AKG D112
Das Österei aus Osterreich
Ich habe schon als tontechnisch unerfahrener, jugendlicher Trommler eine gewisse Antipathie verspürt, wenn mich bei Auftritten mit meiner ersten Band dieses debile Grinsen der Gummilippe in gnadenlosem 1980er-Türkis aus dem Inneren meiner Bassdrum angeblickt hat. Aber ich habe es überlebt und dafür das gute Gefühl genossen, dass ich mit meinem Fuß die Möglichkeit hatte, sowohl ordentlich Subbass als auch Attack-Punch aus der PA zu drücken.
Das AKG D112 ist nicht zuletzt deswegen so beliebt, weil es bis zu einem gewissen Grad “Set-it-and-forget-it” liefert und das Herumdrehen des Engineers am EQ zumindest im Live-Betrieb auf ein weiteres Absenken der Kesselresonanzen und leichte Arbeit mit den Shelves beschränken kann. Auch im Studio ist das Osterei aus Österreich aufgrund dieser Fähigkeiten äußerst beliebt und gilt nicht umsonst als das Bassdrum-Mikrofon. Das Einsatzgebiet von AKGs Verkaufsschlager beschränkt sich aber nicht auf das Innere der großen Trommel, wie zahlreiche Anwendungen und auch dieser Test zeigen.
DETAILS
Der Mikrofonkorpus ist aus Druckguss-Aluminium gefertigt. Das größte Bauteil, das den Schaft mit der XLR-Buchse beinhaltet, formt auch die Eintrittsöffnungen für den rückwärtigen Schall – es handelt sich nämlich um ein Druckgradientenmikrofon in guter alter Nierencharakteristik. Im vorderen Bereich übernimmt die Gummilippe den Schutz, da ein Korbgeflecht für Beschädigungen naturgemäß etwas anfälliger ist (darunter ist jedoch ein stabiler Stützkorb angebracht). Insgesamt ist das Mikrofon also gegen raue Behandlung gefeit: Schrammen ja, Brüche nein. Die DKC-29-Kapsel mit recht großer Membranfläche ist durch einen zweifachen Schutz weitgehend immun gegenüber Strömungsgeräusche, wie sie vor allem im Bereich der Resonanzlochöffnung von Bassdrums vorkommen.
Wie es sich für ein dynamisches Bassdrum-Mikrofon gehört, ist der Schalldruckpegel, den das Mikrofon verzerrungsfrei übertragen kann, enorm hoch. AKG gibt “nicht mehr messbar” im Manual an. Ob nun messbar oder nicht, hoch genug ist er. 1 kHz wird mit 1,8 mV/Pa übertragen, dem Datenblatt entnimmt man, dass das Mikrofon einen Frequenzgang von 20 Hz bis 17 kHz überträgt. Der Blick in den Frequenzgang verrät, wie es dazu kommt, dass das D112 auch als “Soundmaker” beschrieben wird: Bei 100 Hz, zwischen 3 und 4 kHz und etwas über 12 kHz finden sich die Maxima starker Überhöhungen. Einem Bassdrumsignal tut es ganz gut, wenn – das wäre die umgekehrte Betrachtungsweise – der Bereich zwischen 200 Hz und 2 kHz abgesenkt ist, denn die Trommel klingt dort gerne recht holzig. Ich habe schon öfters einen Bass mit einer Bandsperre in diesem Frequenzbereich komplett eliminiert. Das Air-Band des Mikrofons ist denkbar schwach ausgeprägt, doch sollte sich darüber bei einem Mikrofon dieser Bauart und für diesen Einsatzzwecks niemand mokieren. Das Polar Pattern zeigt, dass das AKG mit einer recht breiten Niere aufzeichnet. Besonders innerhalb der Bassdrum ist dagegen kaum etwas einzuwenden.
Um noch einmal auf die Optik zurückzukommen: Mich erinnert das D112 weniger an ein Osterei, sondern eher an das Raumschiff aus der Matt-Groening-Serie “Futurama”. (Dort hat das Raumschiff in einer Folge eine Affäre mit Bender, der es entsprechend seines Robotercharakters nach Strich und Faden betrügt und dadurch heftige Reaktionen hervorruft.) Die Robustheit des D112 kann ich aus langer Erfahrung bezeugen. Ich habe schon öfters die Situation einer “Wandertrommel” gehabt, bei der das Fell der in Richtung Publikum rutschenden Bassdrum das Mikrofon berührte. Dass der Plastikschlägel meiner Maschine dabei einmal sogar das AKG direkt beschossen hat, konnte man an den leichten Verformungen des Plastikwulstes und des Korbes erkennen – der Funktionalität hat das aber keinen Abbruch getan.
