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Besser Mixen – Bass-Recording

Tommy Newton im Interview: 5 Tipps zum Thema „Bass Recording“ im Homestudio

Serie: Top-Producer helfen mit Ratschlägen

Der Musikproduzent Tommy Newton (Helloween, Gamma Ray, Phillip Boa, U.F.O.) erblickte 1957 in Stuttgart als Sohn einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters das Licht der Welt. Nach einer Zeit bei der Band Sphinx zog er 1981 nach Hannover, wo er Mitglied der Gruppe Fargo wurde. 1983 gründete er zusammen mit dem Fargo-Bassisten Peter Knorn die international erfolgreiche Band Victory, als deren Gitarrist und Produzent er jahrelang um die Welt tourte.

Zu den ersten Acts, für die Tommy Newton als Produzent tätig war, gehörten Bands wie Steeler oder Ayers Rock. Der große Durchbruch gelang ihm 1987 mit dem Helloween-Album „Keeper of the Seven Keys Part 1“: Der Rock-Meilenstein verkaufte sich weltweit mehr als 1,5 Mio. Mal! Ein Jahr darauf folgte „Keeper of the Seven Keys Part 2“, welches den Erfolg des ersten Albums mit 1,8 Mio. verkauften Exemplaren noch übertreffen sollte. 1990 entschloss sich Tommy aufgrund verschiedener Anfragen, in den USA zu arbeiten.

Nach seiner Rückkehr nach Europa im Jahr 1993 eröffnete er sein „Stairway to Heaven“-Studio in Hannover. Da die alten Räumlichkeiten schon bald nicht mehr ausreichten, zog Newton 1997 nach Celle in ein neues Studio um, wo er das legendäre „Area51 Recording Studio“ gründete. Tommy Newton arbeitete unter anderem mit Gruppen wie U.F.O, Guano Apes, Kreator, Phillip Boa, Gamma Ray oder Kamelot und erhielt für seine Produktionen im Laufe der Jahre zahlreiche Auszeichnungen, darunter Goldene Schallplatten, Golden Reel Awards sowie unterschiedlichste Nominierungen.

Hallo Tommy! Klasse, dass wir uns mit dir für bonedo unterhalten können. Was sind für dich Alben aus der Pop/Rock-History, deren Produktion du als absolut bahnbrechend und wegweisend empfindest?

Oh, da gibt es einige: „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd zum Beispiel, „The Minstrel in the Gallery“ von Jethro Tull, „Back in Black“ von AC/DC, sowie einige Alben vom Alan Parsons Project und fast alles von Korn. Absolute Meilensteine sind für mich auch das „Black“-Album von Metallica – oder diejenigen Alben von Def Leppard, die Matt Lange gemacht hat. Außerdem bin ich ein sehr großer Fan von Randy Staub, der ja unter anderem mit Nickelback gearbeitet hat.

Gibt es eigentlich so etwas wie den „Tommy Newton-Sound“ – und wenn ja: was genau macht diesen Sound aus?

Vielleicht eher eine Art „Tommy Newton-Konzept“: Dazu gehört, dass bei mir keine Band wie die andere klingt. Jede Band muss anders klingen und bekommt von mir ein eigenes „Soundkleid“. Daher arbeite ich auch nicht mit Templates. Die einzige Konstante – wenn man das so sagen möchte – ist, dass bei jeder meiner Produktionen an irgendeiner markanten Stelle ein sehr sattes Vocal-Echo vorkommt. Ich nehme mir das nicht vor, es passiert einfach. Die Stelle schreit mich förmlich an: „Hier muss ein Echo drauf!“ Außerdem ist es mir sehr wichtig, dass die Band tatsächlich nach einer Band klingt – und nicht nach einem Projekt.

Gab es denn im Laufe deiner Karriere schon mal Bands, bei denen du deine herkömmliche Herangehensweise überdenken musstest?

Ja, das kam tatsächlich mal vor, als ich mal eine Jazz-Band produziert habe. Glücklicherweise kam mir hier meine Erfahrung zugute, und ich habe versucht, so gut und so sauber wie möglich aufzunehmen. Später bei der Nachbearbeitung der Audiosignale habe ich außerdem mit nur sehr wenig Kompression gearbeitet, damit die starke Dynamik der Band so gut wie möglich erhalten blieb. Jazz-Trommler beispielsweise spielen ja in der Regel viel filigraner als die Jungs, die im Pop- oder Rockbereich arbeiten. Das hörst du ganz massiv bei den Bassdrums, und erst Recht bei den Snares, etwa wenn mit Besen gespielt wird. Die Herangehensweise ans Instrument ist einfach eine andere. Diese filigranen Anteile richtig rüberzubringen, ist eine große Herausforderung für Tontechniker – nicht gerade etwas für eine Garagen-Aufnahme! (lacht)

Die Klangideale der Szene sind ja einer ständigen Entwicklung unterworfen. Wie versuchst du, immer am Puls der Zeit zu bleiben?

