auf das Monitoring schalten. Die Rückseite ist weiterhin von den symmetrischen “Omni Out”-Buchsen bewohnt, welche recht frei mit Signalen beschickt werden können. Sonderlich umfangreich ist das nicht, denn schließlich müsste man in analoger Umgebung darüber Aux-Sends für Effekte und Monitoring-Mixes, Recording-Outs oder im Livebetrieb die Versendung von Signalen für das Bühnenmonitoring bewerkstelligen. Glücklicherweise gibt es noch ein wenig mehr: Per elektrischem S/PDIF lassen sich digitale Stereosignale versenden und empfangen, ein TOS-Link-Pärchen ist ebenfalls an Bord. Hier kann digitales Audio im ADAT-Format das 01V96i verlassen oder entern. Wer sich durch die verfügbaren I/Os eingeschränkt fühlt oder das Pult in einem umfangreichen System konfigurieren muss, kann bei den Mini-YGDAI-Karten in die Vollen greifen: Im simpel “Slot” genannten Bereich auf der Rückseite – bei meinem Testobjekt mit einem Abdeckblech versehen – kann man diese Karten im proprietären Yamaha-Format einpflanzen. Zur Verfügung stehen nicht nur Karten mit diversen Analog-I/O-Konfigurationen, sondern auch AES/EBU, TDIF, ADAT, MADI, mLan, HD-SDI und sogar solche von Fremdherstellern. Hauptsächlich dreht es sich dabei um Audio-over-Ethernet-Anwendungen: Aviom A-Net, Ethersound, mLan, Dante, CobraNet, RocketNet… von mangelhafter Auswahl kann man also nicht unbedingt sprechen. Übrigens gibt es eine DSP-Karte von Waves, mit der man auch das 01V96i um Effekte des beliebten Herstellers erweitern kann. Allerdings sollte man sich im Klaren sein, dass nicht alle Karten die doppelte Samplingrate unterstützen, das 01V96i trägt aber die “96” natürlich nicht umsonst in der Produktbezeichnung. Internes Processing erfolgt übrigens sinnvollerweise mit 32 Bit (floating point). Die Signallaufzeit von einem Channel-In zum analogen Ausgang beträgt bei 96 kHz übrigens 0,8 ms, das ist in etwa so lange, wie die Übertragung eines MIDI-Tastendrucks dauert.

Yamaha liefert mittlerweile ein ganzes Softwarearsenal für den Mac oder PC mit, darunter auch eine Cubase AI6-Version. Wer befürchtet, die USB-Buchse auf der Rückseite sei nur dafür ausgelegt, einen Stereostream mit einem Rechner zu tauschen, der irrt: Ganze 16 Kanäle für Recording und für Playback gibt es, dem flexiblen Nutzen des 96i als Audio-Interface mit Mic-Pres (im Studio, aber gerade auch im Livebetrieb!) oder als umfangreicher Zuspieler steht nichts im Wege. Ein lautes “Bravo!” möchte ich auch dafür loswerden, dass die MIDI-Schnittstelle nicht geopfert wurde, sondern als komplettes Trio auf der Rückseite vorhanden ist. Ich kann nicht müde werden zu betonen, dass MIDI auch heute noch Sinn macht, weil es preiswert und leicht zu benutzen ist, viele Geräten diesen Standard implementiert haben und das System einfach äußerst flexibel ist. Und na klar: Die winzigen MIDI-Daten dürfen natürlich auch mit den Audiodaten auf dem USB mitschwimmen. Wer sich jetzt übermäßig darauf freut, dem 01V96i alle Aufgaben im Studio anvertrauen zu können, der sei daran erinnert, dass es bezüglich der Monitoring-Hardware da ja gewisse Einschränkungen gibt. Einen speziellen Talkback-Button (vielleicht sogar samt Mikro) sucht man übrigens ebenfalls ergebnislos.  

Mit 100 Millimetern sind die Fader ausreichend lang, außerdem sind sie wirklich schnell. Doch können sie bei der verwendeten Bauform mit den Plastikkappen nicht erkennen, ob sie gerade angefasst werden oder nicht. Bei dynamischen Automationen wäre das aber sehr von Vorteil, die durchaus verlässlichen und oft verbauten, berührungsempfindlichen Penny&Giles-Fader sind auch gar nicht mal so teuer, die Hardware- und Software-Einbindung sollte ein Kinderspiel sein. Natürlich gibt es beim 01V96i Mehrfachbelegungen, die Funktion der Fader kann über Layer (Ins 1-16, Ins 17-32, Master und Remote) gesteuert werden. Was beim Großmütterchen ProMix 01 ging, geht auch beim (01V96)i-Dötzchen: Auch die Levels der Aux-Sends können mit den Fadern gesteuert werden.

Das Display ist monochrom und beleuchtet, dargestellt wird hier mit Hilfe von Flüssigkristallen. Auch wenn man kein Adlerauge ist, kann man bei normalem Arbeitsabstand die Pixel sehr deutlich ausmachen. Unter diesen Aspekten schrumpft die gefühlte Größe doch etwas zusammen, da Zahlen und die simplen Grafiken nur einen begrenzten Informationsgehalt pro Fläche zulassen – und nach dem Jahr 2012 sieht das wirklich nicht aus. Immerhin scheint man in dem Werk, das früher die Displays für den Game-Boy hergestellt hat, nun auch größere Bildschirme bauen zu können. Ups, klang das nach Kritik? Ok, erwischt: Das war Kritik.

Vorteilhaft bei digitalen Mischpulten ist vor allem, dass ein flexibles Routing ohne komplexe Hardware gestaltet werden kann. So ist es kein Wunder, dass auch das 96i hier auftrumpfen kann. Das Blockschaltbild weist acht Busse aus, zudem finden sich dort der Stereo-Bus, der stereofähige Solo-Bus (also AFL-geeignet) und acht Aux-Busse. Doch digitales Mixing ermöglicht noch viel mehr, darunter die umfangreiche Nutzung von Effekten. So kommt der dunkle Mischer nicht nur mit EQs, sondern mit einer Vielzahl an Dynamik-Effekten, Reverb und Delay.

Und ihr wisst ja: “Laite on liitettäv suojamaadoituskoskettimilla vaustettuun pistorasiaan”! So steht es zumindest auf der Rückseite des 96i. Und sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!

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