PRAXIS
Es gibt tatsächlich den Begriff “D112-Bassdrum”, der daher rührt, dass eine mit dem Kandidaten mikrofonierte große Trommel gerne eher nach dem Mikrofon klingt denn nach dem Instrument selbst. Ich möchte meine üblichen Gemeinheiten direkt am Anfang des Praxisteils loswerden, dann kann ich danach deutlich entspannter zu Werke gehen: Dieser immer ein bisschen gleich klingende Sound hat mich dazu veranlasst, das AKG öfters einmal als “Jugendzentrum-Bassdrummikro” zu verspotten. Ich hoffe, man mag mir diese Verunglimpfung verzeihen. Einerseits ist die angesprochene Klangformung ja oft sehr hilfreich und der Sound beliebt, bekannt und funktionell, andererseits stecken im D112 noch ganz andere Qualitäten. Dass der eiförmige Wandler aus der Alpenrepublik als “Bassdrum-Mikrofon” gestempelt wird, tut ihm deutlich Unrecht. Dies explizit auszudrücken, kann hoffentlich meine verbalen Sticheleien etwas abmildern, denn das 112 kann flexibler eingesetzt werden, als man zunächst vielleicht denkt.
Durch die große Membranfläche und den angenehmen, aber kräftigen Nahbesprechungseffekt ist das AKG in der Lage, verschiedensten Signalen ordentlich Fundament zu verleihen. Gleichzeitig bleibt durch den “Punch Boost” die Präsenz vorhanden, sodass man fast immer ein durchsetzungsfähiges Signal erhält. An Gitarren und Bass-Cabinets funktioniert das genauso gut wie mit Blech und – das zeigen sicher die Audiofiles – sogar Gesang! Zwar ist es eindeutig “unhandlich” im Bühnenbetrieb, doch sollte man in manchen Situationen den Einsatz vor Vokalisten nicht unversucht lassen!
Ich persönlich bin bei Studioproduktionen kein großer Freund derartiger Bassdrumsounds – aber das ist schließlich mein Problem. Das AKG D112 ist die vielleicht beste und schnellste Lösung, im Live- und im Studiobetrieb einen wirklich professionellen Bassdrumsound zu generieren. Das Signal beinhaltet nicht nur alle wichtigen Signalanteile einer Bassdrum, sondern liefert diese oft auch in angemessener Gewichtung. Mit der Positionierung lässt sich das Verhältnis von Attack und Schub sehr gut steuern. Außerhalb der Druckkammer-Trommel sind zu große Abstände meist nicht angebracht, da der Proximity-Effekt für den Subbass benötigt wird. Der eigentliche Boost bei 100 Hz ist für viele heutige Anwendungen nämlich zu hoch.
Wer nach einem Sorglos-Mikrofon für die Bassdrum-Abnahme sucht, ist nicht erst seit gestern mit einem AKG D112 sehr gut beraten, denn es liefert zum vernünftigen Preis bewährte, robuste Technik und einen Sound, der eigentlich ausnahmslos von zufriedenstellend an aufwärts anzusiedeln ist – ein nicht schrottreifes Instrument vorausgesetzt. Fast immer wird man mit einem 112er ohne umfangreiches Ausrichten und viel EQ-Geschraube einen wirklich gut nutzbaren Bassdrum-Sound erhalten. Ob der Soundstempel des AKG dabei gefällt, ist natürlich Geschmackssache, allerdings hat genau dieser Sound schon unzähligen Hörern, Konzertbesuchern und nicht zuletzt Musikern gefallen. Der zweite Stempel, der in den Köpfen dafür sorgt, dass das Mikrofon ausschließlich für die Bassdrum verwendet wird, kann hingegen ruhig in die Tonne getreten werden: Das D112 ist weit unterschätzt, wenn es um die Aufzeichnung von Amps und Blechbläsern geht – und auch vor anderen Signalquellen schlägt sich das österreichische Ei verdammt gut!
- Pro
- Bass- und Kickboost sorgen für sehr gute Bassdrum-Eignung
- äusserst robust und verzerrungsarm
- gutes Preis-Leistungsverhältnis
- gute Eignung auch bei anderen Schallquellen als Bassdrum
- Contra
- Bassdrumsound wirkt schnell “vorgefertigt”
- Technische Spezifikationen
- Empfängerprinzip: Druckgradientenempfänger (mit Laufzeitglied)
- Richtcharakteristik: Niere
- Wandlerprinzip: dynamisch (Tauchspule)
- Frequenzgang: 20 Hz (ca. -10 dB) - 17 kHz (ca. -8 dB)
- Übertragungsfaktor: 1,8 mV/Pa
- Ausgang: XLR male
- Preis: Euro 209,- (UVP)
Gehört zur Serie
Pro + Contra
- Pro
- Bass- und Kickboost sorgen für sehr gute Bassdrum-Eignung
- äusserst robust und verzerrungsarm
- gutes Preis-Leistungsverhältnis
- gute Eignung auch bei anderen Schallquellen als Bassdrum
- Contra
- Bassdrumsound wirkt schnell “vorgefertigt”
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Der bonedo-Redakteur ist studierter Tontechniker und doziert seit 2000 für SAE Institute. Er arbeitet freiberuflich als Fachjournalist, Workflow-Trainer, Engineer und Fotograf. Bei der Garage-Prog-Band “mouth” bedient Nick das Schlagzeug, “the angst automaton” ist sein IDM-/Trip-Hop-Projekt. 



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