Ich höre nach wie vor sehr viel Musik, vor allem viel verschiedene Musik! Mir wäre es viel zu langweilig, mich nur auf einen Stil zu beschränken. Mitunter versuche ich auch, klangliche Attribute unterschiedlicher Stilistiken miteinander zu kreuzen. Ich nehme mir dann zum Beispiel ein Stilmittel aus dem Pop und verwende es für eine Metal-Produktion – oder umgekehrt! Gelernt habe ich diese Herangehensweise unter anderem bei Scheiben von Michael Jackson. Die Musik ist zwar Pop, klingt aber nicht selten sehr hart. Auf „Beat It“ oder „Bad“ geht es richtig zur Sache. Bei solchen Produktionen merkte man spätestens zu diesem Zeitpunkt, dass die Zeiten der Pauschalisierungen à la „Eine cleane Gitarre ist Pop!“ oder „Rock ist, wenn die Gitarren verzerrt klingen!“ vorüber waren. Ein Bereich, in dem sich eigentlich immer mal wieder sehr viel tut, ist übrigens der Sound der Snaredrum – mehr noch als bei den Bassdrums, obwohl die sich auch schon sehr verändert haben im Laufe der Jahre. Besonders ab dem Punkt, als die Gitarren tiefer gestimmt wurden, begann man ja, den Bassdrums das typische attackreiche Schmatzen zu verleihen. Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Entwicklung war, dass es frequenzmäßig auf einmal wieder Platz für den Bass gab. Die meisten Leute denken ja, diese Produktionen klingen wegen der harten Brettgitarren so fett. Tatsächlich ist es aber der Bass, was man wunderbar etwa bei Nickelback hören und analysieren kann. Was hat sich noch verändert? Den „Loudness War“ bei Produktionen gibt es heutzutage natürlich auch immer noch, wobei der Trend in der letzten Zeit wieder etwas abflaut. Zum Glück, denn ein paar Jahre lang fand ich dieses Wetteifern wirklich kaum zum Aushalten. Bei meinen Produktionen gibt es in den Spitzen +5 dB, und wem das immer noch nicht reicht, der soll gefälligst sein Radio oder seine Stereoanlage lauter machen! Ich mache diesen Quatsch nicht mit, weil ab einem gewissen Punkt alles nur noch kratzig und hart klingt.

Deine Produktion des Albums „Flow“ der norwegischen Prog-Metal-Band Conception galt 1997 vielen Fans und Kritikern klanglich als bahnbrechend. Auch heute noch – 19 Jahre später – klingt das Album frisch und zeitgemäß. Dennoch blieb für die Band damit der ganz große Durchbruch aus. Warst du damals deiner Zeit voraus bzw. waren Hardrock und Prog-Rock/Metal vielleicht noch nicht so weit für den ultracleanen Sound, den du auf „Flow“ gezaubert hast?

(lacht) Ich glaube ganz ehrlich, dass die Plattenfirma die Scheibe schlicht nicht so promoted hat, wie sie es verdient gehabt hätte. Ich bekomme heute noch Mails aufgrund der Produktion zu „Flow“, und es ist tatsächlich eines der Alben, die ich mir selber noch manchmal anhöre. Dass „Flow“ so gut klingt, war eigentlich eine Aneinanderreihung positiver Eigenschaften: Die Songs waren super, und die Musiker waren sehr gut. Dann hatten wir damals viel Studiozeit, die sogar von der Plattenfirma bezahlt wurde. Das gibt es ja heute auch kaum noch. Wir hatten irre viel Zeit und konnten daher sehr genau arbeiten. Das Schlagzeug wurde ganz akribisch gestimmt, die Mikrofonierung mit einem riesigen Batzen erstklassiger Sennheiser-Mikros dauerte auch sehr lange. Ich habe sogar um und über das Drumkit Pressplatten gebaut und habe Schaumstoff-Absorber um die Becken herum konstruiert. Auf diese Weise konnte ich den Raumsound der einzelnen Trommeln ungestört für den Low-End nutzen. Es hat damals einfach alles gepasst!

 

Workshop: Bass aufnehmen

Welche fünf Tipps kannst du einem weniger erfahrenen Tontechniker geben, damit er zu einem sauberen und durchsetzungsfähigen Basssignal für seinen Mix kommt?

1. Ein guter Bassist ist die elementare Grundlage

Gute Bassisten zeichnen sich meiner Meinung nach durch eine sehr dynamische, aber dennoch geregelte und berechenbare Spielweise aus. Und dadurch, dass sie per se mit einem guten und geschmackvollen Sound zu mir ins Studio kommen, der zur Musik der Band passt. Es nützt nichts, wenn der Bass klackert und scheppert. Ich stehe schon auf eine gute Portion Dreck im Basssound, aber dieser Dreck muss für mich immer kontrollierbar bleiben.

2. Ein guter Bass ist absolut wichtig

Ich arbeite zum Beispiel sehr gerne mit Instrumenten von Spector, Music Man, Sandberg und Fender. Eine Gefahr, die man im Blick haben sollte, ist diese hier: Viele Onboard-Preamps von E-Bässen klingen nicht mehr sehr gut, wenn man sie voll aufreißt. Die boosten zwar bestimmte Bereiche, klingen aber ab einem gewissen Punkt ziemlich kratzig und unschön. Im Extremfall kommt es sogar zu Übersteuerungen. Richtig unangenehm kann es dann werden, wenn diese Übersteuerung durch Kompression noch zusätzlich verstärkt wird. Dann hörst du auf einmal das Rechteck richtig aus dem Sound heraus! Daher sollte man Kompression auch niemals gleich während der Bass-Aufnahme einsetzen. Wenn man hier etwas überhört, hat man kaum eine Chance, es hinterher noch zu korrigieren. Kompression kommt bei mir immer erst nach dem Recorden auf die Spur!

3. Intonation wird beim Bass häufig unterschätzt

Bassisten, die bei mir aufnehmen, müssen sich daran gewöhnen, dass ich sie bei der Session oft bitte, das Tuning ihres Instrumentes noch einmal zu kontrollieren – zum Teil auch mitten im Einspielen eines Songs. Wenn das Tuning im Bass nicht stimmt, steht bildhaft gesprochen das gesamte Haus auf einem wackligen Fundament. Den zeitlichen Mehraufwand bei der Recording Session sollte man von daher unbedingt auf sich nehmen!

4. Ein ordentliches Kabel benutzen

Wer möglichst wenig Signal verschenken will, der benutzt ein gutes Kabel. Wenn ich Bass oder Gitarre aufnehme, verwende ich derzeit sehr gerne Instrumentenkabel der deutschen Firma Sommer. Auch meine Multicore-Kabel stammen von denen. Vovox-Kabel habe ich auch ausprobiert und stehe für Vocal-Sessions sehr auf diesen sehr offenen und höhenreichen Ton. Für Bass gefällt mir das Sommer-Kabel allerdings etwas besser – die Vovox-Kabel fand ich dafür fast schon etwas „scratchy“. Ich stehe auf Höhen, aber nur, wenn sie wirklich schön klingen. Gute Stecker sind übrigens auch sehr wichtig. Ein schlechter Stecker kann dir den letzten Nerv rauben. Hier sollte man also bitte nicht am falschen Ende sparen und gleich in hochwertige Neutrik-Stecker investieren.

5. Einen ordentlichen Preamp/Vorverstärker einsetzen

Ein guter Preamp/Vorverstärker ist wichtig, um ein kraftvolles Signal zu gewährleisten. Ich stehe absolut auf meinen 1073 der schwedischen Firma Vintagedesign. Das ist ein Nachbau aus alten Neve-Konsolen, das für mich bei jeder Gelegenheit wunderbar funktioniert. Im Grunde ist der sogar besser als das Original, da er beispielsweise teurere Kondensatoren verwendet. Obwohl ich auch andere Preamps besitze, mache ich eigentlich kaum eine Bass-Session ohne dieses Tool. Der Sound wird dadurch sehr tight und druckvoll, ohne jedoch zu komprimieren. Es gibt davon übrigens auch einen ziemlich guten Nachbau aus China namens Golden Age. Der könnte für Leute interessant sein, die nicht ganz so viel Geld ausgeben können oder wollen. Der Golden Age-Preamp klingt auch sehr gut, wobei ich dem Vintagedesign im Zweifelsfall den Vorzug geben würde. Ich habe im Laufe der Jahre übrigens schon Bassisten gesehen, die diesen Vorverstärker sogar live einsetzen – direkt vor einer Endstufe, manchmal noch mit einem Equalizer dazwischen. Das macht absolut Sinn! 

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